Martin Helmer aus Großlangheim packt seine Koffer. 23 Kilogramm Gepäck, für die nächsten zehn Monate. So lange wird der 16-jährige Schüler in Indien leben. Dort geht er zur Schule und wohnt bei einer Familie, mit der er bisher nur schriftlichen Kontakt hatte. "Ich wollte schon immer mal raus", sagt Martin. Jetzt hat er die Chance, mit einem Stipendium des Kultusministeriums ein Jahr im Ausland zu verbringen.

Er hat sich durch verschiedene Angebote und Förderprogramme gelesen, bis er auf den "Botschafter Bayerns" gestoßen ist. Insgesamt wurden für das Stipendienprogramm 15 junge Schüler aus Bayern ausgewählt, die ein Schuljahr lang bei einer Gastfamilie leben. Die reisen nach Brasilien, Südafrika, Ungarn oder nach Indien, wie Martin.

Auf ins fremde Land

Für ihn geht es in die Stadt Jagraon. Die liegt nördlich von Neu Delhi. Mit 60.000 Einwohnern ein etwas anderer Ort als seine Heimat Großlangheim. Wegen der Größe macht er sich aber keine Sorgen. Er freut sich auf das Abenteuer in dem fremden Land. "In Indien ist die Kultur noch einmal ganz anders." Das sei es, was ihn reizt. Zunächst wollte er unbedingt einen Austausch in den Vereinigten Staaten machen, doch davon ist er dann nach und nach abgekommen, erzählt er.

Als er in den vergangenen Sommerferien allein in die USA reiste und dort Verwandte besuchte, war für ihn klar, dass er eine längere Auslandsreise auf sich gestellt anpacken kann. Dann hat er sich für ein Stipendium beworben.

Angst hat er nicht. "Das Organisatorische wird schon funktionieren. Wichtig ist, dass es mit der Familie klappt." Aber auch da macht sich Martin nicht allzu große Sorgen: "Ich glaube, dass die Leute in Indien sehr gastfreundlich und offen sind." Besonders freut er sich "auf das Familiäre". "Ich denke, der Zusammenhalt ist ganz stark. Familie ist in Indien das Höchste."

Nicht nur Gasteltern erwarten ihn in der indischen Familie. Dort leben mehrere Generationen: Eine Großmutter, eine Urgroßmutter, eine Onkel und sogar eine kleine Schwester hat Martin dann. Richtig gespannt ist er auf auf seine zweijährige Gastschwester, die er statt seiner beiden jüngeren Brüder in Deutschland dann hat.

Künftig Vegetarier

Es gibt für ihn aber noch viel mehr Veränderungen auf dem anderen Kontinent: "Ich muss mich auch auf ein anderes Klima einstellen." Zwar sei gerade Regenzeit, Temperaturen über 30 Grad aber normal. Auch das Essen wird anders ausfallen als hier. "Die Familie ernährt sich größtenteils vegetarisch. Das ist üblich in Indien." Das ist er nicht gewohnt, kann sich aber bestimmt damit arrangieren, sagt er.

Der 16-Jährige wird in Indien in eine englischsprachige Schule gehen. "Dort gibt es ein ähnliches Schulsystem wie hier." Martin wäre auf seiner Schule, dem Steigerwald-Landschulheim in Wiesentheid, im nächsten Schuljahr in die elfte Klasse gerückt. Auch in Indien wird er im elften Jahrgang sein. "Angerechnet bekomme ich das aber nicht, wenn ich wieder zurückkomme." In einem Jahr wird er an seiner deutschen Schule in der elften Klasse weitermachen. Das stört ihn aber nicht: "Ich kenne viele aus dem unteren Jahrgang und war sowieso immer der Jüngste. Das einzige Fach, in dem ich dann vielleicht Probleme bekommen könnte wäre Spanisch - nach so einer langen Pause."

Auf seiner neuen Schule will er einige Sportkurse belegen. "Cricket würde mich interessieren. Das ist dort ja der Volkssport." Auch Basketball will er mit seinen neuen Mitschülern spielen. Er glaubt ohnehin, dass sein Tag recht ausgebucht sein wird. "Dort ist schon eher ganztags Schule angesagt." Praktisch, dass er dann nicht noch mit dem Bus fahren muss, denn sein Gastvater ist Lehrer auf der Schule und will ihn mit dem Auto mitnehmen.
Trotzdem bleibt nicht sehr viel Zeit für den Kontakt nach Deutschland, glaubt er. Deshalb will er einen Blog einrichten, um die Daheimgebliebenen auf dem Laufenden zu halten: "Da kann ich dann alle zwei Wochen rein schreiben und muss auch nicht 40 Mal die gleiche E-Mail schreiben." Die meisten seiner Freunde finden seinen Plan gut, "selber würden sie es aber nicht machen". Auch seine Eltern haben ihn unterstützt, sagt er.
Seine Familie würde auch selbst gerne einen Gast aufnehmen. Ob das in der Zeit, in der er unterwegs ist, klappt, sei aber noch nicht klar.

Martin ist jetzt von der Schule freigestellt. Das Schuljahr hat er ganz normal beendet. "Ich habe noch alle Schulaufgaben mitgeschrieben." Auch wenn er es nicht schlimm gefunden hätte, hätte er die ein oder andere verpasst, verrät er schmunzelnd.

Vor die Reise gab es allerhand zu erledigen, auch viel Papierkram. "Das Visum ist gerade noch rechtzeitig gekommen." Auch Gastgeschenke hat er für die Familie in Indien vorbereitet: Ein Fotoalbum mit Aufnahmen von Martin und seiner Familie. Über etwas Persönliches freuen die sich bestimmt am meisten, vermutet er. "Die kleine Schwester bekommt ein Kuscheltier."

Gestern ging die große Reise los. Alle Botschafter Bayerns mit dem Ziel Indien sind zunächst eine Woche lang zusammen in Neu Delhi. Dann werden sie im Land auf die jeweiligen Gastfamilien verteilt. Martin ist gespannt und freut sich auf die Familie und das Land.

Botschafter Bayerns:
Das Stipendium "Botschafter Bayerns" soll den internationalen Austausch junger Menschen fördern. Das Bayerische Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vergibt das Teilstipendium dieses Jahr zum zehnten Mal. Das Deutsche Youth For Understanding Komitee e.V. (YFU) führt als Kooperationspartner das Stipendienprogramm durch. 15 bayerische Schüler zwischen 15 und 18 Jahren wurden für den knapp einjährigen Auslandsaufenthalt ausgewählt.