Vorsorge ist besser als Soforthilfe

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Ein Traktor wirbelt Staub auf. Auch im Landkreis Kitzingen war der Sommer viel zu trocken. Dennoch rechnen die Experten nicht damit, dass hiesige Landwirte die Soforthilfen des Bundes in Anspruch ...
Foto: Ralf Dieter
Dürre hat Milchbauern im Griff
Ein Milchbauer in Nordrhein-Westfalen verteilt bereits jetzt das Winterfutter für seine Kühe im Stall ...
Dürre hat Milchbauern im Griff
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Experten prophezeien, dass nur wenige Landwirte Zuschüsse in Anspruch nehmen.

Stell Dir vor, es gibt staatliche Hilfe in Millionenhöhe. Aber keiner ruft sie ab. Zumindest niemand im Landkreis Kitzingen. Unvorstellbar? Keinesfalls.

150 bis 170 Millionen Euro beschließt die Bundesregierung als Soforthilfe für all die Landwirte, die in diesem Jahr von der Dürre betroffen sind. Den gleichen Betrag sollen die Länder zuschießen. „Diese Hilfe wird in unseren Breiten niemand in Anspruch nehmen“, prophezeit der Obmann des Bayerischen Bauernverbandes, Alois Kraus. Eine Erklärung hat er auch: Zinslose Darlehen würden unter dem Strich wenig weiterhelfen. „Die muss man ja irgendwann zurückzahlen.“

„Diese Hilfe wird in unseren Breiten niemand in Anspruch nehmen.“
Alois Kraus, BBV-Obmann, über die beschlossenen Soforthilfen

Es gibt noch einen anderen Grund, warum die Landwirte in der Region vermutlich keine Soforthilfe in Anspruch nehmen werden. Wer einen entsprechenden Antrag stellen will, der muss erst einmal Eintragseinbußen in Höhe von mindestens 30 Prozent nachweisen. In den Gesprächen mit seinen Kollegen hat Kraus immer wieder vernommen, dass diese Grenze nicht erreicht wird. Und das ist die gute Nachricht in einem schlechten Erntejahr: Im Vergleich zu den Kollegen im Norden und Osten des Bundeslandes sind die meisten fränkischen Landwirte noch mit einem blauen Auge davon gekommen. „Regional ist ja doch der eine oder andere Schauer runter gekommen“, erinnert Kraus. So extreme Ertragseinbußen wie in Niedersachsen oder Brandenburg habe es hierzulande nicht gegeben.

Das bestätigt auch der Geschäftsführer des Bauernverbandes in Kitzingen, Wilfried Distler. Die Kollegen in Norddeutschland hätten die Hilfe bitte nötig, in Franken sei man den Umgang mit Trockenheit gewohnt. Die meisten Landwirte legen seit Jahren einen größeren Futtervorrat an.

Bernd Hörner hat rund 60 Kühe in seinem Stall stehen. Die wollen mit Futter versorgt werden, Tag für Tag. Hörner kann sich noch an die Erzählungen seines Vaters erinnern: 1976 hat der täglich frisches Heu geholt, auch damals war das Jahr sehr trocken und heiß. Der Kleinlangheimer sorgt auch deshalb – wie die meisten seiner Kollegen – vor. Etwa ein Drittel des Jahresbedarfs an Futter legt er als Vorrat an. „Die letzten beiden Jahre sind ja gut gelaufen“, sagt er, was Alois Kraus bestätigen kann. „Die Erträge und die Futtersituation waren relativ gut.“

Aber das trockene Jahr 2018 geht natürlich auch an den hiesigen Landwirten nicht spurlos vorbei. „Mit der Vorratshaltung kommen wir an unsere Grenzen“, berichtet Kraus. Und Bernd Hörner ergänzt, dass die Preise für den Doppelzentner Stroh schon enorm gestiegen sind – von durchschnittlich acht bis neun Euro in den letzten Jahren auf rund 20 Euro. Die Frage lautet deshalb, ob die Soforthilfe der Bayerischen Staatsregierung überhaupt praxistauglich ist, wie Distler zu bedenken gibt. „Zuschüsse für den Zukauf von Grundfutter sind grundsätzlich gut gemeint“, sagt er. „Das Problem ist nur, dass am Markt kaum Futter verfügbar ist.“

„Wir verkaufen keine Milch, wir liefern sie nur ab.“
Bernd Hörner, Milchviehhalter

Noch so ein Jahr und den Landwirten wird es auch in Mainfranken an die Existenz gehen. Subventionen vom Bund oder von den Ländern sind für Bernd Hörner trotzdem nicht die Lösung. Gerade nicht auf lange Sicht.

Lösungen sieht der Kleinlangheimer, der sich im Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) engagiert, mehr beim Verbraucher – und beim Verhandlungsgeschick seines Berufsstandes. Auf 28 bis 29 Cent pro Liter ist der Milchpreis in der Krisenzeit, nach Abschaffung der Milchquote, gesunken. Derzeit liegt er bei rund 35 Cent pro Liter. Nicht schlecht, aber auch nicht ausreichend. „Durchgehend 40 Cent pro Liter wären super“, sagt Hörner, der die Rolle der Bauern im Handelskreislauf der Milch und Butter scharf kritisiert. „Wir verkaufen keine Milch, wir liefern sie nur ab.“

Entsprechend wenig profitieren die Milchbauern denn auch von den Preissteigerungen im Supermarkt. Die Gewinne sahnen laut Hörner die Lebensmittelkonzerne und die Molkereien ab. „Wenn die Preise runtergehen, sind wir allerdings die ersten, die es merken“, ärgert sich der Kleinlangheimer. Sein Wunsch an die Verbraucher: Regional kaufen, die heimischen Landwirte unterstützen. „Das wäre für uns schon eine große Hilfe.“

Gegen steigende Milchpreise hätte BBV-Obmann Alois Kraus sicher auch nichts einzuwenden. In Notzeiten seien staatliche Hilfen allerdings richtig. „Falls 2019 genauso wird wie 2018, schaut es auch bei uns schlecht aus“, meint er. Die Futtervorräte seien schließlich zum großen Teil aufgebraucht. Kraus hofft auf verwertbare und umsetzbare Ergebnisse aus der Forschung und der Wissenschaft. Auf Erkenntnisse, wie die herkömmlichen Früchte auch bei großer Trockenheit und Hitze gewinnbringend angebaut werden können – oder welche neuen Früchte oder Sorten auf Frankens Feldern zukunftsfähig sein könnten. „Der Klimawandel ist mittlerweile ja wirklich spürbar“, sagt Kraus und betont: „Flächendeckend bewässern können wir sicher nicht.“

Ausnahmeregelungen

Bio-Betriebe dürfen in diesem Jahr auch konventionelles Futter verfüttern. Voraussetzung: Sie müssen nachweisen, dass sie sich vergebens nach Bio-Futter umgesehen haben.

Wer das so genannte Greening betreibt, also ökologische Vorrangsflächen mit Zwischenfrüchten ansät, der darf in diesem Jahr auch Mischungen säen, die später verfütterbar sind. Wilfried Distler begrüßt diese Ausnahme grundsätzlich. „Bisher hat das allerdings niemand in Anspruch genommen“, sagt er. „Weil es einfach zu wenig regnet.