Sie ist emotional. Aber das ist kein Wunder. Es geht um ihre Existenz. Kerstin Wirsing hat seit elf Monaten so gut wie keine Einnahmen generiert – und keine Aussicht auf Besserung. Die Reisebranche liegt am Boden. Vor 18 Jahren hat sie ihre Reiseagentur in Segnitz gegründet. Als eine der ersten Ich-AGs in Unterfranken. Wirsing baute sich eine treue Stammkundschaft auf, die Geschäfte liefen gut – bis Mitte März 2020. Bis zum ersten Lockdown.

„Die finanziellen Ressourcen sind aufgebraucht“, sagt Kerstin Wirsing, Reisebüro-Besitzerin aus Segnitz. „Seither sind alle Kunden sehr verunsichert." Auch im Sommer des letzten Jahres, als es Lockerungen gab, wurden viele Reisen storniert. Die Aussagen der Politiker haben nach ihrer Meinung zur Verunsicherung beigetragen. „Die Menschen haben eine große Sehnsucht nach Reisen, aber das wird stigmatisiert“, bedauert Wirsing.

Reiseagentur-Besitzerin hat ihr Anliegen mehrmals  in Berlin vorgetragen

Die Geschäftsfrau engagiert sich im Aktionsbündnis „Rettet die Reisebranche“. Sie ist gut vernetzt, hat ihre Anliegen mehrmals in Berlin vorgetragen. „Ohne Ergebnis“, ärgert sie sich. Wirtschaftsminister Peter Altmaier habe die Branchenvertreter angehört und versprochen, sich explizit um deren Sorgen zu kümmern. „Vier Wochen ist das her“, berichtet die 50-Jährige. „Passiert ist nichts.“

Dabei sind die Signale aus der Branche fatal. Von rund 11.000 Büros in Deutschland sind etwa 3000 schon jetzt pleite. Die Ungewissheit nagt an der Psyche und führt mitunter zu fatalen Folgen. „Sieben Kollegen haben sich das Leben genommen“, sagt Wirsing mit belegter Stimme.

Aufgeben ist nicht ihr Ding. Sie will weiterkämpfen. „Aber die finanziellen Ressourcen sind aufgebraucht“, erklärt sie. In den letzten Monaten hat sie von dem gelebt, was sie eigentlich für die Altersvorsorge zurückgelegt hatte, jetzt will sie ihr geerbtes Haus verkaufen, um es künftig als Mieterin zu nutzen. „Ich sehe keinen anderen Weg“, sagt sie.

Gelder vom Staat helfen kaum

Kerstin Wirsing hat die Krise mehrfach getroffen. Als Sängerin in der Band "Smile" hat sie sich vor Corona ein Zubrot verdient. „Seit einem Jahr ist nichts mehr drin.“ Das gilt auch für ihr drittes Standbein. An Kurse als Meditations- und Achtsamkeitstrainerin ist nicht zu denken. Höchstens online. „Das versuche ich jetzt“, sagt sie. Und die finanziellen Hilfen vom Staat? Kerstin Wirsing muss lächeln. Die Überbrückungshilfe muss ins Geschäft investiert werden. „Da darf ich nichts für Lebenshaltungskosten abzwacken.“ Und Arbeitslosengeld II wollte sie beantragen. 60 Seiten hätte sie für den „vereinfachten Antrag“ ausfüllen müssen, ihr Lebenspartner sollte die Konto-Auszüge der letzten 18 Monate vorlegen. Wirsing hat sich lieber bei der Post (Antwort: überqualifiziert) und beim Gesundheitsamt beworben. „Wenn im Impfzentrum Bedarf ist, wollen sie auf mich zukommen“, berichtet sie.

Auf der anderen Mainseite wartet auch Reiner Strauss auf bessere Zeiten. Seit dem 16. Dezember ist sein Reisebüro geschlossen, ein paar Anrufe und Mails beantwortet er pro Tag. Die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, ein Lehrling hat schon umgesattelt. „Die Branche hat es hart gebeutelt“, sagt er. Die Einbußen liegen bei mehr als 90 Prozent.

