"Man muss ständig hinter dem Biber her sein"
Zumal Iphofen ja keine arme Stadt sei: „Iphofen hat Geld. Da kann man die Sicherheit schon gewähren, indem man Arbeitszeit aufwendet und die Biberburgen, Dämme und Uferbereiche regelmäßig kontrolliert. Damit wäre die Verkehrssicherheit gewährleistet.“ Eine Iphöferin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, fügte an: „Bestimmt fänden sich auch Freiwillige, die Kontrollen übernehmen. Das würde die Kosten für die Stadt senken.“
Zwei, die den Biber aus ihrem Arbeitsalltag kennen, waren ebenfalls zur Mahnwache gekommen, wollen aber anonym bleiben. „Man muss ständig hinter dem Biber her sein und kontrollieren, was er tut. Sonst drohen wegen verstopfter Zu- oder Abflüsse Hochwasser und andere ernste Probleme, zum Beispiel in den Kläranlagen“, sagte einer der Männer. Sein Kollege bestätigte das. „80 oder sogar 90 Stunden pro Monat können in großen Gemeinden wie Iphofen für die Kontrolle der Biberburgen draufgehen.“ Trotzdem sind auch die beiden Männer keine Freunde davon, immer wieder geschützte Tiere zu erlegen. Andererseits sei eine Umsiedlung der Nager auch kaum noch möglich: „Mittlerweile sitzt doch in jedem Graben ein Biber. Es ist kein Platz mehr.“ Wer einen Biber fange, müsse ihn im Prinzip töten, weil keine Reviere mehr frei seien. „Das ist schon ein Dilemma.“
Hipfel hörte sich die Worte der Fachleute an und dankte ihnen für ihr Kommen. „Ich verstehe das alles. Trotzdem ist es nicht richtig, ein bestehendes Schutzgesetz immer wieder mit Ausnahmegenehmigungen zu unterwandern. Zudem: Warum dürfen wir Menschen allen Raum für uns beanspruchen und die Tiere nicht?“
Als die Versammlung am Stadtsee sich auflöste, brannten die Kerzen noch eine Weile weiter. Doch sie hielten den Biber offenbar nicht fern. Die Äpfel in der Falle dufteten wohl zu verführerisch – jedenfalls war das Tier am morgen gefangen und sein Schicksal besiegelt.
„Es geht nicht um das eine Tier“, betonte Steffi Hipfel gestern erneut. „Der nächste Biber wird kommen. Wird der dann auch wieder 'ausnahmsweise' getötet?“ Tatsächlich besteht die 2019 erteilte Ausnahmegenehmigung immer noch, erklärte Corinna Petzold, Pressesprecherin des Landratsamtes, auf Nachfrage.
„Wusste nichts von der Falle“
Biberberater Frank Stierhof erfuhr gestern gegen Mittag erst durch den Anruf aus der Redaktion von der aktuellen Situation: „Ich wusste nichts von der Falle.“ Eigentlich, so Stierhof, habe er einen gemeinsamen Termin mit Dieter Lang von der Unteren Naturschutzbehörde, seinem Biberberater-Kollegen Klaus Petter und dem BN-Bibermanager für Nordbayern vereinbaren wollen, um die Problematik im größeren Kreis zu besprechen. Denn klar ist: Nicht nur Iphofen hat mit einer „Biber-Schwemme“ zu tun. Derzeit gibt es in sieben Orten des Landkreises Ausnahmegenehmigungen zur Tötung der Tiere, teilte Landratsamts-Pressesprecherin Corinna Petzold mit.
Auf Dauer sind diese Ausnahmen nicht sinnvoll, findet Frank Stierhof. „Man könnte es ähnlich handhaben wie beim Kormoran.“ Der stehe noch immer unter Schutz, doch die Population dürfe auf einem gewissen Stand gehalten werden, sprich: „Wird die festgesetzte Anzahl von Brutpaaren pro Hektar überschritten, darf man die Population dezimieren.“ Ob so eine Regelung eine Chance hat, weiß der Biberberater nicht: „Das ist ein Politikum.“
Ganz persönlich könnte Stierhof, wie er betont, „am Stadtsee mit einem Biber leben“ – sofern Schilder auf die potenzielle Gefahr durch Ufer-Unterhöhlung und so weiter hinweisen würden und das Areal regelmäßig kontrolliert würde. „Aber aus dem Herrngraben muss der Biber raus, da ist die Gefährdung, wie auch direkt an Kläranlagen, einfach zu groß.“
Bürgermeister Josef Mend sagt dazu: „Wir wollen den Stadtsee, der auch dem Hochwasserschutz dient, und die alten Obstbäume am Herrn-graben schützen. Ich habe da kein schlechtes Gewissen, weil die Stadt Iphofen andernorts Flächen für den Biber zur Verfügung stellt.“ 30 bis 40 Biber leben schätzungsweise auf der 7800 Hektar umfassenden Iphöfer Gemarkung, so Mend. „Der sinnvollste Weg wäre, das Gesetz zu ändern.“ Der Biber habe keine natürlichen Feinde, er vermehre sich unbegrenzt.
Steffi Hipfel findet: „Es muss ein Konzept erarbeitet werden, wie man künftig mit dem Biber in sensiblen Bereichen umgeht. Schließlich kann es nicht sein, dass die Ausnahmegenehmigung – das Erschießen – zur Regel wird.“ Hipfel ist dafür, mehr Naturflächen zu schaffen,wo der Biber leben und sich die Natur ungestört entwickeln kann. „Dazu müssen staatliche Gelder zur Verfügung gestellt werden.“ Genauso wichtig sei ein gesellschaftliches Umdenken: „Wir Menschen sollten lernen, mit unseren Mitgeschöpfen zu leben und Kompromisse einzugehen.“
Ausnahmsweise bejagen
Hintergrund: Der Biber ist in Europa besonders geschützt (FFH-Richtlinie). In speziellen Fällen – wenn die Sicherheit der Passanten gefährdet ist, wenn Kläranlagen durch Dämme beeinträchtigt werden oder wenn der Erwerbsfischerei massive Schäden drohen – darf der Nager ausnahmsweise bejagt werden.
Aktuell: Solche Entnahme-Genehmigungen für den Biber gibt es aktuell für Teiche (Erwerbsfischerei), Seen und Kläranlagen in Rimbach, Obervolkach, Castell, Iphofen, Nordheim, Kitzingen und Füttersee. Ein „Biber-Problem“ existiert aber natürlich nicht nur im Raum Kitzingen, sondern landauf, landab. Der Grund: Die Tierart hat sich seit ihrer Wiederansiedlung vor knapp 15 Jahren derart rasant vermehrt, dass Umsiedlungen aufgrund der Populationsdichte kaum noch möglich sind. (LDK)