Die Pianofortefabrik Seiler hat sich nach der Insolvenz 2008 wieder gefangen. Ehemalige Mitarbeiter sind zurück. Nach wie vor fertigt die Belegschaft hochwertige Instrumente in stundenlanger Handarbeit.
Ludger de Graaff will es noch einmal wissen. Der Holländer mit deutschem Pass gehört zu den renommierten Experten der Klavierbau-Branche. Seit Januar lebt der 55-Jährige in Großlangheim, einige Kilometer entfernt von seiner neuen Wirkungsstätte. "Die Sache hier ist eine Herausforderung für mich. Der Zustand der Firma reizt mich", sagt de Graaff.
De Graaff ist seit Jahresbeginn Produktionsleiter bei Seiler in Kitzingen. Seiler - ein Name, der in der Welt der Pianisten Kopfnicken hervorruft. Das Unternehmen hat sich über 160 Jahre hinweg einen Namen gemacht. 1849 von Eduard Seiler in Niederschlesien gegründet, einst größter Klavierhersteller Ostdeutschlands, später Flucht der Familie in den Westen. Nach dem Zweiten Weltkrieg produzierte Seiler zunächst in Kopenhagen, seit Anfang der 1960er Jahre ist Kitzingen Stammsitz der Pianofortefabrik.
"Viel verbrannte Erde" Clemens Stütz aus Markt Einers heim arbeitet seit 39 Jahren bei Seiler. "100 000 Klaviere sind durch meine Hände gegangen", sagt der Klavierbauer stolz. Der 53-Jährige hat die schwerste Zeit des Unternehmens miterlebt. Das war vor vier Jahren. Wie viele deutsche Klavierhersteller hatte auch Seiler mit dem Abwärtstrend am Markt zu kämpfen. Vergeblich. Im Sommer 2008 kam die Insolvenz. Um ein Haar wäre die Traditionsmarke verschwunden.
Dann griff der koreanische Musikinstrumentenhersteller Samick ein und übernahm im November 2008 die Firma. Es ging weiter, aber viele qualifizierte Mitarbeiter mussten gehen oder hatten Seiler bereits den Rücken gekehrt.
Die Insolvenz hatte ihre Spuren hinterlassen. "Wir haben viel verbrannte Erde", gibt de Graaff zu. Doch jetzt will er den Markennamen Seiler wieder nach oben bringen - und gegen Gerüchte nach Billigproduktion ankämpfen. "Wir bauen hier nach wie vor Klaviere nach alter Tradition. Und die Qualität war immer gut bei Seiler", sagt der Produktionsleiter, der die Klaviere aus Kitzingen schon seit seiner Lehre kennt.
Der Neuanfang scheint zu gelingen. 30 Männer und Frauen arbeiten derzeit bei Seiler, rund ein Drittel kam erst in diesem Jahr wieder dazu. Darunter Mitarbeiter, die schon früher hier beschäftigt waren. Stefan Hiebl ist einer der Rückkehrer. Er leimt Stiele auf die Hammerköpfe. Stück für Stück. Reine Handarbeit, so wie die meisten Arbeitsschritte an einem in Kitzingen gebauten Klavier. Das hat seinen Preis. 8350 Euro stehen für das günstigste in der Preisliste. Für den größten Konzertflügel aus Kitzinger Produktion muss der Musikliebhaber rund 87 000 Euro hinblättern.
"Das Comeback" titelte die Fachzeitschrift "Das Musik instrument" im Frühjahr dieses Jahres über Seiler und zeigte de Graaff und Vertriebsleiter Martin Wiedemann lächelnd auf dem Titelbild. "Mit Samick im Rücken startet der Klavierbauer jetzt neu durch", war zu lesen.
Das koreanische Unternehmen, das seit Herbst 2008 bei Seiler den Ton angibt, beschäftigt nach eigenen Angaben weltweit 35 000 Menschen und zählt zu den Größten der Instrumentenbau-Branche. Samick ist unter anderem Hauptaktionär der renommiertesten Klavierbaufirma der Welt, Steinway & Sons.
Bis zu 500 Klaviere wolle Seiler in diesem Jahr in Kitzingen fertigen, sagt Daniel Kwon. Der in Würzburg lebende Koreaner ist Geschäftsführer von Seiler. Laut Kwon gehen 60 Prozent der Instrumente in den Export. Frankreich sei ein sehr guter Absatzmarkt, aber auch China oder Australien.
Im Angebot hat Seiler inzwischen nicht nur in Kitzingen gefertigte Klaviere. Unter dem Namen "Johannes Seiler" vertreibt die Firma Instrumente, die in Indonesien hergestellt wurden. "Auch Yamaha stellt dort her. Die Johannes-Seiler-Klaviere sind sehr günstige Instrumente für Einsteiger", erklärt Produktionsleiter de Graaff. Und dann gebe es noch die Linie "Eduard Seiler", die in Kitzingen mit Importmechanik aus Fernost gebaut werde.
Bis 2015 wieder 60 Mitarbeiter Doch damit nicht genug. Die ganze Palette von Samick-Instrumenten (die Koreaner sind unter anderem einer der größten Gitarrenhersteller) soll bald von Kitzingen aus vertrieben werden. "Kitzingen wird Logistikzentrum und Hauptsitz von Samick-Produkten in Deutschland", sagt Sey-Young Chung, Vertriebsleiter international bei Samick. Der Koreaner lebt ebenso wie sein Kollege Kwon in Würzburg. Seit einem halben Jahr hat Chung sein Büro an der Rudolf-Diesel-Straße. "Wir werden noch mehr Leute einstellen", gibt er bekannt. Bis 2015 sollen es wieder 60 Mitarbeiter sein - nicht nur Klavierbauer, sondern auch Logistiker.
Ludger de Graaff reizt in erster Linie das Klavier. Derzeit probieren er und seine Mitarbeiter einen anderen Filz auf den Hammerköpfen aus. Das meiste bleibt aber, wie es Tradition ist. Vor allem die Gravur "Kitzingen" auf der Gussplatte jedes Seiler-Klaviers - Werbung für die Stadt, weltweit, jahrzehntelang.
Welche andere Kitzinger Firma kann so etwas von ihren Produkten schon behaupten?