Eigentlich hat er sich auf seinen Ruhestand gefreut. Doch seit etwas mehr als zwei Wochen hat der Ruhestand Pause. Dr. Edgar Gramlich hat eine neue Aufgabe übernommen. Der Albertshöfer ist von Landrätin Tamara Bischof zum Versorgungsarzt für den Landkreis Kitzingen ernannt worden. Er fungiert als Bindeglied zwischen niedergelassenen Ärzten und der Führungsgruppe Katastrophenschutz am Landratsamt. Im Interview spricht er über die momentane Lage im Landkreis und politische Versäumnisse der letzten Jahre.  Außerdem wagt er einen Ausblick auf die Zukunft und beantwortet die Frage, wann man mit einem Ende der Beschränkungen rechnen kann. 

Wie sind Sie zu der neuen Funktion als Versorgungsarzt gekommen?

Dr. Gramlich: Als absehbar war, dass die Corona-Pandemie auch hier im Landkreis alle medizinischen Kräfte erfordern würde, habe ich mich beim Vorstand der Klinik Kitzinger Land gemeldet und meine Dienste angeboten. Ich dachte eigentlich, dass ich eventuell in der Ambulanz eingesetzt werden könnte.

Jetzt sind Sie Versorgungsarzt.

Dr. Gramlich: Ja, hat mich selber überrascht. Der große Vorteil ist, dass keine Kollegen einspringen müssen, die noch im Praxisbetrieb sind und eh schon genug um die Ohren haben. Ich bin ja eigentlich seit Ende letzten Jahres im Ruhestand (lacht).

Was konnten Sie in den letzten zwei Wochen schon leisten?

Dr. Gramlich: Ich habe einen Krisenstab zusammengestellt. Mit diesem haben wir binnen weniger Tage eine „Schwerpunktpraxis Corona“ auf die Beine gestellt. Die hat seit diesem Dienstag geöffnet.

Hinter der Sickergrundhalle hat das BRK ein Zelt und einen Untersuchungscontainer errichtet.

Dr. Gramlich: Ein guter Standort. Die Nähe zur Teststation in der Halle ist hilfreich. Wir können in der Schwerpunktpraxis alle Patienten mit fieberhaften Atemwegsinfekten behandeln und die Corona-Verdachtsfälle dorthin einbestellen. Patienten mit einer gesicherten Covid-19-Infektion mit mildem Krankheitsverlauf werden dort ebenfalls untersucht und behandelt. Die Arbeit in der Schwerpunkt-Praxis ist gut angelaufen.

Wer arbeitet dort?

Dr. Gramlich: Kolleginnen und Kollegen aus dem Landkreis, die sich abwechseln.

Wer gehört zum Krisenstab?

Dr. Gramlich: Ich habe sechs Arztpraxen im Landkreis angerufen, die einen größeren Personalbestand haben, wo mehrere Ärzte unter einem Dach zusammenarbeiten. Ich habe gesagt: Wir treffen uns heute um 17 Uhr im Landratsamt zur ersten Sitzung. Ohne irgendeine Diskussion ist jede/r der KollegInnen gekommen. Das ist alles andere als selbstverständlich, gerade in diesen Zeiten. Die KollegInnen haben genug Arbeit. Ich habe mich über die Hilfe sehr gefreut.

Welche Sorgen treiben die Kollegen vor allem um?

Dr. Gramlich: Die mangelnde Schutzausrüstung. Sie könnten vor Ort, in ihren Praxen, viel mehr leisten, wenn sie ausreichend Schutzmaterial hätten. Ich behaupte mal: Hätten alle Ärzte genug Schutzausrüstung zur Verfügung, bräuchten wir die Lösung am Sickergrund gar nicht.

Die Ärzte müssen sich selber schützen.

Dr. Gramlich: Natürlich. Und ihr Personal. Und vor allem ihre Patienten. Ein einzelner Arzt kann bestimmt bis zu 100 Leute anstecken, wenn er selbst Corona hat und das zu spät merkt. Dieses Risiko dürfen wir nicht eingehen.

Warum mangelt es in unserem reichen Land an Schutzausrüstung?

Dr. Gramlich: Weil wir eine fürchterliche Mangelverwaltung haben. Wir haben uns wohl über viele Jahre hinweg zu sicher gefühlt. Dabei wussten wir Mediziner, dass so eine Pandemie jederzeit kommen kann. Es gab mit der Schweinegrippe oder der Vogelgrippe ja schon Warnschüsse.

