Joshua Bernhard zieht ein metallenes Rohr aus einem Loch im hölzernen Boden. Ein Handgriff, den er schon oft gemacht hat an diesem Tag und den er in den nächsten Wochen noch häufig wiederholen wird. Die Vleugels-Orgel in der St. Johannes-Kirche in Kitzingen wird gereinigt und technisch überholt. Und dazu müssen die 3100 Pfeifen, von winzig klein bis riesig, erst einmal ausgebaut werden.

Überall Pfeifen: nebeneinander auf dem Boden liegend, an die Brüstung der Empore gelehnt, fein säuberlich in Regalen aufgereiht. Es sind hunderte kleine und große Metallrohre, und immer noch reicht Joshua Bernhard weitere aus dem hölzernen Konstrukt, das sich auf der Empore der St. Johannes-Kirche befindet. Der Auszubildende der Orgelmanufaktur Vleugels räumt gemeinsam mit Intonateur Christian Heiden das Rückpositiv der gewaltigen Orgel aus.

Staub setzt sich über Jahre fest

1996 wurde die Vleugels-Orgel für die St. Johannes-Kirche gebaut und jetzt, in ihrem 25. Jubiläumsjahr, wird sie zum ersten Mal gereinigt und klanglich sowie technisch überholt. Kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, denn je nach Verschleißungsgrad sollte so ein Instrument alle 15 bis 20 Jahre ausgereinigt werden. „Die Orgel hat's verdient“, sagt Regionalkantor Christian Stegmann und erntet zustimmendes Nicken von Intonateur Heiden. Stegmann zieht als Vergleich einen halb offenen Schrank heran, der mit etlichen Gegenständen vollgestellt ist und in dem über so viele Jahre nicht Staub gewischt wurde. „Sie können sich vorstellen, wie es in dem Schrank aussehen würde“, sagt er – und bei der Orgel sei es nicht anders. Nur ein Teil des Staubs werde beim Spielen herausgeblasen, vieles setze sich dagegen fest. Und das wirkt sich auf den Klang aus. „Wie bei einer Blockflöte, bei der sich der Spalt zusetzt.“ Ein schleichender Prozess, den die Gemeindemitglieder kaum bemerken, wenn sie Woche für Woche der Orgel lauschen. Ein Fachmann hört es dagegen schon. Wenn das erste Mal auf der gereinigten Orgel gespielt wird, fällt wahrscheinlich selbst dem Laien der Unterschied auf. Das Instrument bekommt seinen Klang und seine Stimmung zurück.

Eine Mammutaufgabe

Es ist eine Mammutaufgabe, die die vier Mitarbeiter von Vleugels in den nächsten sechs, sieben Wochen in der Kirche in der Stadtmitte erledigen werden. Mit ihren drei Manualen und dem Pedal, ihren 55 Registern und 3100 Pfeifen steht die Kitzinger Orgel so manchem Dom-Instrument in nichts nach. „Wenn Christian Stegmann die Orgel spielt, dann ist es, als würde er ein Orchester mit 55 Musikern dirigieren“, sagt Intonateur Christian Heiden. Von der Piccoloflöte bis zum Kontrabass.

Die kleinste Pfeife hat eine Körperlänge von gerade mal acht Millimetern, die großen Bass-Pfeifen sind fünf Meter lang, dazu kommt der Pfeifenfuß, der nicht mitgerechnet wird. Da braucht es schon zwei, teils drei Mann, um die Riesen aus der Verankerung zu heben. Nicht nur die Pfeifen werden ausgereinigt und überprüft, sondern auch die vielen anderen Einzelteile wie beispielsweise die Dichtungen, der Spieltisch mit allen Tasten und Pedalen sowie die Tontraktur. Das ist das nicht sichtbare Übertragungssystem, das die Elemente am Spieltisch mit der Windlade verbindet, auf der die Pfeifen stehen.