Und das Schlimmste: Es gibt kaum Hoffnung auf Besserung. Immerhin: Die Veranstalter kommen den Kunden weit entgegen. Mit dem sogenannten Flex-Tarif kann ohne großes Risiko gebucht werden. Bis 14 Tage vor Abreise kann komplett storniert oder umgebucht werden. Drei Prozent vom Reisepreis müssen die Kunden für diesen Service zuzahlen.

"Im Moment sind die Preise im Keller"

„Ich mache fünf bis zehn Prozent vom normalen Umsatz", sagt Johann Burtz, Reisebürobesitzer aus Marktsteft. „Im Moment sind die Preise im Keller“, sagt Strauss und empfiehlt trotz der Unsicherheit frühzeitig zu buchen. „Wenn wieder alles aufmacht, schießen die Preise in die Höhe.“ Wann dieser Zeitpunkt eintritt, kann der Marktbreiter aber auch nicht vorhersagen. Im Moment sei nicht absehbar, welche Länder im Sommer geöffnet haben und welche Ein- und Ausreisebeschränkungen dann gelten. „Die Impfung müsste halt weltweit in die Gänge kommen.“

Ein Stück mainaufwärts hat Johann Burtz vor 30 Jahren sein Reisebüro „Fly away“ gegründet und sich auf Geschäfts- und Individualreisen spezialisiert. Zeiten wie diese hat er noch nie erlebt. „Ich mache fünf bis zehn Prozent vom normalen Umsatz“, sagt er. Die vielen und kurzfristig angekündigten Veränderungen setzen den Kunden zu. Vor allem, wenn es um die Rückkehr nach Deutschland geht. „Die Tests und die Angst vor einer Quarantäne schrecken die Menschen ab“, sagt Burtz. Dabei wollen viele raus, sind Corona und der Restriktionen überdrüssig. Kürzlich erst hat er mit Geschäftspartnern in Südafrika und Sri Lanka telefoniert. „Die wundern sich über die Berichterstattung in Deutschland“, erzählt er. „In Südafrika machen sie die Strände und Gaststätten wieder auf und Sri Lanka führt ein ganz normales Leben“, sagt er. Davon ist man in Deutschland noch weit entfernt. In den Osterferien wird wohl kaum jemand verreisen, prognostiziert Kerstin Wirsing. An Pfingsten wird es vor allem Reisen mit dem eigenem Pkw geben. Wann es wieder gut gebuchte Charterflüge und Kreuzfahrten gibt, kann sie nicht sagen. „Im ersten Halbjahr wird sich nicht viel ändern“, meint Johann Burtz. „Das sagt mir mein Gefühl.“ Was dann kommt, sei schwer zu prognostizieren. Nur eines sei jetzt schon klar: Die Reisebranche steht seit einem Jahr im Regen.

Tipps vor dem Urlaub

  • Reiserücktrittsversicherung: Wenn die Airline von sich aus Flüge stornieren muss, erhalten die betroffenen Kunden ihr Geld zurück. Kann der Kunde aus eigenem Verschulden den Flug nicht antreten, sieht es oft anders aus. Für die Reise 2021 bietet es sich besonders an, eine Reiserücktrittsversicherung abzuschließen, die auch bei einer Pandemie greift.
  • Achtung: Die Reiserücktrittversicherung zahlt meistens nur, wenn die Reise zum Beispiel wegen einer Erkrankung nicht angetreten werden kann. Nur wenige Anbieter springen auch dann ein, wenn die versicherte Person positiv auf Corona getestet wird oder als Kontaktperson in Quarantäne muss.
  • Einige Länder bietet mittlerweile kostenlose oder kostenpflichtige Corona-Versicherungen an. Diese übernehmen im Falle einer Covid-19-Erkrankung am Urlaubsort unter anderem die Kosten für Quarantäne und Behandlung.
  • Flex-Tarife: Zahlreiche Anbieter haben mittlerweile Flex-Tarife im Angebot. Gegen eine prozentuale Zuzahlung des Gesamtreisepreises (in der Regel drei Prozent) kann die Reise 14 Tage vor Antritt entweder storniert oder umgebucht werden.
  • Impfpflicht an Bord? Die australische Airline Qantas hat schon vor einigen Tagen angekündigt, künftig nur noch geimpfte Passagiere an Bord zu lassen. Ob andere Airlines nachziehen, lässt sich derzeit nicht sagen.

 

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