Ruhe, Frieden und Klarheit

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Holger Seel hat seine Yoga-Suite stilecht eingerichtet. Foto: Seel
Holger Seel
INDIA-HEALTH-YOGA-DAY
In Indien gehört Yoga zum Alltag dazu. In Europa praktizieren auch immer mehr Menschen. Der heutige Welt Yoga Tag weist auf die gesundheitlichen Vorzüge hin, die regelmäßige Übungen mit sich bringen ...
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NARINDER NANU (AFP)

Wie Yoga unser Leben bereichern kann – und uns reifen lässt.

Yoga ist viel mehr als tief atmen, meditieren und Mantras aufsagen. Yoga ist eine Lebensphilosophie und Lebenshilfe. Kaum einer weiß das so gut wie Holger Seel. Der gelernte Fotograf praktiziert seit 21 Jahren Yoga und hat vor zehn Jahren seine Ausbildung zum Yoga-Lehrer abgeschlossen. Mit der Yoga-Suite in Kitzingen hat er schließlich endgültig seine Passion zum Beruf gemacht. Er ist davon überzeugt: Yoga kann heilen.

Der heutige 21. Juni ist nicht nur kalendarischer Sommeranfang, sondern auch Welttag des Yogas. Kursangebote gibt es mittlerweile auch in der westlichen Welt mehr als genug: Mutter-Kinder-Yoga, Schwangeren-Yoga. Es gibt Klangyoga, Hormonyoga und viele andere – manchmal exotische – Abwandlungen. „Es ist nicht leicht, den Überblick zu behalten“, weiß der 40-Jährige. Letztlich gehe es bei den „integralen Kursen“, die sich nicht nur alleine auf den sportlichen Effekt konzentrieren, immer um das Gleiche: „Den eigenen Körper wieder zu spüren, um sich innerer Vorgänge bewusst zu werden, damit die Energie wieder fließen kann. Damit auch die körperlichen Systeme Ausgleich finden“.

90 Minuten dauert eine Yogastunde in der Regel bei Holger Seel. Sie läuft immer ähnlich ab: Ankommen, hinlegen, beide Hände auf die Brust legen und die vergangenen Tage Revue passieren lassen. Vereinfacht ausgedrückt, stoßen an diesem Punkt im Brustbereich die Bahnen des Verstandes, des Herzens und der Intuition zusammen. „Hier kann eine Verbindung zwischen diesen Elementen hergestellt werden“, sagt Seel. Leicht sei das gerade für viele Neueinsteiger nicht. „Ihre Gedanken fliegen noch.“

Viele Menschen hätten im Laufe ihres Lebens gelernt, die Triebe und Sehnsüchte zu vergraben. Die Folge: Funktionierende Erwachsene, die den Alltag äußerst erfolgreich und konditioniert leben, sind in bestimmten emotionalen Bereichen immer noch auf dem Reifestand eines Kindes. Seel sieht seine Aufgabe darin, Ruhe, Frieden und Klarheit zu fördern. Er möchte den Weg zu einem selbstverantwortlichen Menschen weisen. Einen Menschen, der den „bewussten Umgang aller seiner Lebensinhalte anstrebt.“

„Jedes Gefühl darf da sein“, betont der Yoga-Lehrer. Ärger, Wut, Angst, Trauer, aber auch Freude dürfen und sollten wahrgenommen werden, wenn die Kursstunde losgeht. „Sie bedeutet für viele die allererste Entlastung nach dem Alltagsgeschehen.“ Dann wird es für den Verstand ein wenig kompliziert: Der Praktizierende übernimmt idealerweise die Rolle des eigenen Beobachters. „So können Intuition und Kopf besser getrennt voneinander wahrgenommen werden, denn nur so finden wir die Lösungsansätze für alte, belastende Prägungen im Unterbewusstsein“, erklärt der Yogalehrer.

„Das betrifft ja schon unser Schulsystem“, kritisiert Seel. Die Lerninhalte für Kinder sind bis auf wenige Ausnahmen rein logisch orientiert und sollen den Verstand (das Großhirn) trainieren. Bewegung, frische Luft und Empathie kämen zu kurz. „Und wann wird dem Schüler schon der richtige Umgang mit all den Emotionen gelehrt?“ So seien wir als Erwachsene noch gefordert, in diesen Dingen nachzureifen.

Die Auswirkungen können unter Umständen sehr stark werden. Angststörungen und andere psychische Leiden sowie psychosomatische Erkrankungen seien oft die Folge. Letztendlich könne sich das stressbedingte Verhalten überall im Körper ausdrücken – und irgendwann auch krank machen.

Tatsächlich haben die psychischen Erkrankungen in den letzten Jahren in Deutschland drastisch zugenommen. „Psychische Belastungen und Störungen zählen seit 20 Jahren mit steigender Tendenz zu den häufigsten Ursachen krankheitsbedingter Fehlzeiten am Arbeitsplatz“, schreibt das Robert-Koch-Institut in seinem Gesundheitsbericht. Als Ursache für Krankschreibungen nehmen Depressionen in Ländern mit mittlerem oder hohem Einkommen mittlerweile weltweit die erste Stelle ein.

Wer individuelle psychologische Hilfe sucht, muss unter Umständen viel Zeit aufwenden, um für sich das Richtige zu finden. Für Holger Seel ist das alles keine überraschende Entwicklung. Viele Menschen haben den seelischen Halt verloren, schlechte Ernährung und negative Umwelteinflüsse tun ihr Übriges. Viele Menschen berichten ihm von körperlichem und/oder psychischem Stress, oft ausgelöst durch die Arbeit oder vielleicht auch durch familiäre oder andere persönliche Schwierigkeiten.

„Jeder hat einen blinden Fleck“, ist der 40-Jährige überzeugt. Irgendeine Verletzung, die tief in ihm schlummert. Er selbst hat eine schwere Autoimmun-Erkrankung, sucht in den Yoga-Einheiten nach dem Ursprung dieser Krankheit. Denn davon ist Seel überzeugt: Sehr viele Gebrechen haben ihren Ursprung letztendlich in der Gefühlswelt, in Erfahrungen oder Wünschen, die lange unterdrückt worden sind. „Weil wir alle viel zu sehr mit dem Verstand leben“, sagt er. „Weil wir unsere Wut, unseren Ärger, aber auch unsere Liebe zu oft unterdrücken.“

Das Ziel für ein gesundes Leben müsse deshalb lauten, den Geist, die Seele und den Körper wieder in Einklang zu bringen. „Die Leute suchen nach neuen Konzepten“, ist Seel sicher. Viele landen beim Yoga, wie die wachsende Zahl der Angebote zeigt. In Europa gewinnt der indische Yoga schon seit Jahrzehnten ständig an Beliebtheit. In den letzten zehn Jahren hat es einen regelrechten Boom gegeben. Warum, ist Holger Seel klar: „Yoga erdet und entspannt.“ Positive Nebeneffekte sind die Reinigung, Stärkung und Flexibilisierung des ganzen Körpers. Yoga trägt damit zur Genesung bei – und das ohne jede Nebenwirkungen.