Fastnacht im Museum: Der Nachlass des bedeutenden Brauchtumforschers Dietz-Rüdiger Moser befindet sich in Kitzingen. Dazu gehört auch eine Sündenbock-Puppe.
Es sei die Bibel der Fastnachtsforschung, sagt Daniela Sandner. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Fastnachtmuseum in Kitzingen blättert in einem großformatigen Bildband. „Fastnacht – Fasching – Karneval“ lautet der Titel. Die unterschiedlichen Bezeichnungen stehen für das Fest der „verkehrten Welt“. Autor ist der bedeutende Volkskundler Dietz-Rüdiger Moser. Für den im Jahr 2010 gestorbenen Fastnachtsforscher hat die närrische Zeit nichts mit der grauen Vorzeit zu tun, schon gar nicht mit germanischen Fruchtbarkeitskulten. Diese sind laut Daniela Sandner erst in der Zeit des Nationalsozialismus aufgekommen und halten sich hartnäckig. Dietz-Rüdiger Moser führt dagegen die einzelnen Fastnachtsbräuche auf ihre christlichen Ursprünge zurück, informiert Daniela Sandner. „Er war der Erste, der das wissenschaftlich erforscht hat.“
Mit diesem christlichen Erkläransatz der Fastnachtsbräuche ist das Lebenswerk Mosers mitsamt seiner „Bibel“ in Kitzingen bestens aufgehoben. Auch die Sammlung des Fastnachtmuseums ist darauf ausgerichtet. Das zeigt sich bereits in der Innenarchitektur. Im Museum stehen Informationstische, die an Kirchenbänke erinnern.
Letztlich ist diese gestalterische Idee der Auslöser dafür, dass sich seit kurzem der Nachlass Dietz-Rüdiger Mosers in Kitzingen befindet. Seine Frau entdeckte bei einem Rundgang durch die neuen, im November eröffneten Museumsräume die Kirchenbänke. Damals war auch der Freiburger Volkskundler, Professor Werner Mezger, anwesend. „Sie hat ihn gefragt, ob das Kitzinger Museum der beste Ort für den Nachlass ihres Mannes sei.“ Mezger, ebenfalls ein bedeutender und weithin bekannter Fastnachtsforscher, habe sofort bejaht, erzählt Daniela Sandner. Und so kam es, dass sie zusammen mit Museumsdirektor Bernhard Schlereth und dem künstlerischen Museumsleiter Hans Driesel nach Freising fuhr und im Moserschen Domizil die Bestände sichtete, die sich um die Fastnacht drehen. Die drei kennen sich, was die „verkehrte Welt“ anbelangt, sehr gut aus: Bernhard Schlereth ist nicht nur Museumsdirektor, sondern auch Präsident des Fastnacht-Verband Franken; Hans Driesel aus Schweinfurt war schon bei der ersten Sendung von „Fastnacht in Franken“ 1987 in Lichtenfels dabei und trat dort als „Poet Hans Sachs“ auf; und Daniela Sandner hat in Bamberg Europäische Ethnologie (Volkskunde) studiert und widmet sich intensiv der Erforschung von Fastnacht, Fasching und Karneval.