Angefangen haben die Mitarbeiter am Montag mit dem Rückpositiv, dem Teil der Orgel, das sich im Rücken des Organisten befindet. Die Pfeifen werden entfernt, die Stöcke, auf denen die Pfeifen sitzen, abgeschraubt, alles wird ausgeblasen, feucht ausgewischt. Die Registerschleife darunter wird geprüft. „Damit sie auch mit genügend Wind versorgt wird“, erklärt Christian Heiden.

Patenschaft für neue Pfeifen

Schließlich kann eine Orgel nicht gut klingen, wenn die windführenden Teile nicht richtig funktionieren. Währenddessen reinigen zwei Mitarbeiterinnen auf dem Podest der Außentreppe jede einzelne Pfeife mit Druckluft und Pinsel, polieren sie mit Tüchern. Eventuell vorhandene Dellen müssen ausgebessert werden. Dann kommt Pfeifenreihe für Pfeifenreihe zurück an ihren Platz. Ist ein Register fertig, hört Christian Heiden es ab und stimmt es. Dann kommt das nächste Register an die Reihe – bis alle 55 fertig sind. „Das klangliche Überprüfen und Intonieren macht die meiste Arbeit“, sagt Heiden.

Dass die Orgelbauer so lange zu tun haben, bedeutet nicht, dass in St. Johannes mehrere Wochen keine Orgelmusik mehr ertönt. Die Orgel soll immer spielbar sein, so lautete die Forderung von Christian Stegmann. Der Organist kann sich darauf einstellen, wenn ein Register fehlt, so der Regionalkantor.

Besonders freut er sich, dass die Orgel im Jubiläumsjahr nicht nur gereinigt und technisch überprüft, sondern zugleich auch erweitert wird: Das Instrument erhält eine Bassverlängerung. Es werden zwölf neue Pfeifen aufgebaut, die es ermöglichen, noch eine weitere Oktav nach unten zu spielen. „Das gibt dem Instrument noch mehr Kraft und Fundament“, erklärt Stegmann und spricht von einem „Domorgelcharakter“.

Zuschussanträge sind gestellt

Etwa 100.000 Euro wird die gesamte Maßnahme kosten, die schon seit längerem geplant ist. Entsprechende Zuschussanträge hat Christian Stegmann daher teils bereits vor über zwei Jahren gestellt. Auftraggeber ist die Pfarrei St. Johannes. Einen Teil der Kosten übernehmen das Bistum und die Stadt Kitzingen, der Förderverein Kirchenmusik unterstützt ebenso wie die Sparkassenstiftung. Zudem läuft eine Spendensammlung. Und wer möchte, kann Pfeifenpate werden: Ab einer Spende von 500 Euro für die neuen Pfeifen wird der Name des Spenders auf einem Holzschild an der Pfeife angebracht.

Vom mächtigen Klang des dann noch größeren Instruments können sich alle Unterstützer sowie die gesamte Gemeinde und alle Freunde der Orgelmusik künftig nicht nur bei den Gottesdiensten, sondern auch bei Orgelkonzerten erfreuen. So ist zum 25-jährigen Jubiläum auch eine Konzertreihe geplant. Diese soll, so Corona es zulässt, im September stattfinden.

Spenden und Patenschaft

Spenden zugunsten der Orgel:

Förderverein Kirchenmusik St. Johannes, IBAN: DE08 7905 0000 0044 2431 52, BIC: BYLADEM1SWU, Sparkasse Mainfranken, Betreff: Spende Orgel

Pfeifenpatenschaft: Für die zwölf neuen Pfeifen (Größe zwischen 2,50 Meter und 5 Meter) kann man Pate werden. Ab einer Spende von 500 Euro kann der Name des Spenders an den Orgelpfeifen angebracht werden. Wer Interesse hat, kann sich bei Christian Stegmann melden: Tel. 09321 / 9089814, Email: christian.stegmann@bistum-wuerzburg.de (len)