Ein Einkaufskorb mit regionalen Produkten? Gemüse und Salat legt man dort hinein, Obst, die fränkische Bratwurst, Spargel und Wein sowieso. Doch es gibt auch Produkte aus dem Landkreis, an die nicht jeder gleich denkt. Hochwertiges Öl aus Sonnenblumen, die auf den Feldern rund um Kitzingen gewachsen sind. Saft aus Aronia und Sanddorn, selbst Gummibärchen aus dem „Superfood“ von Feldern am Fuße des Schwanbergs. Diese besonderen Produkte stellte der BBV auf seiner Schleppertour „#EssenAusBayern“ vor.

Das Coronavirus hat Gesellschaft und Politik vor Augen geführt, wie abhängig wir in vielen Bereichen vom Waren aus aller Welt geworden sind. Bei der Schutzausrüstung wurde das überdeutlich, aber es waren auch viele andere Bereiche betroffen. Die Menschen befassen sich nun verstärkt mit der Frage, woher die Dinge eigentlich kommen, die wir konsumieren, und die Lebensmittel, die wir verzehren. Die regionalen Produkte rücken wieder in den Fokus – und dort sollen sie auch bleiben.

Den Menschen bewusst machen, dass die Landwirte vor Ort Lebenmittel produzieren, ist das Ziel der Schlepperaktion des Bayerischen Bauernverbandes „#EssenAusBayern“, die zwei Tage im Landkreis Kizzingen Station machte. Während es in Segnitz zunächst um Gemüse, Fleisch und Wein aus dem Landkreis ging, rückten einen Tag später Nahrungsmittel in den Mittelpunkt, die längst nicht jeder im Landkreis erwartet – auch nicht in einem so bekannten Gartenbau- und Weinbaulandkreis wie Kitzingen.

Beim Einstieg in den Betrieb eine Nische gesucht

BBV-Kreisobmann Alois Kraus hat den Schlepper vor der Scheune von Christoph Sterk an der Straße zwischen Großlangheim und Rödelsee abgestellt, wenige Meter entfernt von den Feldern, auf den Aronia-Beeren wachsen. Der Betrieb der Familie besteht seit mehreren Generationen und lange lag der Schwerpunkt auf Ackerbau und Milchvieh. Seit 30 Jahren werden Spargeljungpflanzen produziert und in viele Länder vermarktet. Christoph Sterk hat sich beim Einstieg in den Betrieb vor wenigen Jahren einen anderen Weg ausgesucht: Er hat mit der Bio-Landwirtschaft begonnen und eine Aroniaplantage angelegt. Die kleine dunkle Beere stammt ursprünglich aus Kanada, ist in Nordamerika, Teilen Europas und Sibirien beheimatet. Wegen der wertvollen Inhaltsstoffe gilt Aronia als „Superfood“, ebenso wie der von Christoph angebaute Sanddorn und die Minikiwis von Theresa Sterk. Diese Kiwibeeren zum Snacken können mit Schale gegessen werden. Sie reifen bis in den Spätsommer. Die Sterks verkaufen ihre Produkte auf ihrem Hof, teilweise auch im Einzelhandel. Dass der Trend hingeht zu gesunden Lebensmitteln aus der Region passt genau zu dem Weg, den Christoph Sterk eingeschlagen hat, als er sich nach seinem Berufsleben als IT-Fachmann dafür entschied, doch in die Landwirtschaft einzusteigen. Er experimentiert mit seinen Nischenprodukten, weitet das Angebot aus. Zum Aronia-Saft aus der Anfangszeit sind längst Trockenbeeren und Pulver hinzugekommen, Likör und jetzt sogar Gummibärchen.

