Kitzingen Ein düsteres Bild malt die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, kurz IG Bau, für die Zukunft der hiesigen Baubranche. Weiter verschärfen werde sich der schon akute Fachkräftemangel, schreibt der Bezirksverband Mainfranken. Zudem mangele es dem Maurer-Handwerk an Attraktivität und Anerkennung. Dabei sind Nachfrage und Auslastung hoch. Dieter Haag, Geschäftsführer im eigenen Unternehmmen, und Nina Nagler, Gesellschafterin im Betrieb ihres Vaters, haben mit dieser Entwicklung zu kämpfen, halten aber ein flammendes Plädoyer auf ihre Branche.

Entspannt wirken beide während der Gespräche. Dieter Haag bittet in den lichtdurchfluteten Besprechungsraum in seinem Marktstefter Unternehmen, Nina Nagler sitzt gelassen an ihrem Schreibtisch auf dem Firmengelände in Martinsheim. Bewusst sind sie sich der aktuellen Problematik durchaus.

„Wenn einer kommt, der sein Fach versteht, würde ich ihn sofort einstellen“, sagt Haag, der sich vor rund 23 Jahren selbstständig gemacht hat und bei dem knapp 30 Mitarbeiter angestellt sind. Darunter sind in der Regel jährlich drei Auszubildende. Denn die Philosophie sei schon, eigene Kräfte auszubilden und sie im Betrieb zu halten. Größere Aufträge federe er zudem mit Leiharbeitern ab, sollten nicht genug Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Sie seien besser als ihr Ruf.

„Dennoch nehmen wir immer nur so viele Aufträge an, wie wir bewältigen können. Wenn ein Kunde möchte, dass wir innerhalb der nächsten vier Wochen seinen Hof pflastern, können wir das nicht leisten. Vielleicht auch noch nicht in acht Wochen“, ist Haag ehrlich. Kurzfristige Erledigung von Aufträgen sei nahezu unmöglich. Das ist auch im Unternehmen Nagler in Martinsheim nicht anders. „Wir sind bis zum Ende des Jahres ausgebucht. Erst Anfang des kommenden Jahres haben wir wieder Kapazitäten frei“, sagt Nina Nagler. Gerne würde sie das eine oder andere Mandat mehr annehmen, doch es fehle schlicht an der Man-Power, vor allem nachdem ihr Bruder Tobias zu Jahresbeginn in die Geschäftsführung wechselte. Seit längerer Zeit sucht das Familienunternehmen deshalb nach Fachkräften und Auszubildenden.

Dabei setzt die Betriebswirtin, die seit August 2014 ihren Vater Norbert und Bruder Tobias im Betrieb unterstützt, vor allem auf eine moderne Außendarstellung des Unternehmens. „Wir präsentieren uns über unsere Homepage und unsere Social-Media-Auftritte. Die heutige Generation ist sehr viel am Handy. Wir müssen uns bei den Jugendlichen sichtbar machen, uns ins Blickfeld rücken“, findet die 31-Jährige. Denn die Vorstellung, was Handwerk bedeutet, sei veraltet, der Beruf nicht derart verstaubt, wie der Großteil meint. Viele wissen nicht, was hinter dem Maurerberuf stecke. Das fange schon im Elternhaus an, das oftmals eine gymnasiale Laufbahn für seine Sprösslinge vorsieht. „Wir werden zukünftig verstärkt schon in Kindergarten und Schule auf unser Handwerk aufmerksam machen“, erklärt Nagler ihre Strategie, um die Attraktivität des Unternehmens, das rund 20 Beschäftigte hat, zu steigern.

„Die Branche ist nicht unattraktiv“, pflichtet dem auch Haag bei. „Wir haben einen schönen Beruf, weil wir jeden Tag etwas bauen dürfen, schaffen Wohnraum. Wir sehen in jedem Dorf etwas, was wir mitbauen durften.“ Die Maurer-Tätigkeit sei natürlich anstrengend und fordernd, aber ebenso sehr erfüllend. Zudem sei die Baubranche sehr beständig und habe unter der Pandemie kaum gelitten.

Die Auftragslage sei nach wie vor sehr gut. Und auch die Bezahlung stimme. Schließlich werden alle Angestellten mindestens nach festgelegten Tarifbestimmungen bezahlt. „Die Firmen kümmern sich um ihre Mitarbeiter“, sagt der 46-Jährige. Der Unternehmer hat stets ein offenes Ohr und ist auch auf den Baustellen vor Ort. Zudem stellt er seinen Angestellten Arbeitskleidung oder Wasser. Das Unternehmen Nagler bietet seinen Auszubildenden sogar einen Motorroller, um an den Arbeitsort zu kommen. „Wir wissen um die herausfordernde Erreichbarkeit unseres Standorts. Dennoch haben wir einiges zu bieten“, findet Nagler. Dies sei auch die „Challenge“ für die Zukunft, junge Menschen, die „schaffen wollen“, wieder in die Betriebe zu bringen. Das sei eine große Herausforderung, wissen sowohl Nagler als auch Haag.