Frank-Markus Barwasser vor ausverkauftem Haus - fast wie in der Sauna. Von einer Stühle-Theorie, von Gesindel und wie man den Untergang vorbereitet.
Falls jemand noch nicht den Drei-Stühle-Trick kennt: Er ist ganz einfach und dient ausschließlich der Entscheidungsfindung. Und so funktioniert's: Man setzt sich nacheinander auf den Träumerstuhl. Dann auf den Kritikerstuhl. Schließlich auf den Realistenstuhl. Hilft ungemein, um abzuwägen und richtige Schlüsse zu ziehen. Ein Beispiel: Frank-Markus Barwasser fragt sich, ob er tatsächlich als Erwin Pelzig in Kitzingen auftreten soll. Ergebnis auf dem Träumerstuhl: Super, Kitzingen ist ganz toll, nichts wie hin! Ergebnis auf dem Kritikerstuhl: Hallo, so schön ist es da nun auch wieder nicht. Der Realistenstuhl: Hinfahren und auftreten ja – aber bitte nicht übernachten.
Kein Platz mehr frei
Als Kitzinger könnte man jetzt ein wenig eingeschnappt sein – aber Frank-Markus Barwasser darf das. Zumal es genau der Humor ist, der in den Zuschauerreihen keinen Platz freibleiben lässt. Die Alte Synagoge war jedenfalls innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft. 250 Zuschauer waren dabei, um eine Premiere zu erleben: Der Mann mit Hut und Herrentasche trat – man soll es nicht glauben – tatsächlich zum ersten Mal in der Alten Synagoge auf. Möglich gemacht durch die „Unterfränkischen Kulturtage“, die sich an den „Tag der Franken“ in Kitzingen anschlossen.
1#googleAds#100x100
Viel Applaus nach dem gemeinsamen Saunabesuch
Es sollte eine hitzige Premiere werden. Heiß war's. Stickig war's. Die Luft stand. Eine Hitzeschlacht mit Erwin. Der Stimmung tat das jedoch keinen Abbruch: Pelzig in Bestform. Sein neues und nunmehr achtes Solo-Programm „Weg von hier“ hätte man bei den Sauna-Temperaturen wörtlich nehmen können – aber es wollte keiner weg. Auch nach zweieinhalb Stunden hatten die Kitzinger von dem gemeinsamen Saunabesuch nicht genug und wollten den Kabarettisten kaum von der Bühne lassen.
Der Hut blieb auf
Der hatte wirklich alles gegeben. Das rot-weiß-kariertes Hemd klatschnass, tapfer behielt er sogar seinen unverwüstlichen Hut auf. Nur wenn seine ungleichen Freunde Dr. Göbel und Hartmut sich ins Programm einmischten und ihren wunderbaren Senf dazugeben mussten, war mal kurz Gelegenheit, um aufs „Cord-Hüdli“ zu pfeifen und oben herum ein klein wenig zu lüften.
„Weg von hier“ ist gerade im zweiten Teil beste Lachgarantie-Unterhaltung. Es geht um die Fluchten aus der Realität in gefühlte Wirklichkeit und Fake-News-Welten, um die Internetblasen von Gleichdenkenden. Pelzig gräbt sich durch die diversen Fluchtwege, grübelt hier und stänkert dort. Und er bereitet sich in Anbetracht der allgemeinen Weltlage vorsorglich auf den Untergang vor: Die Lieder der Titanic-Bordkapelle hat er sich jedenfalls schon mal besorgt. Auf gar keinen Fall kommt für ihn Helene Fischer für den Untergang in Frage – höchstens ohne Musik.
Nachrichten gucken leicht gemacht: Die „Tagesschau vor 25 Jahren“
Wobei Erwin Pelzig nicht Erwin Pelzig wäre, würde er nicht auch Lösungswege aufzeigen. Sein Tipp: Die „Tageschau vor 25 Jahren“ anschauen. Denn: „Der Irrsinn von damals ist heute sehr gut erträglich!“
Pelzigs Zeitgeist-Analysen sind unübertroffen. Wie er in ein Problem mit seinem Drucker den Irrsinn der Zeit und die Parteienlandschaft packt – genial. Und an Klartext hat es bei ihm sowieso noch nie gemangelt: Die VW-Betrüger nennt er „Gesindel“, Donald Trump wird zu einem Nafri, einem nordafrikanischen Frisuren-Idiot.