Experimentieren mussten anfangs auch die Mitglieder der Erzeugergemeinschaft für Qualitätsgetreide und Sonnenblumenkerne Kitzingen und Umgebung w.V. Ein sperriger Name, hinter dem Landwirte stehen, die sich 1987 zusammengeschlossen haben, um gemeinsam ihre Produkte zu vermarkten. Inzwischen gehören etwa 400 Landwirte der Gemeinschaft an, die meisten aus dem Landkreis Kitzingen, ein Teil aus umliegenden Kreisen. Anfangs ging es in erster Linie um die Vermarktung von Getreide, 2002 startet der sortenreine Anbau von High-Oleic-Sonnenblumen, zunächst für Öl, das in der Industrie verwendet wird, zum Beispiel bei der Garnverarbeitung, dann auch für die Produktion von Speiseöl. Die Sonnenblumen wachsen auf den Felder der Region, die Kerne werden im Landkreis eingelagert und dann auch hier gepresst. Das übernimmt Uwe Pfeiffer aus Rüdenhausen, der in seiner Ölmühle ausschließlich Sonnenblumen verarbeitet. Ende Oktober/Anfang November geht es jedes Jahr los, dann läuft die Mühle bis Mitte März durch. Der „Kuchen“, der bei der Ölherstellung übrig bleibt, wird als hochwertiges Tierfutter und als Dünger verwendet. „Das ist auch mein Biodünger“, sagt Christoph Sterk. Die kurzen Transportwege sorgen damit für eine gute CO2-Bilanz, erklärt Herbert Pfriem, Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft. Hinzu kommt, dass die Sonnenblume im Vergleich zu anderen Kulturen eine geringere Stickstoffdüngung benötige und so dazu beitrage, den Nitrateintrag ins Grundwasser zu verringern. Mit seinem hohen Anteil an einfach ungesättigten Fettsäuren ist das Öl oxidationsbeständig – es wird nicht ranzig – und hitzestabil, außerdem sehr gesund. „Sonnenblumenöl und Aronia verlängern das Leben“, sagt Pfriem. „Wie der Rotwein.“ Die leuchtend gelben Blüten sind also mehr als nur eine Bereicherung des Landschaftsbildes.

Wenn er mit Passanten spricht, höre er von jüngeren oft, dass ihnen genau diese blühenden Landschaften besonders gut gefallen. Ältere Menschen nennen eher den Anblick von im Wind wogenden Grannen der Gerstenfelder. „Für sie ist das ein Zeichen dafür, dass sie etwas zu essen haben“, so Pfriem – weil es in ihrer Jugend häufig wenig gab. Ein Mangel, den sich Jüngere kaum vorstellen können, weil man eben heute alles erhält, was das Herz begehrt. Wobei man nicht alles von überall und immer haben muss – auch das wird bei den Terminen der BBV-Schleppertour immer wieder deutlich gemacht. Regional und saisonal ist das Ziel. „Es muss wieder in die Köpfe, dass man heimische Produkte den Produkten aus Übersee vorzieht“, sagt Herbert Pfriem.

Ideen haben, ausprobieren, durchhalten

Nischen suchen, ausprobieren – das hat die Erzeugergemeinschaft genauso wie die Familie Sterk gemacht und beide machen das auch weiterhin. So beschäftigt sich Christoph Sterk mit dem Trüffelanbau, während Rudolf Schaller, Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft, sich mit der Frage befasst, mit welchen Sonnenblumensorten es möglich sein könnte, einen Ersatz für das umstrittene Palmöl zu bekommen. „Das steckt aber noch in den Kinderschuhen.“ Man brauche für jedes Produkt Pioniere, und die brauchen langes Durchhaltevermögen, weiß Herbert Pfriem. Nicht nur, um ein Produkt zu entwickeln, das den eigenen Qualitätsansprüchen gerecht wird, sondern auch, weil es dauern kann bis der Verbraucher annimmt, was der Landwirt produziert. „Wir haben es in den 80er-Jahren mit dem Dinkel-Anbau probiert“, blickt der Vorsitzende zurück. „Aber das haben die Leute nicht gekannt, das wollten sie nicht.“ Heute besinnt sich die Gesellschaft aufs Urgetreide, der Stellenwert des Dinkels ist hoch, man ist bereit, mehr Geld auszugeben für Produkte, die Dinkel enthalten. Allerdings hat das etwa 30 Jahre gedauert.

Landwirtschaft im Kreis

Blick in die Statistik: Im Landkreis Kitzingen gibt es 1259 landwirtschaftliche Betriebe, sie bewirtschaften eine Nutzfläche von knapp 40.000 Hektar. Der Anteil der Haupterwerbsbetriebe liegt bei 43 Prozent (540 Betriebe), 57 Prozent arbeiten im Nebenerwerb (719 Betriebe). Mehr als die Hälfte der Landwirte hat kein Vieh (723 Betriebe, 57 Prozent), 119 Betriebe haben Mastbullen, 139 Milchvieh, 158 Mastschweine und 43 Zuchtsauen. Der Anteil der Ökobetriebe liegt bei 6 Prozent (81 Betriebe). 58 Prozent aller Betriebe sind an Agrar-Umweltprogrammen beteiligt. Es gibt 290 Gartenbaubetriebe im Landkreis, 421 Winzer, die selbst vermarkten, und 702 Mitglieder von Weinbau-Erzeugergemeinschaften. (BBV/AELF)