Auf Deutschland kommt ein Pflegenotstand zu. Das ist keine neue Nachricht. Aber angesichts von Corona noch ein wenig erschreckender.

Rene Kinstle - Leiter des Seniorenhauses Mühlenpark der Diakonie in der Kitzinger Siedlung - wundert sich über die Untätigkeit der Politik und die Ignoranz weiter Teile der Bevölkerung.

Kitzinger Seniorenheimleiter: "Mittlerweile überwiegt der Frust"

Der Kitzinger Seniorenheimleiter hat sich im Interview zur aktuellen Corona-Lage geäußert. 

Vor einem Jahr haben die Menschen noch applaudiert für die Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen und Kliniken. Was ist geblieben?

Kinstle: Nicht viel. Mittlerweile überwiegt der Frust. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich etwas verändert hätte in den letzten zwölf Monaten.

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Was ist Ihre größte Sorge?

Kinstle: Dass unser Gesundheitssystem kollabieren wird. Diese Angst hatte ich schon vor Corona. Die Pandemie hat das Szenario nur noch beschleunigt, war so etwas wie das i-Tüpfelchen auf die Entwicklung.

Woran hapert es?

Kinstle: Wir haben seit Jahren einen Pflege-Notstand – und einen Ärzte-Notstand. In beiden Bereichen passen die Rahmenbedingungen nicht. Es gibt keinen ausreichenden Freizeitausgleich, eine hohe Arbeitsbelastung, eine enorme Bürokratie und es werden Überstunden ohne Ende gefahren. Das kann auf Dauer nicht gut gehen, zumal die geburtenstarken Jahrgänge bald in Rente gehen.

Das heißt?

Kinstle: Die Bedürftigkeit wird wachsen, während sich die Zahl der Mitarbeiter weiter reduziert.

Was tun?

Kinstle: Wir müssen den Beruf besser bewerben, den Nachwuchs informieren, begeistern. Warum sollte ein Zugang zum Pflegeberuf nur ab der Mittleren Reife möglich sein? Noten sagen meiner Meinung nach nichts über den Menschen aus. Wir sollten junge Leute über Praktika heranführen und wir müssen den Menschen erklären, dass unser Sozialsystem nur funktioniert, wenn es auch genug Arbeitskräfte gibt.

Die gut bezahlt werden.

Kinstle: Das ist sicherlich ein Argument, aber meiner Meinung nach nicht das Entscheidende. Nach der Lehrzeit gibt es 3200 Euro brutto – ohne Zulagen. Das ist nicht schlecht im Vergleich zu anderen Berufen. Ich denke, das Image des Berufs hat in den letzten Jahren gelitten, in den letzten Wochen noch einmal zusätzlich.

Wie meinen Sie das?

Kinstle: Bleiben wir doch nur einmal bei dem Thema Impfungen von Mitarbeitern im Gesundheits- und Pflegebereich. Bei einigen ist der Verdacht aufgekommen, dass die Pflegenden nichts zum Ende der Pandemie beitragen wollen, weil sie sich angeblich nicht impfen lassen wollen. Das ist Unsinn. Bei uns sind 70 Prozent der Mitarbeiter geimpft, 30 Prozent wollen die Erfahrungen abwarten. Das ist absolut legitim. Somit war doch die Diskussion zum Thema Impfpflicht von Mitarbeitern im Gesundheits- und Pflegebereich absolut fehlplatziert. Wir haben keine Impfgegner im Haus.

Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?

Kinstle: Ich finde, dass einige Entscheidungen falsch getroffen wurden oder nicht zu Ende gedacht waren. Die Politik hat beispielsweise über eine Impfpflicht bei Pflegekräften nachgedacht. Ich frage mich, ob Wertschätzung so aussieht. Und dann war gar nicht genug Impfstoff da. Wir hätten im Sommer letzten Jahres schon eine Impfkampagne starten können. Das ist versäumt worden. Manchen Kollegen fehlt schlichtweg das Gefühl, gehört zu werden. Sie empfinden das Desinteresse der Politik als Schlag ins Gesicht. Vor allem angesichts der Arbeit, die sie zu bewältigen hatten und haben.

Corona zehrt an den Kräften.

Kinstle: Und wie. Viele Kollegen sind am Ende ihrer Kräfte, die Pandemie hat ihnen den Rest gegeben. Sie mussten mit Schutzausrüstung arbeiten, konnten sich nicht mehr frei bewegen, es gab ständig wechselnde Besuchsregelungen, mehr Testverfahren. Das war alles nötig, aber eben auch eine zusätzliche Belastung.

Die Folge?

Kinstle: Manche steigen aus. Das Ärzteblatt berichtet von rund 9000 Pflegekräften, die zwischen April und Ende Juli 2020 das Handtuch geworfen haben. Die meisten von ihnen Krankenpfleger in den Kliniken. Das verstärkt die Krise noch einmal. Corona hat den Beruf nicht unbedingt attraktiver gemacht.

Und darunter müssen nicht zuletzt die Patienten auf den Intensivstationen leiden?

Kinstle: Klar. Wobei die Zahl der Intensivbetten für mich nicht relevant ist. Viel wichtiger ist die Zahl des Personals, das zur Verfügung steht. Es gibt auch deshalb freie Betten in den Kliniken sowie in Pflegeheimen, weil das Personal fehlt. Und dieser Missstand bestand schon vor der Pandemie.

Zur Person: Rene Kinstle ist Leiter des Seniorenhauses Mühlenpark der Diakonie in der Kitzinger Siedlung. Außerdem berät er unterfränkische Seniorenheime bei der Einrichtung von Pandemiebereichen (Bericht folgt).

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