So ganz geheuer ist es ihm nicht. Oder will Charly vielleicht nur sein blond-glänzendes Fell nicht schmutzig machen? Nemo interessieren seine braunen Locken gerade gar nicht. Mit wilden Sprüngen wirft er sich am Bachzulauf des Iphöfer Sees todesmutig ins matschige Nass, während Charly gerade noch die Kurve kriegt. Die beiden Welpen haben sichtlich Spaß beim Toben und Spielen. „Das ist so wichtig für die Entwicklung“, sagt Nemos Frauchen Kathrin Suchy. Sie ist froh, dass sie mit Jürgen und Renate Schenk zwei Neu-Hundebesitzer im Bekanntenkreis hat. In Corona-Zeiten fehlen nämlich nicht nur den Menschenkindern die sozialen Kontakte. Auch die Hundeschulen waren geschlossen. Charly und Nemo waren quasi im Hunde-Homeschooling. Über so viel Engagement „ihrer“ Hundebesitzer freut sich Hobbyzüchterin Beate Hinz. Labradorrüde Charly stammt aus dem letzten Wurf ihrer Hündin „Bella“ und hat mit den Schenks eine perfekte Familie gefunden. Ihre Philosophie, dass jeder Hund als Individuum angesehen werden muss, geht weit über die Suche nach passenden Besitzern hinaus. „Es muss passen“, findet sie und proklamiert diesen Grundsatz auch für die Hundeerziehung. „Der Kontakt mit anderen Welpen ist das Wichtigste dabei.“ Die Tiere müssten die Verhaltensweisen erst erlernen, und das geht am besten im gemeinsamen Spiel. „Es kann gravierende Folgen haben, wenn ein Hund nur allein mit sich und dem Menschen bleibt. Da kann man sich noch so intensiv mit ihm beschäftigen. Die Menschensprache kann ein Hund schnell lernen. Was er braucht, ist aber, die Hundesprache zu lernen.“ Andernfalls könnte es sein, dass die Tiere sich gar nicht mit den Artgenossen vertragen – ein Zustand, der für alle Beteiligten großen Stress bedeutet.

„Die Menschensprache kann ein Hund schnell erlernen. Was er braucht, ist aber, die Hundesprache zu erlernen.“
Beate Hinz, Züchterin

Der kann natürlich ebenso entstehen, wenn die Erziehung vernachlässigt wird. Ohne die Unterstützung von Profis in einer Hunde- oder Welpenschule müssten Besitzer erst recht schauen, dass sie die richtige Methode für sich und ihr Tier finden. „Es gibt keine einheitlich passende Hundeerziehung“, ist die Züchterin überzeugt. „Mensch und Tier müssen herausfinden, was sie voneinander erwarten und wie sie es erreichen.“ Bücher und Videos könnten da sehr hilfreich sein. „Es empfiehlt sich, möglichst viele, unterschiedliche Arbeitsweisen kennenzulernen. Und dann die Richtige für sich zu finden.“

Soziale Kontakte sind wichtig

Diese Position kann Nicole Breder nur bestätigen. Die Inhaberin der „Kitzinger Welpenschule“ mit Sitz in Wiesentheid ist Verfechterin der Hundeerziehung über positive Verknüpfungen. „Wer immer nur 'Nein' sagt, wird bei seinem Hund nicht weiterkommen“, sagt Breder. „Jeder, der Kinder hat, wird das bestätigen können.“ Zustimmung hat sie auch für Hinz' These von der Bedeutung von sozialen Kontakten für die Entwicklung der Welpen. Allerdings hält sie es für wichtig, mehrere verschiedene Artgenossen zu treffen – wie zum Beispiel beim Welpentraining.

Dass das in den letzten Monaten nicht möglich war, hält Breder, die ihre Welpenschule zusammen mit ihrem Mann vor über 15 Jahren aufgebaut und inzwischen ein achtköpfiges Team um sich versammelt hat, für bedenklich. „Jeder Hund sendet andere Signale aus. Der eine ist mutiger, der andere ängstlicher. Hunde schauen sich unheimlich viel voneinander ab, lernen voneinander. Allein deswegen ist es sinnvoll, das Training in einer größeren Gruppe zu machen.“ Zwar werde auch hier noch einmal nach Körpergröße und Charakter der Tiere unterschieden. Die Ablenkung, mit der Hund und Herrchen früher oder später zurechtkommen müssen, sei aber um ein Vielfaches höher. „Wenn die Leinenführigkeit oder das Kommen in dieser Umgebung klappt, dann klappt es auch alleine“, ist Nicole Breder sicher.

