Jedes Jahr sind tausende Deutsche davon betroffen. Und es werden immer mehr. Die Zahl der Rentner steigt. Nach 30, 40 oder noch mehr Jahren fängt plötzlich ein neuer Lebensabschnitt an. Wie gestalte ich diesen Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand? Ist das Wort Ruhestand überhaupt angebracht? Und was mache ich, wenn die Dame in Schwarz plötzlich vor der Tür steht. Dr. Wunibald Müller hat diese Phase im vergangenen Jahr selbst erlebt. Der Mitbegründer des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach hat seine Erfahrungen in einem Buch zusammengefasst.

Frage: Loslassen und weitergehen lautet der Titel ihres Buches. Warum kann ich als Neu-Rentner nicht einfach weitergehen im Leben. Warum muss ich erst etwas loslassen?

Wunibald Müller: Wenn ich nicht loslasse, dann halte ich etwas fest, das ich gar nicht mehr habe. Lasse ich dagegen los, bleibt mir das, was war.

Klingt kompliziert.

Müller: Ist aber ganz einfach. Ich drücke es ein wenig anders aus. Das radikale Loslassen ist erst die Voraussetzung dafür, um mich auf etwas Neues einstellen zu können.

Radikales Loslassen beinhaltet für Sie den kompletten Bruch mit dem alten Beruf?

Müller: Ich würde Loslassen nicht auf die Tätigkeit reduzieren. In meinem Fall meinte ich mit Loslassen beispielsweise das Recollectio-Haus, aber nicht das, was ich dort über 25 Jahre getan habe. Ich hatte bis vor kurzem keinen Kontakt nach Münsterschwarzach. Das hatte ich mir zum Abschied gewünscht.

Warum?

Müller: Um diesen Abschnitt hinter mich zu lassen und gleichzeitig meinem Nachfolger einen größtmöglichen Freiraum zu gewähren.

Wie ist das bei Ihren langjährigen Weggefährten angekommen? Waren die Kollegen und Brüder nicht ein wenig pikiert?

Müller: Die Reaktionen fielen ganz unterschiedlich aus. Eine gewisse Überraschung war bei einigen nicht zu übersehen. Andere haben es verstanden.

War das eine Art Selbstschutz?

Müller: So weit würde ich nicht gehen. Aber ich habe in vielen Gesprächen während meiner Berufstätigkeit gemerkt, dass es nie gut ist, wenn Pfarrer in Rente gehen und vor Ort bleiben. Für sie selber ist es schlecht, für die Gemeinde und für ihre Nachfolger.

Kann man das Loslassen trainieren?

Müller: Man sollte sich auf jeden Fall damit beschäftigen, bevor plötzlich der letzte Tag auf der Arbeit anbricht.

Wann beginnt die intensive Beschäftigungsphase idealerweise?

Müller: Ein bis zwei Jahre vor der Rente. Es ist gut, sich innerlich darauf einzustellen, sich einen Zeitraum vorzunehmen und sich auch daran zu halten.

Sie hatten einen ganz besonderen Lebens- und Berufsweg. Ist ihre Erfahrung übertragbar auf andere Berufe?

Müller: Auf jeden Fall. Jeder sollte sich Gedanken machen, welche Fähigkeiten er hat. Was er nach der Arbeitsphase intensiver machen möchte. Das können Hobbys sein oder eine ehrenamtliche Tätigkeit.

Geht es nicht immer um das Gefühl, auch weiterhin gebraucht zu werden?

Müller: Das ist ein wichtiger Aspekt. Was heißt es für mich, wenn ich nicht mehr in dem Sinne gebraucht werde wie bisher? Wenn ich nicht mehr der Chef bin oder der Vorarbeiter. Wenn plötzlich ein Bedeutungsverlust einsetzt.

Klingt nach einem klassischen Zeitpunkt für eine Krise.

Müller: Nicht unbedingt. Es ist eine Chance aber auch eine Herausforderung, sich diesen Fragen zu stellen. Ich definiere mich ja nicht mehr über meine Position, sondern als Mensch. Die Frage lautet: Bin ich auch wertvoll ohne diesen Job. Manche gelangen da an eine wunde Stelle.

