Mit Elchkot zum Sieg?

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In Höör in Südschweden drücken die beiden Freunde Elias Nissen und Hannes Gegner der schwedischen Mannschaft die Daumen. FOTO Kristin Gegner
Für wen der gebürtige Casteller Harald Gegner, der seit 15 Jahren mit seiner Familie in Schweden lebt, wohl die Daumen nach oben streckt ...
Foto: Kristin gegner
KINA - Riesige Elche
Das, was schwedische Elche wie dieser ausscheiden, ist bei manchen Deutschen heiß begehrt.
KINA - Riesige Elche
Foto: Carmen Jaspersen/dpa
In Höör in Südschweden drücken die beiden Freunde Elias Nissen und Hannes Gegner der schwedischen Mannschaft die Daumen. FOTO Kristin Gegner
 

Harald Gegner zitiert eine schwedische Zeitung: "Wir werden alles tun, um die deutsche Nationalmannschaft zu frustrieren."

Mittsommer ist das wichtigste Fest für die Schweden. Nachts wird es kaum dunkel, ganz Schweden feiert deshalb ein Lichterfest. Heuer gibt es an „Midsommar“ eine Besonderheit: Die traditionsreiche Feier der Sommersonnenwende fällt genau mit dem Fußball-WM-Spiel Deutschland-Schweden zusammen. Alter Schwede! Was das wohl bedeuten mag?

Harald Gegner, ein gebürtiger Casteller, lebt seit 15 Jahren mit seiner Frau Kristin und den beiden Kindern in Höör (Provinz Skaane) in Südschweden. Für die Redaktion dieser Zeitung hat er, der eigentlich kein Fußball-Fan ist, sich bei Bekannten und Verwandten mal ein bisschen umgehört. Er sagt: Die Stimmung in Schweden ist gut. „Seit dem Spiel der Deutschen gegen Mexiko denken viele, dass der Weltmeister zu schlagen ist.“

Generell werde „König Fußball“ in Skandinavien jedoch nicht so „verrückt“ und ausgiebig gefeiert wie in Deutschland. Vor allem während der Gruppenspiele zeige sich: „Schweden ist das Land des 'lagom'. Das bedeutet, es soll nichts übertrieben werden, alles mit Bedacht geschehen – einfach lagom.“ Das gelte für alle Bereiche des schwedischen Lebens und deshalb auch für die WM. Zudem sei Schweden ein Land der Individualisten. „Die WM ist kein Volksfest für die ganze Bevölkerung, sonder nur für die, die Fußball interessiert. Und die feiern auf ihre eigene Art und Weise – jeder so, wie es ihm passt.“

Harald Gegner hat dennoch zwei Trends ausgemacht: „Entweder man trifft sich mit Freunden zu Hause und wenn das Wetter schön ist, wird gegrillt. Oder man geht in eine der vielen Sportkneipen, die es in allen größeren und mittelgroßen Städten gibt, um dort gemeinsam mit anderen Fans zu feiern.“ In einigen Städten gebe es auch Großbildschirme, während der Gruppenspielphase seien die aber eher selten.

Eine Bekannte Gegners, die das erste schwedische WM-Spiel in einer Sportbar gesehen hat, beschreibt die Verhaltensregeln der Schweden beim Fußballgucken in der Öffentlichkeit so: „Applaudieren, wenn der Schiedsrichter oder die eigene Mannschaft etwas richtig macht. Der eigenen Mannschaft Tipps geben – je lauter, desto besser, damit man auch wirklich gehört wird, zum Beispiel 'Schieß doch!“, „Elfmeter!“, „Jetzt aber“...

Da das Gruppenspiel gegen Deutschland dieses Jahr genau auf Mittsommer fällt und „Mittsommer das größte Fest für die Schweden ist, fast größer als Weihnachten“, wird das Spiel gegen Deutschland für viele Schweden sicher ein Teil der Mittsommernachtsfeier werden. „Und deshalb werden auch im ganzen Land schwedischen Flaggen hängen.“ Wahrscheinlich werden das Spiel mehr Männer als Frauen schauen. „Die meisten schwedischen Frauen, die ich wegen der WM angesprochen habe, haben gesagt: 'Was, läuft zur Zeit die WM? Wusste ich gar nicht. Ist Schweden dabei…?'“

Natürlich gibt es aber auch im hohen Norden diejenigen, für die Fußball alles ist. „Ein Freund von mir ist so einer“, erzählt Harald Gegner. „Er hat gesagt: 'Fußball ist wie das Leben, nur viel besser, denn man hat immer die Chance zu gewinnen, auch wenn keiner an einen glaubt.'“ In diesem Sinne bestehe also die Möglichkeit, gegen Deutschland zu gewinnen.

„Eine Bekannte hat sich zu der Tatsache geäußert, dass der schwedische Star Zlatan Ibrahimovic bei dieser WM nicht dabei ist. Sie meinte, deshalb gebe es endlich eine Chance für Schweden, die WM zu gewinnen.“ Das soll Zlatan Ibrahimovic selbst so gesagt haben.

Chips und Heringe

Wie in Deutschland auch, seien Chips, Bier und Wein die meistgenutzten Nahrungsmittel während des Fußball-Schauens, stellt Harald Gegner fest. „Oder es wird, wie gesagt, zusammen gegrillt. Dieses Jahr wird man wohl auch Heringe mit neuen Kartoffeln und Sauerrahm essen, das typische Mittsommeressen der Schweden.“ Ein Bekannter der Familie Gegner habe gesagt, dass er beim Spiel gegen Deutschland am heutigen Samstag das Franziskaner-Weißbier gegen das schwedische Mariestad austauscht. „Das ist sein Beitrag, die schwedische Mannschaft zu unterstützen.“

Wie groß die Chancen der Schweden auf einen Sieg tatsächlich sind, wagt der 45-jährige Exil-Franke nicht zu prognostizieren, aber er erzählt: „Ein Freund hat gesagt, er wird vielleicht eine gelb-blaue Perücke aufsetzen, falls die Schweden gegen Deutschland in Führung gehen. Das wird aber wahrscheinlich nur der Fall sein, wenn die deutschen Spieler eine heimtückische Grippe erwischt.“ Ein bisschen Hoffnung auf einen Sieg hat er in seiner Umgebung dennoch herausgehört: „In unserer Tageszeitung stand: 'Wir werden alles tun, um die deutsche Nationalmannschaft zu frustrieren' und woanders habe ich gelesen: 'Was Mexiko geschafft hat, können wir auch'. Und es stimmt ja schon: Schweden hat es jetzt in der Hand – oder auf dem Fuß –, den Weltmeister aus der WM zu kicken.“

Und wenn es doch anders kommt? „In Schweden heißt es: Egal, wer die WM gewinnt, Schweden hat Ikea, Tetra-Pack, Volvo und eine Königsfamilie“ – und gerade auf Letztere seien viele Deutsche neidisch.

Sollte Deutschland siegen, könne Schweden sich ohnehin einen Anteil des Erfolgs auf die blau-gelben Fahnen schreiben. Denn da gebe es ja ein geheimes Wundermittel. „Einige Bekannte wundern sich, weshalb deutsche Touristen so heiß auf 'älgbajs' sind“, berichtet Harald Gegner grinsend. Älgbajs ist Elchkot, ein beliebter Dünger. 100 Prozent des zu exportierenden Elchkots landen in Deutschland – vielleicht ja auch auf Fußballplätzen? „Ist das vielleicht der Grund, warum Deutschland Fußballweltmeister ist?“