Ein Vierteljahrhundert. Das ist viel Zeit. Im Jahr 1993 war vieles anders. In den Vereinigten Staaten wurde Bill Clinton als Präsident vereidigt, in Norwegen gab die Band a-ha ihre Auflösung bekannt – und in Kitzingen erwachte die Alte Synagoge zu neuem Leben.

1882 bis 1883 ist das Gebäude in der Landwehrstraße erbaut worden. Es hat schwere Zeiten hinter sich. In der „Reichspogromnacht“ am 10. November 1938 wurde die Synagoge ein Opfer der Flammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das religiöse Gebäude als Heimat für Handwerksbetriebe, stand für kurze Zeit leer, wurde dann von der katholischen Kirche als Proberaum für Chöre und Blasorchester genutzt – allerdings nur vom Frühjahr bis zum Herbst. Im Winter war es zu kalt. Mit dem Bau des Dekanatszentrums fanden die Musiker einen damals modernen Unterschlupf.

In den 1980er Jahren drohte der Abriss der Alten Synagoge. Der Stadtrat hatte es schon so entschieden. Dann gründeten engagierte Bürger einen Förderverein, der Beschluss wurde revidiert, neun Millionen Mark in den Umbau, der einem Neubau glich, investiert. Im Herbst 1993 öffnete die neue Alte Synagoge ihre Tore. Einige Zehntausend Besucher sind seither alleine zu den Veranstaltungen der Vhs geströmt. Längst hat sich die Alte Synagoge als der Ort für kulturelle Veranstaltungen in Kitzingen etabliert. Doch die Anfänge waren schwer.

„Kein Personal, keine Vorgaben, eine ganz schlechte technische Ausstattung.“ Richard Arndt-Landbeck denkt mit Schrecken an die ersten Jahre zurück. Der heutige Vhs-Geschäftsstellenleiter und Leiter Kultur in der Alten Synagoge war schon damals als pädagogischer Mitarbeiter in die Planungen eingebunden. Mit rund 40 Veranstaltungen versuchte man im ersten Halbjahr 1993 den Geschmack der Kitzinger zu treffen – mit unterschiedlichem Erfolg. Bei Jazz-Musikerin Susanne Schönwiese saßen gerade mal vier zahlende Zuschauer im großen Saal, die Lesungen stellten sich alle als Flop heraus. Bei den Chören, den Tourneetheatern und den Konzerten reichte die Resonanz von mäßigem Interesse bis gutem Zuspruch. Nach einem Jahr stand fest: Ein gemischtes Programm macht keinen Sinn. Dann lieber eine feste thematische Reihe.

Arndt-Landbeck und die Mitstreiter der ersten Stunde riefen das „Festival der leisen Töne“ ins Leben – ein Volltreffer. Sieben Jahr lang lief die Veranstaltungsreihe in Zusammenarbeit mit der Vhs in Würzburg. Im Schnitt kamen mehr als 200 Besucher. „Es war die erfolgreichste Serie, die wir jemals hatten“, erinnert sich Arndt-Landbeck.

Mit der folgenden Reihe KICK (Kitzinger Comedy- und Kabarettwochen) ging die Vhs erneut ein Wagnis ein. Bis dato hatte nur das Bockshorn (damals noch in Sommerhausen) Kabarett für die Neugierigen im Raum Würzburg/Kitzingen angeboten. Der Mut zahlte sich aus. Schnell hatten sich die Kabarettabende zu einem wichtigen und gut besuchten Standbein in der Alten Synagoge entwickelt.

Heute sind es fünf verschiedene Arten von Veranstaltungen, die Jahr für Jahr tausende Neugierige in das Gebäude locken: Kulturreihen, Bildungsveranstaltungen der Vhs, Angebote des Fördervereins Ehemalige Synagoge, Veranstaltungen von Musikschule und anderen städtischen Einrichtungen sowie Vermietungen an Veranstalter wie Schulen, Banken, die Klinik Kitzinger Land oder andere Interessenten wie den Rotary- oder den Lions-Club.

Etwa 150 Veranstaltungen finden Jahr für Jahr in der Landwehrstraße statt. „Das alles muss natürlich zeitlich und thematisch koordiniert werden“, sagt Arndt-Landbeck. Sein oberstes Ziel lautet Vielfalt. Mindestens drei Jahre Pause plant er ein, bevor er den gleichen Künstler wieder in die Alte Synagoge einlädt.

Gerne erinnert er sich an die Auftritte von Bernd Regenauer, Andreas Giebel oder Christoph Soldan (Pianist) zurück, die der Alten Synagoge immer wieder einen Besuch abstatteten. Auch „Carolin No“ haben die Kulturstätte über Jahre hinweg begleitet und ein treues Publikum gefunden.

Rund 2500 Konzerte hat Arndt-Landbeck in den letzten 25 Jahren organisiert. Nur zweimal hatte er richtig Grund zum Klagen. Gunter Gabriel beschimpfte 2003 sturzbetrunken nicht nur das Publikum – „sondern jeden und alles.“ Auf den italienischen Liedermacher Pippo Pollina hatte sich Arndt-Landbeck ganz persönlich gefreut, war er doch schon als Jugendlicher dessen großer Fan. Nach einer halben Stunde, in der Pollina geflucht und getobt hat, weil der Saal für seinen Soundcheck noch nicht vorbereitet war, riss dem ansonsten so ruhigen und freundlichen Vhs-Leiter der Geduldsfaden. „Noch ein Wort und ich schmeiße Sie raus“, hat er dem italienischen Liedermacher an den Kopf geworfen. Am Abend gab Pollina ein umjubeltes Konzert, dennoch sagt Arndt-Landbeck: „Das war meine schlimmste Stunde in der Alten Synagoge.“

Seit dem Jahr 2011 sind rund 200 000 Euro in die Alte Synagoge investiert worden, gerade der Brandschutz verschlang viel Geld. „In den nächsten drei, vier Jahren werden noch mal rund 100 000 Euro gebraucht“, schätzt Arndt-Landbeck. Die Alte Synagoge ist in die Jahre gekommen. Neue Orchesterstühle werden benötigt, neue Tische, eine neue Garderobe, Kühltheken und Stühle. „Alleine ein guter Stuhl kostet schon rund 500 Euro“, sagt er und regt gleichzeitig eine Diskussion über eine neue Organisationsstruktur an. „Kitzingen braucht ein Kulturamt“, meint der Mann, der wie kein anderer das Kulturleben der Stadt in den letzten 30 Jahren geprägt und mitgestaltet hat.

Dass die Alte Synagoge auch weiterhin eine bedeutende Rolle spielen wird, steht für ihn außer Zweifel. „Aber wir brauchen deutlich mehr Geld als bislang“, prophezeit er. Ein Kulturhaus müsse nun mal permanent erneuert werden und es brauche ausreichend Personal, das sich professionell um die Veranstaltungen und die Ausstattung kümmert.

Arndt Landbeck weiß schon jetzt, welche Veranstaltung die letzte sein wird, die er organisiert: das Neujahrskonzert 2023. Dann feiert die neue Alte Synagoge schon den nächsten Geburtstag: 30 Jahre.