Im Juni 2008 begann für Pfarrer Christian Schmidt und seine Familie ein großes Abenteuer. "Mission EineWelt" sandte ihn aus zur Mitarbeit in der Seemannsmission der Lutherischen Kirche in Singapur. Vier Jahre sollte die Arbeit in Südostasien dauern. Schmidt scheint das Abenteuer gut zu gefallen. Er hat für drei Jahre verlängert.
Singapur verfügt über zwei Fischereihäfen und fünf Containerhäfen, die Christian Schmidt regelmäßig besucht. Zwischen 400 und 500 Frachtschiffe laufen täglich in Singapur ein, um ihre Ladung zu löschen oder neue zu übernehmen. Dieselbe Zahl von Schiffen liegt vor Singapur auf Reede, um Proviant aufzunehmen oder die Mannschaft zu tauschen.

Viele Nationen an Bord


"Die Besatzungen setzen sich aus Menschen vieler verschiedener Nationen zusammen", berichtet Schmidt, der viele Jahre Pfarrer in Albertshofen war und jetzt auf Heimaturlaub weilte. "Teilweise arbeiten und leben auf einem Schiff Seeleute aus 15 Nationen über einen Zeitraum von drei Monaten bis zu drei Jahren zusammen." Seine besondere Aufmerksamkeit gilt den wöchentlich einlaufenden 20 bis 30 Schiffen unter deutscher Flagge. Dank der Unterstützung der Lufthansa kann Schmidt die Seeleute mit kostenlosen deutsch- beziehungsweise englischsprachigen Zeitungen und Zeitschriften versorgen.
Leicht haben es die Seeleute auch im 21. Jahrhundert nicht. Viele einstmals unter deutscher Flagge fahrende Schiffe werden aus Kostengründen ausgeflaggt. Sie fahren unter panamaischer, liberianischer oder gar mongolischer Billigflagge, um Kosten zu sparen. "Die deutschen Seeleute an Bord dieser Schiffe leiden dann besonders unter Einsamkeit", berichtet Schmidt.
Aber das ist nicht die größte Sorge der Seeleute. Oft sind sie Bedrohungen durch Naturgewalten, Unfällen und neuerdings auch Piratenangriffen ausgesetzt. Die Folgen der Piraterie sind denn auch ein Schwerpunkt seiner Arbeit. "Das Risiko, von Piraten angegriffen zu werden, steigt von Jahr zu Jahr und steigert die psychische Belastung in diesem sowieso schon riskanten und gefährlichen Beruf", erzählt Schmidt, der seine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen gemacht hat. "Wenn man einmal an Bord eines Schiffes gestanden hat, dessen Aufbauten von Kugeln und Geschossen geradezu durchsiebt ist, merkt man spätestens dann, dass Piraterie nichts mit Hollywoods Romantik als Fluch der Karibik zu tun hat." Schmidt hat sich selbst 24 Stunden lang mit der Besatzung in einem Sicherheitsraum verschanzen müssen - von Piraten mit einer Kalaschnikov bewacht. "Ich habe darum gebetet, dass noch rechtzeitig Hilfe eintrifft".
Die Hilfe ist eingetroffen und so kann der Pfarrer auch weiterhin den Seeleuten mit Wort und Tat helfen. "Meine Besuche und Segenshandlungen an Bord haben für viele einen herausragenden Stellenwert", sagt er.
Immer wieder bekommt der deutsche Pfarrer Anfragen für Schiffstaufen. "Das ist kein sinnentleertes Ritual", stellt er fest. "Es entspringt dem aufrichtigen Wunsch auf Schutz für sich und andere." Diese Segenshandlung findet stets im Beisein der gesamten Mannschaft statt und Schmidt hat dabei eines herausgefunden: "Segen schüchtert nicht ein, Segen gibt Freiheit, selbst zu entscheiden, zu denken und zu handeln. Man muss nicht den gleichen Glauben und schon gar nicht die selbe Konfession teilen, um wirksam Segen zu empfangen."

Seltener Kontakt mit Familien


Der Seemannsalltag ist eigentlich Herausforderung genug, die Seeleute sind monatelang von ihren Familien getrennt. Einzig während der immer kürzer werdenden Hafenaufenthalte besteht die Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit einer Seemannsmission. Auf den asiatischen Hochseefischerbooten kann es aber auch mal ein Jahr oder noch länger dauern, dass die Familie nichts von ihren Lieben hört.
Jeden Sonntag hält Schmidt Gottesdienst, manchmal drei Mal hintereinander. Die Resonanz ist überwältigend. "Am Sonntagabend sind es meistens um die 9000 Besucher, die auch zum Abendmahl gehen." Das Abendmahl wird mit einer eingeschweißten Hostie, darunter ein Schluck Traubensaft, zelebriert. "Die Gottesdienste werden in riesigen Hallen gefeiert", schwärmt Christian Schmidt. Er bezeichnet seine Arbeit als Rundum-Paket: 24 Stunden mit Seelsorge und Verantwortung für die Seeleute sowie Öffentlichkeitsarbeit für die Seemannsmission.

Die Kinder lernen chinesisch


Am 1. Januar 2016 wollen er und seine Frau Birgit sowie die Kinder Nikolas und Antonia wieder in Deutschland sein. Bis dahin wird Nikolas das Abitur gemacht haben und außerdem Chinesisch gelernt haben. Auch das eine Herausforderung, die es in sich hat: 50 000 Schriftzeichen hat die Sprache. Birgit Schmidt arbeitet ehrenamtlich im "Eventsteam" der German European School Singapore" und in der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde Singapurs mit. Außerdem hat sie die Buch- und Kontoführung für die Deutsche Gemeinde übernommen.
Kein Zweifel: Die Familie hat sich in Singapur gut eingelebt. In den nächsten drei Jahren werden weitere Herausforderungen auf sie zukommen.