Krokauer: Ängste können sehr wohl sehr nützlich sein, sie bewahren uns vor manchem Blödsinn und helfen uns, Grenzen zu respektieren und zu wahren. Ich glaube nicht, dass ein angstfreies Leben unser inniger Wunsch ist. Viel mehr erfahre ich im Alltag: Die Herausforderungen, die oft mit unseren Ängsten zusammenhängen, wollen bewältigt werden. Dazu braucht es Demut vor der Größe der Aufgabe und daraus entwickelt sich Mut. Mut bedeutet, trotz Angst zu handeln, nicht, frei von Angst zu agieren.
Ab wann muss man Angst ernst nehmen?
Krokauer: Angst sollte man immer ernst nehmen. Therapeutisch spannend wird es, wenn die Ängste es unmöglich machen, dass wir unser Leben leben, weil wir uns nicht aus dem Haus wagen aus Sorge vor Panikattacken und nachts nicht mehr schlafen, wenn also unser normales Leben beeinträchtigt wird. Hier braucht es natürlich andere Vorgehensweisen als bei Angst vor Männern mit Glatze, flötenspielenden Leuten oder Höhenangst, die Goethe auf dem Straßburger Münster übrigens selbst kuriert haben soll.
Angst scheint allgegenwärtig . . .
Krokauer: Das Thema habe ich gewählt, weil durch die politische Lage das Wort 'Angst' Dauergast in den Medien ist. Probieren Sie es aus: Sagen Sie sich ganz oft das Wort 'Stress'. Ihr Körper wird gestresst reagieren. Wenn wir dauernd das Wort Angst hören, löst es genau solche Wahrnehmungen verstärkt aus. Alles, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, wird groß.
Was erwartet uns bei dem Vortrag?
Krokauer: Der Vortrag wird über die Angst informieren und über die Hauptangsterkrankungen. Im Oktober gibt es ein ergänzendes vhs-Seminar mit zwei Abenden zum Thema 'Mut', das Anleitung zum Umgang mit Angst gibt. Foto: Krokauer