Gerade in der Coronakrise sind besonders die Alters- und Seniorenheime betroffen. Besuchs- und Ausgangsbeschränkungen sind an der Tagesordnung. Da kommt zu der normalen Pflegearbeit noch weitere Komponenten dazu: Die Pfleger müssen sich vermehrt auch um die seelische Gesundheit der Bewohner kümmern und dabei noch sich selbst und andere vor dem Virus schützen.

"Medizinisch lässt man uns am ausgestreckten Arm verhungern", schreibt Pfarrer Jochen Keßler-Rosa, Vorstand der Diakonie Schweinfurt, mit "Wut im Bauch" an seine Mitarbeiter – und die Öffentlichkeit. „Pflegeheime mit ihren Bewohner/innen und Pflegekräften sind etwas Besonderes, nicht nur jetzt, aber gerade auch jetzt“, sagt Keßler-Rosa. Den Pfarrer ärgert es deshalb ganz besonders, dass Schutzartikel erst dann ausreichend in die Pflegeheime kommen, wenn der Erste positiv auf Corona getestet ist.

Es muss jetzt gehandelt werden

Arztbesuche gebe es oft tagelang nicht. „Aber aus den Kliniken sollen wir Patienten aufnehmen, nicht selten ungetestet.“ So gehe das nicht weiter, stellt Keßler-Rosa fest und fordert Taten. „Pflegebedürftige und Pflegekräfte brauchen diese Taten jetzt.“ Neben einer schnellen Ausstattung mit Schutzartikeln wünscht sich Keßler-Rosa auch eine Umstrukturierung des bestehenden Systems. Es könne nicht sein, dass die ärztliche Betreuung von Altenheim-Bewohnern seit Jahren abhängig vom Zeitbudget des Hausarztes sei. 

Die Hausärzte hätten genug Arbeit zu leisten. Auch außerhalb von Corona-Zeiten.„Wir brauchen Mediziner vor Ort“, fordert Keßler-Rosa. Ein Pool an Hausärzten, die für die wachsende Zahl an pflegebedürftigen Senioren da ist, schwebt ihm vor. Auch in den Kliniken müsse der Anteil der Ärzte, die für geriatrische Themen zuständig sind, steigen. „Wir müssen jetzt und für die Zukunft andere Prioritäten setzen“, fordert Keßler-Rosa und sieht vor allem die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns in der Pflicht, zukunftsfähige Strukturen zu entwickeln. „Dieses Virus wird uns in den Altenheimen über Jahre hinweg beschäftigen“, prophezeit er.

Die Diakonie betreibt in Kitzingen die Häuser „Am Mühlenpark“ und „Mainblick“. Ein paar Kilometer weiter macht sich Helmut Witt ebenfalls große Sorgen. Desinfektionsmittel, Mundschutz, Schutzbrillen: „All das ist so gut wie nicht zu bekommen“, sagt der Leiter des Hauses der Pflege–Kitzinger Land. „Und wenn, dann zu horrenden Preisen.“ Die letzten Lieferungen seien ausgeblieben, noch reiche der Bestand. Mit handgenähten Masken der Firmen Wegerich und Tüncher wissen sich die Mitarbeiter zu helfen. „Wir sind froh, wenn wir über die Runden kommen“, betont Witt. Das absolute Hauptaugenmerk liege darauf, dass niemand das Virus ins Haus bringt. Ein Besuchsverbot habe er deshalb schon vor der offiziellen Verlautbarung der Bundesregierung ausgesprochen. Alles hänge nun von der Selbstverantwortung der Mitarbeiter ab.