Es ist also absolut notwendig, diesen Prozess aktiv anzugehen?

Müller: Es ist notwendig, sich Gedanken zu machen. Aber es ist auch gut, sich überraschen zu lassen von den neuen Möglichkeiten. Es entsteht ja Freiraum für neue Aktivitäten.

Ruhestand ist eigentlich ein ganz schlechter Begriff für diese neue Phase.

Müller: Ja. Man muss in Bewegung bleiben. Und es kann sein, dass manches jetzt noch in Bewegung kommt. Neue Dinge haben wieder eine Chance.

Auf der anderen Seite rückt auch der Tod immer näher. Die eigene Vergänglichkeit wird einem in der Rente erst so richtig bewusst.

Müller: Der Eintritt in die Rentenphase sagt deutlich: Die letzten 20 Prozent des Lebens sind erreicht. Dessen sollte man sich bewusst werden. Es macht auch keinen Sinn, sich dagegen aufzulehnen. Der Herbst ist ja was Schönes. Am besten ist es, diese Phase bewusst anzugehen. Bei manchen kann das allerdings zum Besuch der Dame in Schwarz führen.

Bitte was?

Müller: Das ist ein Bild dafür, dass eine Depression kommen kann. Wer sich mit der Frage der Endlichkeit auseinandersetzt, der kann darüber natürlich traurig werden. Das vergeht dann auch wieder, aber wir sollten nicht über diese wichtige Phase hinweggehen.

Besucht die schwarze Dame jeden Neurentner?

Müller: Ich habe in vielen Gesprächen gemerkt, dass der Übergang schwierig ist. Manche sind in eine Krise geraten, mussten ihre Einstellung zum Leben ändern. Sie hatten Probleme damit, an Bedeutung zu verlieren und gleichzeitig gebrechlich werden. Andere hatten mit dieser Phase ihres Lebens überhaupt keine Probleme.

Was macht diese Menschen aus?

Müller: Die Fähigkeit, sich auf das zu besinnen, was noch alles gut läuft. Das hat etwas mit einer guten Krisenkompetenz zu tun. Dazu gehört auch, Frieden mit der Vergangenheit zu machen.

Das heißt?

Müller: Sich versöhnen mit Dingen, die nicht so gut gelaufen sind. Dann lässt es sich auch leichter zurückschauen.

Was ist das Verkehrteste, das man in dieser Übergangsphase machen könnte?

Müller: Sich gehen zu lassen, weil man meint, jetzt endlich viel Zeit zu haben. Die Hälfte seiner Zeit vor dem Fernseher verbringen. So entgehen einem ja die Chancen dieser neuen Lebensphase.

Welche Chancen?

Müller: Talente leben, die vorher verkümmert sind, beispielsweise. Dafür muss ich mir bewusst sein, welche Fähigkeiten ich habe und diesen Fähigkeiten einen Raum geben.

Kann man das vielleicht so zusammenfassen: Ich muss nicht mehr, aber ich darf.

Müller: Genau. Vorausgesetzt, die finanzielle Grundlage passt. Dann kann die Rente ein befreiendes Gefühl sein, eine neue Lebensqualität beinhalten.

Sie sind vor zehn Monaten in Ruhestand gegangen. Hätten Sie, rückblickend, etwas anders gemacht?

Müller: Ich hätte drei Monate Pause machen müssen, eine kleine Auszeit. zumindest. Das empfehle ich jedem. Eine längere Reise oder Wanderung. Ich habe zu schnell wieder Vorträge angenommen. Besser ist es, eine Zeit für die Verabschiedung, die Trauer und den Wehmut einzuplanen. Bei mir war der Übergang jedenfalls zu schnell.

Zur Person: Dr. Wunibald Müller ist Theologe und Psychotherapeut. Er war Mitbegründer und von 1991 bis 2016 Leiter des Recollectio-Hauses in der Abtei Münsterschwarzach.

Zum Buch: Titel: Loslassen und weitergehen. Schritte in den Ruhestand. Ab sofort im Buchhandel. ISBN: 978-3-8436-0885-5. Erschienen im Patmos-Verlag.