Ein Vorrat hätte beizeiten angelegt werden müssen?

Dr. Gramlich: Natürlich. Wir brauchen Depots für Schutzanzüge und Materialien. Dieses Denken ist aus der Politik verschwunden. Hoffentlich ändert sich das. Was wir gerade mit Corona erleben, kann sich mit anderen Keimen durchaus wiederholen.

Gibt es in der Schwerpunktpraxis genug Schutzausrüstung?

Dr. Gramlich: Im Moment schon, aber wir müssen immer die Augen und Ohren offen halten, damit wir Nachschub bekommen.

Landrätin Tamara Bischof hat im Kreistag die Arbeit der Kassenärztlichen Vereinigung kritisiert.

Dr. Gramlich: Nicht ganz zu Unrecht. Die Notfallnummer 116117 ist aktuell funktionell tot, weil völlig überlastet. Die Wartezeiten sind viel zu lang. Das sorgt natürlich für Frust bei den Patienten, die sowieso schon verunsichert sind.

Die Politik diskutiert gerade mögliche Lockerungen. Sind wir aus medizinischer Sicht schon so weit?

Dr. Gramlich: Solange der Katastrophenfall besteht, sollten die Maßnahmen nicht aufgehoben werden. Aus meiner Sicht sind Lockerungen erst dann vertretbar, wenn die gesamte Bevölkerung mit ausreichend Desinfektionsmitteln und Schutzmasken ausgestattet werden kann.

Trotz des bedauernswerten ersten Todesfalls hat man beim Blick auf die aktuellen Zahlen den Eindruck, dass wir im Landkreis Kitzingen eine Menge Glück haben.

Dr. Gramlich: So ist das. Die Zahl der Infizierten hält sich mit 85 in Grenzen. Der Notarztdienst ist geregelt, in der Klinik Kitzinger Land gibt es ausreichend Kapazitäten für Intensivpatienten. Wir leben hier tatsächlich auf einer „Insel der Glückseligen“.

Woran liegt das?

Dr. Gramlich: In einer ländlich strukturierten Gegend fällt es leichter, Abstand zu halten als in einer Großstadt. Und wir haben das Virus bislang Gott sei Dank aus den Altenheimen heraushalten können.

Wie hat sich der Krisenstab auf so einen Fall vorbereitet?

Dr. Gramlich: Ein Kollege würde im Fall der Fälle sofort in das betroffene Altenheim fahren, um einen Abstrich zu machen. Wir haben die Zusage, dass das Laborergebnis dann innerhalb von 24 Stunden eintreffen würde. Die Pflegekräfte in den Seniorenheimen könnten schnell reagieren und den betroffenen Bewohner separieren. Am besten ist es natürlich, das Virus weiterhin aus den Heimen fernzuhalten.

Wie lange müssen wir uns noch auf Beschränkungen des Alltags einstellen?

Dr. Gramlich: Solange, bis es eine medikamentöse Lösung oder eine Impfung gibt. Wir brauchen alle noch eine Menge Geduld.

Besondere Hilfe

Versorgungsarzt: Dr. Edgar Gramlich ist seit dem 31. März das Bindeglied zwischen der Führungsgruppe Katastrophenschutz am Landratsamt und den niedergelassenen Ärzten im Landkreis Kitzingen.

Die Aufgabe: Der Versorgungsarzt nimmt eine koordinierende Funktion aller Arztpraxen im Landkreis ein. Er soll eine ausreichende Versorgung mit ärztlichen Leistungen und entsprechender Schutzausrüstung für die Arztpraxen im Landkreis planen und die Verteilung koordinieren – sofern diese Materialien verfügbar sind.

Corona-Schwerpunktpraxis: Eröffnet am Dienstag, 14. April auf dem Parkplatz des Sickergrundstadions in Kitzingen.

Wichtige Information für Patienten: Bei einem Verdacht auf eine Covid-19-Erkrankung sollen sie sich weiterhin telefonisch erst an ihren Hausarzt wenden. Dieser entscheidet dann, ob er die Patienten in der eigenen Praxis behandeln kann, oder ob er sie an die Schwerpunktpraxis verweist. Koordiniert wird die Terminvergabe bis auf Weiteres über das Landratsamt. Betrieben wird die Praxis von niedergelassenen Ärzten, die sich freiwillig gemeldet haben, Patienten werden also nicht vom eigenen Hausarzt behandelt.