Zehn Kartons wurden in Freising gefüllt mit etlichen Faschingsorden, rund 300 Büchern, unveröffentlichten Forschungsarbeiten – und einer fragilen Puppe. Die Museumsmitarbeiterin fasst sie nur vorsichtig und mit weißen Handschuhen an. Der Kopf fällt fast vom Rumpf, das Gesicht hat Risse, die blonden Haare sind filzig, die Bemalung der Augen schon ein wenig verblasst, nur die roten Lippen leuchten wie gerade eben geschminkt. „Das ist Lazarus Strohmanus“, stellt Daniela Sandner die Puppe vor; wobei der Namenszusatz Strohmanus eine volkstümliche Wortschöpfung ist: Sie könnte sich vom Lateinischen „stramentum“ für Stroh ableiten; daraus besteht das Innenleben der Puppe. „Der Lazarus ist eine Sündenbockfigur aus Jülich“, informiert Daniela Sandner. Dietz-Rüdiger Moser hat sich intensiv mit dem Jülicher Fastnachtsbrauchtum befasst, ein Buch über Lazarus Strohmanus geschrieben und sogar einen Orden erhalten: im Jahr 2000 zum 300. Geburtstag der „Historischen Gesellschaft Lazarus Strohmanus Jülich“. Darauf ist der Jülicher Hexenturm zu sehen, das Wahrzeichen der Stadt, sowie vier Männer, bekleidet mit hellen Hosen, dunkler Jacke und mehrfarbiger Mütze. Sie halten ein gespanntes Tuch und schleudern eine verkleinerte Ausgabe ihrer selbst in die Höhe – den Lazarus Strohmanus. „Precken“ oder „Prellen“ wird das in die Luft Werfen genannt. Es sei, so schreibt Dietz-Rüdiger Moser in seiner „Bibel“, im Fastnachtsbrauch ein viel geübtes Mittel der Volksjustiz und auch in anderen Gegenden nachweisbar, zum Beispiel das „Jagglschutzen“ in Garmisch-Partenkirchen. „Bei diesem Brauch ging es stets darum, vor den Häusern derjenigen Persönlichkeiten, die im zurückliegenden Jahr Fehler begangen hatten, diese Fehler aufzusagen und dann ihre Urheber als ,Sünder' (oder an ihrer Stelle eine Strohpuppe) aufzuwerfen und auf diese Weise zu ,prellen'.“
In Jülich ist das kurze Leben des Lazarus Strohmanus genau geregelt: Er wird am Sonntag nach Dreikönig öffentlich getauft und am Tag vor Aschermittwoch, am sogenannten Veilchendienstag, bei einem Umzug so oft geprellt, bis die Sünden der Jülicher gebüßt sind, anschließend wird er in der Nacht unter großem Wehgeschrei von einer Brücke in die Rur geworfen. In Jülich bedeutet der nasse Tod des Lazarus zugleich das Ende der Fastnacht. Warum die Strohpuppe, die sich im Nachlass von Dietz-Rüdiger Moser befindet, das Spektakel überlebte, ist nicht bekannt.
Dieser Fastnachtsbrauch stellt allerdings eine Ausnahme dar. Er ist nicht christlichen Ursprungs und war bereits in römischer Zeit bekannt. Damals wurden nicht nur Strohmänner in die Luft geworfen, sondern auch Menschen – die Sündenböcke selbst. Und manchmal bekam ihnen die Strafe schlecht, ist bei Dietz-Rüdiger Moser nachzulesen. So soll zur Zeit des römischen Kaisers Hadrian Claudius, der Sohn des Lupus, auf einem Mantel geprellt worden sein. Er fiel dabei auf den Boden und starb vier Tage später.
Christlich wird es laut Dietz-Rüdiger Moser, wenn man die stellvertretende Bestrafung der Sünden auf Christus überträgt. In diesem Brauchspiel würde, so schreibt der Volkskundler in seinem Buch „Fastnacht – Fasching – Karneval“, nur das vorweggenommen, was sich im christlichen Denken als das Kerngeschehen der Passionszeit erweist, die auf die Fastnachtzeit folgt: „dass nämlich der eine Christus die Sünden der vielen auf sich nimmt und in den Tod geht . . .“ So gesehen ist der Fastnachtsbrauch des Prellens ein Teil der verkehrten, der teuflischen Welt, die auf die richtige, christliche Welt hinweist. Diese Interpretation geht laut Dietz-Rüdiger Moser auf das Zwei-Staaten-Modell des Kirchenvaters Augustinus zurück: auf die Gemeinschaft der Schellenträger und die der Unmaskierten – auf Babylon und Jerusalem. Unbändiges Feiern, unflätige Sprüche, unzüchtiges Verhalten sowie unmäßiges Essen und Trinken geschieht also mit dem Segen der katholischen Kirche? Und das, obwohl die zum Teil deftig-derben Fastnachtsbräuche zu den strengen Vorschriften der Fastenzeit einen Gegensatz darstellen, wie er größer nicht sein könnte. Beides gehört laut dem Volkskundler Moser zum liturgischen Kirchenkalender. Für seine Argumentation zieht der Fastnachtsforscher verschiedene Quellen heran: So habe zum Beispiel der Basler Franziskaner Johannes Meder 1494 in seinem Erbauungsbuch für die Fastenzeit geschrieben, dass die Fastnacht als Sinnbild für die Abwendung von Gott durch die Sünde zu verstehen sei, denn man müsse die Krankheit kennen, die man durch die Fastenzeit heilen wolle.