76 ist Hausarzt Dr. Wolf-Rüdiger Weise. Seit 42 Jahren führt er seine Praxis in der Kitzinger Siedlung. Ans Aufhören darf er nicht denken: Seinen Patienten zuliebe.
Er ist ernüchtert und auch enttäuscht. Aber er lässt es sich nicht anmerken. Für seine Patienten hat er immer ein aufmunterndes Wort oder ein Lächeln übrig: Dr. Wolf-Rüdiger Weise ist gerne Hausarzt. 42 Jahre führt er seine Praxis in der Kitzinger Siedlung und denkt auch mit 76 noch nicht ans Aufhören. Er darf nicht daran denken. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. In der Siedlung gäbe es dann nur noch eine einzige Hausarztpraxis – und der Stadtteil gilt trotzdem nicht als unterversorgt.
Landkreis gilt als überversorgt
Das betont Dr. Axel Heise, stellvertretender Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB). Es könnten keine signifikant abweichenden Verhältnisse zum bayerischen Schnitt festgestellt werden, erklärt er auf Anfrage. Allerdings bestätigt er auch, dass der hausärztliche Planungsbereich identisch mit dem Landkreis sei. Das bedeutet, dass der Bedarf nur bis zur kleinsten Einheit „Landkreis“ errechnet wird, und die ist laut KVB derzeit sogar noch überversorgt.
Der Kitzinger Hausärztesprecher Dr. Michael Bedö kennt die Situation – und ist genauso unzufrieden damit wie sein Kollege Weise. „Es ist immer ein Unterschied, was auf dem Papier steht und wie der Mensch etwas empfindet.“ Völlig zu Recht fühlten sich die Kitzinger im Stadtteil Siedlung unterversorgt, allerdings gibt es laut Versorgungsatlas, den die KVB regelmäßig herausgibt, in zumutbarer Entfernung genügend Hausarztpraxen. Bis zu 30 Kilometer sollen Patienten fahren, um sich behandeln zu lassen. „Das ist für manche schlicht nicht möglich“, sagt Bedö. „Aber für die Bedarfsplanung spielt das keine Rolle.“ Das zentrale Problem dabei ist: Solange ein Bereich als gut versorgt gilt, ist er für neue Niederlassungen von Hausärzten gesperrt.
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Ändert sich was im kommenden Jahr?
Das könnte sich aber schon Anfang des Jahres ändern. Ein Landesausschuss aus unabhängigen Ärzten und Krankenkassen wird noch in diesem Jahr auf Grundlage neuer, bundesweiter Richtlinien einen neuen Bedarfsplan erstellen – auch für den Bereich Kitzingen. „Es ist davon auszugehen, dass man einen erhöhten hausärztlichen Bedarf errechnen wird“, erklärt Axel Heise. „Neu zu besetzende Stellen werden (...) ausgeschrieben. Allerdings bedeutet eine Entsperrung noch nicht, dass neue Vertragsarztsitze sofort besetzt werden können. Inwieweit sich niederlassungswillige Ärzte finden lassen, können wir derzeit nicht voraussagen.“
Hausarztsprecher Bedö hat da wenig Hoffnung. Für Nachwuchsmediziner sei es schlicht nicht attraktiv, sich als freiberuflicher Arzt niederzulassen. Mit der Selbstständigkeit gehe immer ein finanzielles Risiko einher und die Begrenzungen im Honorarbereich wurden seit 1993 nicht mehr angepasst. „Das ließe sich kein Arbeitnehmer gefallen“, meint Bedö. „Die sparen uns an die Wand.“ Schließlich stehen dem Verdienst nicht nur ein sehr hoher Arbeits-, sondern auch ein überbordender Verwaltungsaufwand gegenüber, den man erst einmal bewältigen muss.
Die Praxisführung ist aber nicht die einzige Herausforderung, denn der Weg zur Eröffnung kann auch schon ein steiniger sein. In der Ausbildung locken die verschiedenen Fachbereiche den Nachwuchs an, kleinere Förderungen und vereinzelte Weiterbildungsangebote zum Allgemeinmediziner könnten da nicht mithalten. Entscheidet sich ein junger Arzt doch für dieses Gebiet, vergehen von der Ausschreibung einer Hausarztstelle bis zur Besetzung oft bis zu sechs Monate. „Es wird immer behauptet, es wolle keiner mehr Hausarzt sein“, sagt Dr. Bedö. „Dabei sind es die Rahmenbedingungen, die junge Ärzte abschrecken.“ Es sei einfach bequemer, in einem der zahlreichen Medizinischen Versorgungszentren oder bei großen Klinikkonzernen angestellt zu sein.
Arzt als Bürokraft
Bequemer vielleicht schon. „Aber auch nicht schön“, findet Dr. Tobias Freund. Zusammen mit seinem Kollegen Dr. Matthias Hock hat er vor einem Jahr seine Praxis in der Kitzinger Moltkestraße eröffnet. Passenderweise erledigt er gerade seinen Papierkram. „Ich bin nicht mehr nur Arzt“, erklärt der 37-Jährige. „Sondern auch Manager, Betreuer und Bürokraft.“ Genau diese Vielfalt und die Tatsache, sein eigener Herr sein zu können, hat ihn aber dazu bewogen, sich trotz der schwierigen Rahmenbedingungen als Allgemeinarzt niederzulassen. „Ich wollte schon als junger Student Hausarzt werden. Und ich habe es nicht bereut!“ Alleine hätte er den Schritt allerdings nicht gewagt. „Es ist schon manchmal anstrengend, wenn alles an einem hängt“, sagt er.