Dieter Rammensee wählt deutliche Worte: „Es gibt immer mehr Katastrophenflächen!“ Der Leiter der Forstbetriebsgemeinschaft Kitzingen weiß: Gerade im Raum Kitzingen/Geiselwind finden sich Wälder, die von Sturm und Schädlingen schwer gezeichnet sind. „Wir sind hier Klimawandel-Vorreiter!“ Im Kreis Kitzingen ist es mit 10,5 Grad im Jahresdurchschnitt um anderthalb bis zwei Grad heißer als im bayerischen Durchschnitt. „Und trockener ist es bei uns auch.“ Damit klimatoleranter, zukunftsfähiger Mischwald entstehen kann, müsse in den nächsten Jahren das Motto gelten: Strecke machen. „Wir brauchen deutlich höhere Abschusszahlen beim Schalenwild, besonders beim Rehwild!“

Rammensee ist nicht allein. Neben ihm stehen ein Dutzend Forstfachleute auf einem Flurweg bei Geiselwind-Haag. Fast alle von ihnen sind gleichzeitig Jäger. Zu der Exkursion eingeladen hat der Ökologische Jagdverein (ÖJV) Bayern mit seinem Vorsitzenden Wolfgang Kornder. Der ÖJV untermauert die mittlerweile schon alte Forderung nach „angepassten Wildbeständen“ mit einer neuen Initiative: „hunting4future“. Deren Ziel, dass Waldverjüngung im Wesentlichen ohne Zaunbau und andere Schutzmaßnahmen möglich sein müsse, unterstützt der Kitzinger Forstbereichsleiter Klaus Behr.

Beim Pressetermin im Wald melden sich außerdem Vertreter der Forstbetriebsgemeinschaften Kitzingen und Neustadt/Aisch–Uffenheim (Christian Göttfert) sowie weitere Verbandssprecher zu Wort: Klaus Schulz von der ANW (Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft) und Ralf Straußberger als Wald- und Jagdreferent vom Bund Naturschutz.

In das alte Lied „Waldfreunde gegen Wildfreunde“ wollen sie alle nicht einstimmen. Viel zu viel stehe auf dem Spiel, als dass Forstleute und Waidmänner sich gegenseitig die Schuld für die Misere in die Schuhe schieben dürften: „Oben stirbt der Wald und unten wächst nichts nach“, formuliert es Straußberger drastisch. Will heißen: Ältere Bäume killt der Klimawandel, ihren Nachwuchs – die Naturverjüngung durch Samen und Stockausschlag – verbeißt das Wild.

„Aber es gibt eine gute Lösung für alle“, betont Johannes von Rotenhan von der Forstbetriebsgemeinschaft Kitzingen. „Wenn ein paar Jahre lang straff und waldfreundlich gejagt wird, bricht die Streckenzahl zwar über wenige Jahre ein. Dann aber wird der artenreiche Wald dichter und die Wildbestände erholen sich.“ Rehwild finde mehr Deckung und Äsung als zuvor. „Am Ende hat sich der Lebensraum insgesamt verbessert.“

Dass der junge Förster Recht hat, bestätigen die Leiter der beiden großen regionalen Privatwälder, Uwe Reißenweber (Fürstlich Castellscher Forst) und Christian Belz (Graf von Schönborn). Beide setzen das Prinzip „Wald vor Wild“ konsequent um. „Wir geben aktuell keinen Cent für Zaunbau aus und – mit Ausnahme von Spezialbaumarten – auch nichts für Neupflanzungen“, stellt Reißenweber fest. Die Naturverjüngung funktioniere, weil man die Wildbestände über Jahre auf einem moderaten Niveau gehalten habe. Viele heimische Baumarten hätten dadurch gut wachsen können. „Jetzt findet das Wild mehr Deckung und Äsung als zuvor“, sagt Reißenweber. „Und es stellt sich auf den neuen Lebensraum ein. Wir haben jetzt mindestens soviel Wild wie zuvor. Die Wildbretgewichte sind höher, was für die gute Lebensqualität der Tiere spricht.“

Christian Belz hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „Die Streckenzahlen belegen, dass ein natürlich verjüngter Wald auch für die Tiere das Beste ist.“ Allen, die Angst vor einer zu großen Dezimierung des Wildes haben, sagt er: „Wir würden es niemals schaffen, das Rehwild auszurotten! Das will auch niemand.“ Für den Aufbau stabiler, gemischter Wälder sei es jetzt ganz wichtig, den Verbiss durch Schalenwild zu minimieren. „Einfach konsequent bejagen und das auch von Jagdpächtern und Begehern verlangen“, fordert Belz.

