Lebensretterin mit acht Jahren

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Das hat sie mehr als verdient: Johanna Weber mit Rettungsmedaille, Urkunde, Uhr und dem Stofflöwen Horst.
Foto: Ralf Dieter

Johanna Weber leistet im Kitzinger Freibad Großes - während dutzende Gäste einfach nur zuschauen.

An das genaue Datum kann sich Johanna Weber nicht mehr erinnern. An ihre Heldentat schon. Die Achtjährige ist kürzlich mit der Bayerischen Rettungsmedaille ausgezeichnet worden. Sie hat ihre Freundin vor dem Ertrinken gerettet.

Zusammen waren die beiden Mädchen aus Theilheim im Kitzinger Freibad. Sie drehten ihre Runden im Nichtschwimmerbecken und kamen in den Bereich, in dem sie nur noch mit Mühe den Boden erreichen konnten. „Beide sind gute Schwimmerinnen für ihr Alter“, versichert Johannas Mutter Sabine Weber. Und das war ein Segen. Ihre Tochter musste an diesem Tag alle ihre Fähigkeiten aus sich herausholen.

„Ich spüre meine Beine nicht mehr“, hat ihre Freundin plötzlich gerufen. Johanna glaube anfangs noch an einen Scherz. Dann ist die Freundin kollabiert, ihre Augen fingen an zu kreisen. „Da habe ich gewusst, dass es kein Spaß ist.“

Johanna fing sofort an, um Hilfe zu rufen. Das Schwimmbad war voll. Und dennoch: Keiner hat den beiden Mädchen geholfen. „Meine Freundin stirbt“, hat Johanna geschrien, zig mal – keine Reaktion. „Die Leute haben wohl gedacht, dass meine Tochter einen Scherz macht“, vermutet Sabine Weber. Johanna hatte da längst die Initiative ergriffen und ihre Freundin so gut es eben ging aus dem tiefen Wasser gezogen. Meter um Meter schleppte sie die Freundin bis zur großen Treppe. „20 Meter sind das bestimmt“, schätzt Mutter Sabine. Johanna war am Ende ihrer Kräfte, als endlich eine erwachsene Besucherin den Ernst der Lage erkannte und die beiden Mädchen an Land zog. „Sie hat sich tausend Mal entschuldigt und gesagt, wie leid es ihr tue“, erinnert sich Sabine Weber. Johanna und ihre Freundin waren da längst im Behandlungszimmer des Freibades und warteten auf den Notarzt. „Mir war total schlecht“, erinnert sich die Achtjährige. „Und ich habe mir solche Sorgen gemacht.“

Mit dem Rettungswagen ging es in die Klinik. Bis heute ist nicht hundertprozentig klar, warum die Freundin, die nicht mit Namen genannt werden möchte, plötzlich nicht mehr schwimmen konnte. „Die Ärzte vermuten, dass es sich um einen Krampfanfall gehandelt hat“, erzählt Sabine Weber. Bis heute hat das Mädchen psychisch mit den Folgen des Vorfalls zu kämpfen, an einen Schwimmbadbesuch ist derzeit nicht zu denken.

„Solche Vorfälle sind glücklicherweise Ausnahmen“, sagt Verena Dambach, Leiterin des aqua-sole, zu dem auch das Freibad gehört. Sie kann sich an einen ähnlichen Vorfall erinnern, der sich allerdings im Hallenbad abgespielt hat. Ein Mädchen hat nicht daran gedacht, dass der Boden relativ schnell abfällt, dass der Übergang vom sicheren flachen Wasser ins Tiefe relativ abrupt verläuft. „Zum Glück hat sie super reagiert und gleich um Hilfe gerufen“, erinnert sich Dambach. In diesem Fall haben die Gäste schnell eingegriffen.

Leicht ist es für die insgesamt fünf Schwimmmeister weder in der Halle noch im Freien, immer den Überblick zu bewahren. Vor allem an Wochenenden wie dem vergangenen. Rund 2500 Gäste hat Dambach an den beiden Tagen gezählt. Zwei bis fünf Mitarbeiter sind ständig unterwegs zwischen Sprungturm und Riesenrutsche, um möglichst schnell eingreifen zu können. Ein geschulter Blick hilft dabei. „Und die Erfahrung“, sagt Dambach. Kinder jauchzen und schreien naturgemäß viel und laut, wenn sie im Wasser spielen. „Aber der Tonfall wird irgendwie anders, wenn es ernst wird.“

Rainer Trabert kann das nur bestätigen. Seit 31 Jahren tut er Dienst im Kitzinger Bad. Er hat schon einiges erlebt. So ein Fall wie der vom letzten Jahr ist zum Glück die Ausnahme. Zwei Mädchen sind im Hallenbad ertrunken, zwei Erwachsene im Freibad, seit er im Amt ist. „Meistens steckt eine Krankheit dahinter“, sagt er. Ein 80-Jähriger habe mal einen Herzinfarkt erlitten und sei langsam untergegangen. „Da kannst du auch nichts mehr machen.“ Manchmal verhalten sich die Menschen allerdings auch grundlegend unvernünftig. Einen Mann musste Trabert mal wiederbeben. Er hatte nach dem Genuss von sieben Weißbieren versucht, durch das Becken zu tauchen. „Jeder Fall ist einer zu viel“, sagt der erfahrene Schwimmmeister. Bis die Bilder aus dem Kopf sind, dauert es sehr lange.

Ein Löwe namens Horst

Johanna hatte die ersten drei, vier Nächte Albträume, ist immer wieder aufgewacht, weil sie dachte, dass sie es nicht geschafft hätte. Tatsächlich hat sie an diesem Tag im Sommer 2016 etwas ganz Großes vollbracht – ganz alleine ein Leben gerettet. Als Dank hat sie nicht nur die Bayerische Rettungsmedaille erhalten, sondern auch eine Uhr und lebenslangen freien Eintritt in die bayerischen Schlösser, Museen und Ausstellungen. Über einen guten und erholsamen Schlaf wacht seit der Ehrung in der Münchner Residenz außerdem ein knuffiger Stofflöwe. Johanna hat ihn Horst getauft – nach dem Bayerischen Ministerpräsidenten, der an dem Ehrungstag leider kurzfristig absagen musste. „Aber der Joachim Herrmann war auch ganz nett.“