Von vorne anfangen

Und so hat sie den Tag herbeigesehnt, an dem sie Welpen und Besitzer wieder auf ihrem Gelände vereinen darf. Nach dem letzten Lockdown habe es beim ersten Treffen erst einmal großes Chaos gegeben, von der Arbeit vor der Zwangspause war nicht mehr viel übrig geblieben. „Wir mussten von vorne anfangen“, erinnert sich die Hundetrainerin. Für immer verloren sei die Zeit zwar nicht. „Man kann es in den Griff kriegen. Aber wenn sich der Hund erst einmal etwas angewöhnt hat, ist es schwierig, das wieder loszubekommen.“ Besitzer sollten ihre Erwartungshaltung im Moment jedenfalls eher etwas zurückschrauben.

Im schlimmsten Fall stellen sie fest, dass sie mit ihrem Hund und seiner Erziehung nicht zurechtkommen. „Am Ende ist es immer der arme Teufel am anderen Ende der Leine, der für alles Verpasste bezahlt“, weiß Peter DiFalco. Er ist geprüfter Hundetrainer und gibt sein Wissen an die Mitglieder des Kitzinger Hundesportvereins „Fellbündel Pik Ass“ weiter. DiFalco vermutet, dass die Corona-Zeit nicht nur für volle Kassen bei den Hundezüchtern, sondern vor allem auch für volle Tierheime gesorgt hat. Außerdem ist er davon überzeugt, dass kein Video und kein Buch die Arbeit mit einem Hundetrainer ersetzen kann. Umso schlimmer, dass diese für so lange Zeit nicht möglich war. „Dafür muss ich aber nahe ran an den Hund, muss auch mal mit dem Besitzer Körperkontakt aufnehmen. Mit 1,50 Meter Abstand und Zuschauen funktioniert das nicht.“ Wo der Trainer nicht eingreifen dürfe, könne er auch nicht korrigieren. Die Trainings- und Aufklärungsarbeit, zum Beispiel, wenn es um das Thema Kastration geht, laufe derzeit einzig und allein über das Telefon. „Natürlich kann ich Ratschläge geben. Trotzdem ist jedes Tier anders, braucht eine andere Art von Erziehung, hat andere Bedürfnisse. Aus der Ferne ist das nicht zu entscheiden.“

In Bewegung bleiben

Und so müssen sich auch die Familien Suchy und Schenk derzeit noch auf ihr eigenes Gespür verlassen. Beide haben Erfahrung mit Hunden, geben sich aber gerne auch gegenseitig Tipps und Ratschläge oder holen sich jeden Sonntagabend Inspiration bei TV-Hundecoach André Vogt. Im Hause Suchy übernehmen Kathrins Ehemann Radovan und die zwölfjährige Tochter Louisa in der Erziehung des 14 Wochen alten Lagotto Romagnolo, des italienischen Wasserhundes, die Hauptrollen – er mit seinem Wissen aus vielen Jahren mit zwei Berner Sennhunden, sie mit ganz viel Liebe. Bei den Schenks ist es dagegen schon etwas länger her, dass ein Hund im Haus war. Gesundheitliche Gründe haben den Ausschlag gegeben, dass sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Hund machten – und dabei auf ihr neues Familienmitglied, den 15 Wochen alten Charly gestoßen sind. „Mit ihm bleibt man auf jeden Fall in Bewegung“, erklärt Renate Schenk – im Moment sogar nachts. Durchschlafen und stubenrein werden müssen die kleinen Racker eben genauso erst noch lernen wie den Umgang mit ihren Artgenossen. Corona hat die Bedingungen zwar erschwert, mit ihrem „Homeschooling für Hunde“ konnten die Familien Schenk und Suchy das fehlende Welpentraining aber zumindest ein Stück weit kompensieren. Und zum Nachholen ist es, wie gehört, ja nie zu spät.