Brücke gesperrt
Nach anderthalb Stunden war der Angriff vorbei, die Prechtleins liefen zurück. „An der Alten Mainbrücke waren Soldaten-Posten, die uns zuerst nicht in die Stadt gelassen haben.“ Erst Stunden später durften sie passieren. Obwohl Adolf Prechtlein noch ein Kind war, haben sich die Eindrücke in sein Gehirn gebrannt: „Wir sind über tote Ziegen und Kühe gestiegen. Dann haben wir gesehen, dass unser Haus total zerbombt war. Die Wasserleitung vom Eselsberg runter war aufgerissen, überall war Schutt und Chaos.“
Tod im Bunker
Im so genannten „Hörner“-Keller an der Alten Poststraße Richtung Neuer Weg hatte auch die alte Dame, die Adolf hätte hüten sollen, Schutz gesucht. Doch der Bunker hielt den Bomben nicht Stand. Prechtlein sagt nachdenklich: „Kein einziger Mensch hat diesen Keller lebend verlassen.“
Der siebte Sinn
So, wie der kleine Adolf vielleicht einen siebten Sinn hatte, als er nicht auf seine Mutter hörte, so hörte wohl auch sein Vater Martin an jenem Schicksalstag eine innere Stimme, die ihm riet: Befehl nicht befolgen. Als Kraftfahrer sollte Martin Prechtlein eine Hilfseinsatz-Mannschaft von der Flak in die Innenstadt bringen. Als er jedoch die Lage nach den ersten Angriffswellen sah, stoppte er sein Fahrzeug weit vorher. „Alle sprangen heraus – und wurden nicht von der neuen Bombenwelle getroffen“, berichtet Adolf Prechtlein, der die Geschichte nicht nur von seinen Eltern hörte, sondern später auch in historischen Aufzeichnungen nachlesen konnte.
Die Familie hatte noch mehr Glück im Unglück. Alfons Weißenberger, der aus einer Gärtnerfamilie in Etwashausen stammte, war ein Kollege von Martin Prechtlein. Er nahm dessen obdachlos gewordene Familie bei sich in der Flugplatzstraße auf. „Sie haben uns Decken gegeben und Essen. Einige wenige Habseligkeiten konnte Mutter noch aus den Trümmern unseres Hauses retten.“
Zum Grabenschütt
Nach einigen Wochen durften die Prechtleins das Haus am Grabenschütt 4 beziehen. „Die Leute waren beim Angriff gestorben“, berichtet Adolf Prechtlein nachdenklich.
Er erinnert sich noch deutlich an den Hunger, der nach dem Krieg ein Dauerbegleiter war. „Wir haben Kaffee von den US-Soldaten zweimal aufgebrüht. Und abgelegte Kleider von den Offizieren getragen.“ Seine Mutter arbeitete als Wäscherin bei der US-Armee, sein Vater bei der Firma Bareiss. Allmählich ging es der Familie wieder besser.
Später, als erwachsener Mann, baute Prechtlein für sich, seine Frau und seinen Sohn ein Haus in Rüdenhausen. „Einfach, weil das näher an meiner Arbeitsstelle in Wiesentheid lag.“ Trotzdem verlor der kaufmännische Angestellte nie den Kontakt nach Kitzingen. „Zwei-, dreimal pro Woche bin ich auch heute noch dort.“
Prägende Erlebnisse
Prechtlein sagt, sein Leben sei von den grausamen Kriegserlebnissen natürlich geprägt worden. „Kriegsfilme kann ich mir nicht anschauen.“ Er habe aber trotzdem gelernt, das Leben zu lieben und offen auf andere Menschen zuzugehen. Leid hatte er auch nach dem Krieg oft zu ertragen. Seine Frau starb sehr früh, seine Schwester ebenfalls. Er selbst hatte bereits drei Schlaganfälle und eine Tumor-Operation, erholte sich aber jeweils wunderbar. „Ich habe meinen Humor nie verloren. Der Humor ist im Leben ganz wichtig. “
Humor nicht verloren
Wo Prechtlein Kraft schöpft? „In der Kirche – aber nur, wenn kein Pfarrer dort ist.“ Er sei Christ, aber nicht im typischen Sinn, sagt er lächelnd. „Ich fühle mich geborgen, wenn ich mit Gott spreche, aber ich sage immer: Ich muss deswegen nicht in den Gottesdienst gehen.“ Zu einem Priester habe er mal gesagt, er könne auch einfach dreimal um die Kirche laufen, denn: Gottes Wort dringe durch die Mauer. „Da hat der Priester gelacht.“
Adolf hätte nicht sein müssen
Ob der 79-Jährige je mit seinem Schicksal gehadert hat? Der Rentner schüttelt den Kopf. Dann meint er: „Naja, ein bisschen schon: Adolf hätte ich nicht unbedingt heißen wollen.“ Den Namen habe ein guter Bekannter des Vaters vorgeschlagen. So hätten es seine Eltern ihm erzählt. „Und jetzt leb' ich schon 79 Jahre damit...“
Im Bombenhagel
Luftangriff: Heute vor 73 Jahren starben im Bombenhagel der Alliierten innerhalb von 70 Minuten 700 Menschen in Kitzingen – das waren fünf Prozent der Bevölkerung. Zudem wurden bei dem Luftangriff 800 Häuser und über 2000 Wohnungen zerstört. Viele Opfer sind in einem Massengrab auf dem Areal an der Straße nach Buchbrunn beigesetzt worden, wo sich der neue Friedhof mit dem Mahnmal befindet.
Gedenken: Die Stadt Kitzingen gedenkt heute der Opfer des Luftangriffs vom 23. Februar 1945. Oberbürgermeister Siegfried Müller legt um 11 Uhr am Ehrenmal im neuen Friedhof einen Kranz nieder. Von 11 bis 11.15 Uhr läuten alle Kirchenglocken der Stadt, um an den Tag zu erinnern, an dem in fünf Angriffswellen 174 Bomber rund 2100 Sprengbomben über der Stadt abwarfen.
Zukunft: Oberbürgermeister Siegfried Müller ruft alle Bürger dazu auf, sich dafür einzusetzen, dass Intoleranz, Hass und Gewalt in unserer Stadt und überall auf der Welt keine Chance haben. „Wir sind es den Opfern und Überlebenden des 23. Februar 1945 – auch im 73. Jahr danach – weiter schuldig.“