Am vergangenen Wochenende endete die Klimakonferenz im nordafrikanischen Marrakesch. Die Zukunft der Menschheit stehe auf dem Spiel, hatte Marokkos König Mohammed VI. erklärt. Große Worte – vielleicht zu groß. „Menschheit“, „Zukunft“, „Welt“ und „Erde“ sind Begriffe, die zwar einen fast mystischen Klang besitzen, letztlich für den Einzelnen aber nicht erfahrbar sind.

„Das ist ein Problem“, sagt Prof. Dr. Heiko Paeth. „Die Menschen haben ein berechtigtes Interesse daran, den Klimawandel auf ihre lokale Ebene herunterzubrechen,“ erklärt der Meteorologe und Klimaforscher von der Universität Würzburg. Wichtig für die Menschen sei die Frage: Was passiert vor meiner Haustür?

Um diese Frage zu beantworten, hält Paeth regelmäßig Vorträge – so wie vergangene Woche in der Alten Synagoge in Kitzingen. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt er nun, was die Kitzinger Region zu einem „Hotspot“ des Klimawandels macht und was er von Klimaskeptikern hält.

Herr Paeth, wie erklären Sie den Zuhörern den Klimawandel?

Heiko Paeth: Zunächst muss man über den globalen Klimawandel reden. Denn für diese Ebene ist die These des menschengemachten Klimawandels entwickelt worden. Es geht um die Entwicklung der Durchschnittstemperaturen und Niederschläge über viele Jahre. Das Klima kann man nicht fühlen – genauso wenig wie das Durchschnittseinkommen in Deutschland. Und dennoch sind beides aussagekräftige Größen.

Was macht es so schwierig, über den Klimawandel zu sprechen?

Heiko Paeth: Viele Menschen versuchen mit lokalen und zeitlich begrenzten Phänomenen zu argumentieren. Also wie warm war es bei mir, sind die Pflanzen im Garten gewachsen? Beispielsweise wird das Jahr 2010 sicher nicht als das beste Weinjahr aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Im Gegenteil: Der Sommer hier war kalt und nass. Und trotzdem: Das Jahr 2010 war global das bis dahin heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Seitdem wurde der Rekord übrigens noch dreimal gebrochen: 2014, 2015 und wohl auch dieses Jahr.

Heiko Paeth und seine Kollegen arbeiten ständig an einer Verbesserung der Klimamodelle. Mittlerweile habe sich die Genauigkeit der Modelle deutlich verbessert. In Deutschland könne man die klimatische Entwicklung der nächsten hundert Jahre relativ genau berechnen – und das mit einer Auflösung von zehn Kilometern. „Das reicht zwar nicht, um die Bedingungen für einzelne Äcker vorherzusagen“, erklärt Paeth. Aber man könne eben das Klima von Unterfranken mit dem in anderen Teilen Deutschlands vergleichen.

Zu welchen Ergebnissen kommen die Modelle für unsere Heimatregion?

Heiko Paeth: Man hat ja immer das Gefühl, dass der Klimawandel eher etwas mit den südlichen Ländern, mit Inseln und den Hochgebirgen zu tun hat. Das ist nicht ganz richtig. Bei einem mittleren Emissionsszenario gehen wir für Franken bis zum Ende des Jahrhunderts von einer Klimaerwärmung zwischen vier und fünf Grad aus. Im globalen Mittel würde die Temperatur hingegen „nur“ um 2,5 Grad steigen.

Wie kommt das?

Heiko Paeth: Temperatur und Niederschläge hängen in unseren Breiten maßgeblich von den Luftströmungen ab. Das hat man die letzten Tagen gemerkt: Von Temperaturen um den Gefrierpunkt ist das Thermometer auf über zehn Grad gestiegen. Schuld daran waren warme Luftmassen, die aus dem Südwesten die kälteren Luftmassen aus dem Norden verdrängt haben. Durch den Klimawandel werden uns warme Luftströmungen aus den Subtropen häufiger erreichen. Der Sommer 2003 gilt beispielsweise als Vorbote, wie in ein paar Jahren der durchschnittliche Sommer in Mainfranken aussehen wird. Im Winter spielt in Zukunft die nordatlantische Oszillation, die in Mitteleuropa so bedeutend ist wie das El-Nino Phänomen rund um den Pazifik, eine noch größere Rolle. Das macht Süddeutschland zu einem Hotspot des Klimawandels.