Dem Laien stellt sich nun die Frage: Wenn die Lösung so einfach ist, warum wird sie dann nicht umgesetzt? Die Forstleute und Verbändevertreter haben dafür mehrere Erklärungsansätze. Dieter Rammensee hat beispielsweise die Erfahrung gemacht, dass viele Jäger noch immer „unverbesserlich“ seien, stets viel Wild sehen wollen, und dass mancher Kleinprivatwaldbesitzer die Notwenigkeit des Jagens schlicht nicht sehe. „Viele haben den Wald geerbt, sonst aber keinen Bezug dazu.“

Klaus Schulz, ehemaliger Stadtförster in Bamberg, sagt es so: „Viele Kleinwaldbesitzer haben nicht das Bewusstsein dafür, dass die Jagd der Schlüssel zum Waldglück ist.“ Unser gängiges Jagdsystem unterstütze den Waldumbau oft nicht – dabei sei der, bedingt durch den Klimawandel, dringend nötig. „Die Lage ist dramatisch. Sogar alte Buchen sterben bereits. Und die jungen Bäume werden verbissen“, macht Klaus Behr deutlich. Hoffnung setze man auf die Eiche – aber deren Nachwuchs möge das Wild besonders gern. „Wir müssen dringend gegensteuern. Sonst droht der Wald, wie wir ihn kennen, flächendeckend zu verschwinden.“

Ralf Straußberger vom BN findet, dass es oft an Einsicht und gutem Willen mangele. „Dabei müssten sich die Waldbesitzer nur zusammentun, denn es gibt erfolgreiche Modelle der Eigenbejagung für kleine Flächen.“ Für einen gelingenden Waldumbau müssten pro 100 Hektar je nach Beschaffenheit des Areals durchaus 15 bis 20 Rehe im Jahr erlegt werden. Aktuell seien es im bayernweiten Durchschnitt vielleicht ein Drittel.

Ein „positives Beispiel“ hat Dieter Rammensee parat: Im Stadtwald Iphofen, Ortsteilwald Possenheim, sei ein Revier seit gut 15 Jahren nicht mehr verpachtet worden. Per Eigenbewirtschaftung habe man es durch konsequente Bejagung – anfangs 20 Rehe auf 100 Hektar, aktuell noch 14 – geschafft, die Naturverjüngung auf einen guten Weg zu bringen. „Bäume aus Naturverjüngung wurzeln besser, sie sind robuster und widerstandsfähiger als Neupflanzungen. Für den Wald der Zukunft sind sie lebenswichtig.“

Gemeinsam müssten Förster, Waldbesitzer und Jäger dafür sorgen, dass nicht zu viele hungrige Mäuler den jungen Pflanzen den Garaus machen. Eine bessere Wildfleisch-Vermarktung könnte manchen Jäger zu verstärktem Ansitz bewegen, meint Christian Belz. „Wildbret ist ein gesundes, regionales Produkt. Was geht über einen Rehbraten aus heimischen Wäldern?“ Belz geht sogar noch weiter und nimmt die Jagdbehören und die Jagdgesetzgeber in die Pflicht. „Jagdzeiten sollten an regionale Verhältnisse angepasst werden. In vielen Fällen wäre das sinnvoll – für Wald und Wild!“

INFO: Allein im Kreis Kitzingen geht Forstamtsleiter Klaus Behr von um die 40 Hektar Wiederaufforstungsfläche nach dem jüngsten Borkenkäferbefall aus. „Diese Flächen brauchen besonderen Schutz.“ ÖJV-Vorsitzender Wolfgang Kornder bietet an: „Verbände wie wir oder die Forstbetriebsgemeinschaften stehen Waldbesitzern gern mit Rat und Tat zur Seite.“