Auf den Ernstfall vorbereitet

Die bereitet Witt auf den schlimmsten Fall vor, schult Abläufe und geht die nötigen Strukturen durch. „Aber letztendlich müssen wir dann vieles situationsabhängig entscheiden“, weiß er. Im Moment laufe alles in ruhigen Bahnen, die Mitarbeiter erführen erfreulicherweise viel Wertschätzung von Seiten der Politik, aber auch von Angehörigen. Emails, Postkarten und Spenden laufen ein. Dennoch: eine latente Anspannung sei immer zu spüren. Die AWO betreibt dutzende Einrichtungen in Unterfranken. Bereichsleiterin Ulrike Hahn zieht ein frustriertes Zwischenfazit: „Die Altenpflege ist in der Corona-Krise zunächst vergessen worden.“ Hahn berichtet von Fällen, in denen Kliniken Bewohner nach einem Krankenhausaufenthalt in die Einrichtung gefahren haben. „Ohne uns vorher Bescheid zu geben.“ 14 Tage müssen diese Menschen in Quarantäne. „Wie soll das bei einer annähernden Vollauslastung gehen?“, fragt Hahn. „Wir haben nicht genügend Einzelzimmer.“

Für die Mitarbeiter sei es eine massive Mehrbelastung, unter den herausfordernden Bedingungen der zusätzlichen Isolationsmaßnahmen zu arbeiten. Zumal die Heime in Sachen Schutzmaterialien „von der Hand in den Mund leben.“ Über die Sozialen Medien hat die AWO Aufrufe gestartet, viele Ehrenamtliche haben Mundmasken genäht, Schutzkleidung und Masken wurden von der AWO zwar bestellt, aber noch nicht geliefert. Dennoch: Die Materialien gehen langsam zur Neige. Für Hahn sind die Schwerpunkte in den letzten Jahren falsch gesetzt worden. „Altenheime sind von den Kostenträgern und der Politik vorwiegend als Kostenfaktor betrachtet worden“, kritisiert sie. „Jetzt fallen uns die Versäumnisse der letzten Jahre vor die Füße.“

Nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart treiben Helmut Witt um. Bei einem Blick in die nahe Zukunft macht er sich große Sorgen. Was ist, wenn die Besuchsverbote wieder aufgehoben werden? „Dann wird das Risiko steigen, das Virus ins Haus zu holen“, weiß der Sickershäuser Heimleiter und warnt: Der Kampf gegen Corona sei kein Sprint, sondern ein Marathon. „Dieser Kampf wird sich über viele Monate hinziehen.“

Das sehen auch die Mitarbeiterinnen im Seniorenheim St. Elisabeth in Kitzingen so. Im Moment freuen sie sich über neue Gesichtsmasken, die Mitte der Woche eingetroffen sind. Die Initiative für die Bestellung ging vom Personal aus. Beim „MakeRtreff Reutlingene.V“ konnten etliche Masken geordert werden – gegen eine Spende von einem Euro pro Stück. Dennoch schwingt die Angst mit, das Virus irgendwie ins Haus zu bringen. Die Mitarbeiter sind angehalten, ihre sozialen Kontakte auf ein absolut notwendiges Minimum zu reduzieren. Ein Besuchsverbot wurde schon während der Grippewelle verhängt. „Niemand darf mehr rein“, betont die Leiterin der Fachstelle für pflegende Angehörige, Petra Dlugosch. Das gilt leider auch für ansonsten gern gesehene Dienstleister wie Friseure oder Alltagsbegleiter. „Alle Mitarbeiter im Haus helfen mit, um diese Dienste intern aufzufangen“, erklärt Dlugosch.

Dennoch fehle den Bewohnern die Nähe der Angehörigen. Die sollen in Kürze per Skype oder WhatsApp-Videoschaltung Kontakt zu den Pflegebedürftigen im Heim aufnehmen können. Derzeit erlebt das Pflegepersonal eine Renaissance von Briefen, Postkarten und Paketen, die im Haus eintreffen und auf die Zimmer verteilt werden.

Dlugosch hat die Hoffnung nicht verloren. Sie glaubt an eine langfristige Aufwertung der Pflege. Man sehe in diesen Zeiten, wie groß der Wille zum Helfen sei, wie viele Menschen sich für die Altenpflege engagierten. Sie weiß aber auch: Um den Beruf attraktiver zu gestalten, sind noch jede Menge Anstrengungen nötig.