Für die Region bedeute das einschneidende Veränderungen, erklärt Paeth. Beispielsweise für die Wälder: Baumarten, die schlecht mit Dürren klar kommen, werden seltener. Die Waldbrandgefahr steigt, starke Stürme werden häufiger, neue Schädlingsarten breiten sich aus. Auch in der Landwirtschaft drohen Schäden: Ernteausfälle könnten häufiger auftreten. „Dann wird man sich fragen müssen: Macht der Anbau von wasserintensiven Sorten wie Mais hier noch Sinn – oder sollte man auf mediterrane Produkte wie Oliven und Feigen umstellen?“, so Paeth.

Sind Sie überrascht, dass es immer noch viele Menschen gibt, die den Klimawandel leugnen?

Heiko Paeth: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass immer weniger Menschen den menschengemachten Klimawandel leugnen. Das hat sich sehr verändert.

Aber es gibt doch noch Kritiker, oder?

Heiko Paeth: Ja. Auf der einen Seite gibt es die Lobbyisten. Mit Argumenten, die im ersten plausibel klingen, versuchen sie den menschengemachten Klimawandel abzustreiten. Da müssen wir Klimaforscher genau hinschauen, um die Fehler zu identifizieren. Oft wird mit Statistiken und Grafiken gespielt und geschummelt, um den eigenen Standpunkt zu untermauern. Interessanterweise sind die Leute, die heute am lautesten gegen den Wandel argumentieren, oft die gleichen, die noch vor 20 Jahren behaupteten, Rauchen sei nicht schädlich. Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die aus ihrer eigenen Lebenserfahrung argumentieren: Das Wetter hat sich ja schon immer verändert. Und außerdem wurden ja schon viele Säue durchs Dorf getrieben.

Man muss aber auch sagen: Es gibt tatsächlich eine Restwahrscheinlichkeit, dass wir uns mit der These des menschengemachten Klimawandels irren. Aber diese Wahrscheinlichkeit ist eben sehr gering. Eine hundertprozentige Sicherheit kann es niemals geben.

Einer der Klimaleugner wurde gerade zum Präsidenten der USA gewählt...

Heiko Paeth: Ich habe keine Zweifel daran, dass Trump aus dem Parisabkommen aussteigen wird. Das ist das Wahlversprechen, das er am einfachsten einlösen kann. Schließlich sind die Klimaskeptiker in den USA viel zahlreicher als in Europa.

Schaffen wir die Klimawende?

Heiko Paeth: Daran habe ich meine Zweifel. Ich glaube nicht, dass wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen werden. Dafür ist bislang neben den allgegenwärtigen politischen Lippenbekenntnissen einfach zu wenig umgesetzt worden. Ich glaube, wir müssen uns an erhebliche Klimaveränderungen anpassen. Die Anpassungsfähigkeit wird darüber entscheiden, wer die größten Verlierer und wer vielleicht sogar Gewinner sein werden.
 


Kommentar
Wer „nämlich“ mit „h“ schreibt

Von Robert Wagner

Nein, wir sinken nicht! Beim Film „Erik der Wikinger“ von Monty Python Mitglied Terry Jones sitzen die Einwohner von Atlantis bis zuletzt auf ihrer Insel, trällern ein fröhliches Liedchen und leugnen, dass ihre Stadt untergeht. Währenddessen steigen die Fluten um sie herum. Und mit den Worten „Ich glaube, es geht wieder aufwärts“, verschwindet schließlich auch der Herrscher im Meer.

Der Film ist von 1989. Heute würde man das Verhalten und Denken der Atlanter wohl als „postfaktisch“ beschreiben. Mir fällt dazu ein anderes Wort ein: Das fängt mit dem Buchstaben „D“ an und klingt so ähnlich wie „nämlich“. Das Wort trifft auch auf all jene zu, die heute noch glauben, der Klimawandel sei von grünen Ideologen erfundener Humbug.

Natürlich gibt es immer noch Unsicherheiten, welche Faktoren das Klima in welchem Maße beeinflussen. Das globale Klima ist hochkomplex. Es lässt sich nicht mit simplen Formeln á la A plus B ist gleich C beschreiben. Und dennoch: Den Einfluss der industriellen Produktion, der Landwirtschaft und Landnutzung auf das Klima einfach zu leugnen, ist - ziemlich nett formuliert - Unsinn.

Eine ernsthafte und offene Diskussion über Inhalte ist sinnvoll. Doch das ganze muss seine Grenzen haben: Wer den Klimawandel komplett leugnet, kann auch gleich behaupten, die BRD existiere nicht, die Amerikaner seien nie auf dem Mond gewesen, die Erde sei flach und Wasser nicht nass.

Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem sich eine Diskussion erübrigt und es keinen Sinn mehr hat, Argumente auszutauschen. Weil man das Reich des „postfaktischen“ erreicht hat. Und dann kann man „nämlich“ auch gleich mit „h“ schreiben.