Mehr Macht führt oft zu mehr Zwist. Diese Erfahrung machen derzeit die Freien Wähler (FW) um Hubert Aiwanger. Der Landwirt aus Niederbayern will die FW heuer in den Bundestag führen - doch ihm bläst ein rauer Wind entgegen. Nach dem Rückzug des designierten Spitzenkandidaten Stephan Werhahn fordern manche sogar Aiwangers Rücktritt. Im Landkreis Kitzingen gibt es mit Josef Mend zumindest einen leidenschaftlichen Parteifreien, der nichts dagegen hätte, wenn das "Abenteuer Bundestag" noch abgeblasen wird.

Derweil findet am Dienstagabend bereits die Nominierungsversammlung für den Wahlkreis Schweinfurt-Kitzingen in Gerolzhofen statt. Jochen Keßler-Rosa steht als Direktkandidat für den Bezirks- und den Bundestag zur Verfügung. Der beurlaubte Pfarrer ist als Vorsitzender des Diakonischen Werkes Schweinfurt e.V. auch in Kitzingen kein Unbekannter.

Da oben mitreden

Seit die Freien Wähler 2008 mit 10,2 Prozent in den Landtag gekommen sind, treibt Hubert Aiwanger als Bundes-, Landes- und Fraktionsvorsitzender auch den Einzug der FW in den Bundestag voran. In der Bundesmitgliederversammlung der FW in Geiselwind stimmten 2011 fast alle Delegierten aus ganz Deutschland dafür, bei der Bundestagswahl 2013 anzutreten. Man wolle auch "da oben" mitreden, etwa in der Bildungs- und in der Euro-Schulden-Politik der Bundesregierung oder bezüglich der Inflationsentwicklung, hieß es.

Dass all diese Themen große Wichtigkeit haben, weiß auch der Iphöfer Bürgermeister Josef Mend, den man getrost als leidenschaftlichen "Kommunalen" bezeichnen darf. Vom Auftritt der FW bei der Bundestagswahl hält er persönlich "gar nichts". Die Freien Wähler sollten sich lieber auf ihre Stärke konzentrieren - "und das ist ganz einfach die Kommunalpolitik". Bis hinauf in den Landtag gebe es genügend Möglichkeiten, sich von SPD und CSU abzuheben. "Wir haben in Bayern genug zu tun." Mend kandidiert auf der Bezirkstagsliste, um damit Landrätin Tamara Bischof und "die Idee der Freien Wähler" zu unterstützen. Diese Idee sei nicht deckungsgleich mit Aiwangers Wunsch, eine "Bundesmacht" zu werden. "Vielleicht haben wir ihn zu lange ungehindert hantieren lassen."

Noch könne man die Finger von der Bundestagswahl lassen - "bevor die Kommunalpolitik ernsthaft Schaden nimmt." Nach Mends Überzeugung müssen die Freien Wähler Prioritäten setzen und diese in der Kommunal- und Landespolitik umsetzen. Bei Themen wie der Bildung gelte es, endlich "mal Ruhe reinzubringen" und ein in sich schlüssiges Konzept zu erarbeiten. Auch in Sachen Landesentwicklungsprogramm - also bei der Förderung des ländlichen Raums - "könnte man sich austoben und für den Bürger ernsthaft was Gutes tun." Bodenständige Realpolitik sei gefragt - "Politik, von der der Bürger was hat."

Die Geschlossenheit fehlt

Um auf Bundesebene anzutreten, fehle den FW jedoch unter anderem Geschlossenheit. Anders sieht dies Günther Felbinger. Der FW-Bezirksvorsitzende betont: "Die Bundestagwahl ist nach wie vor ein wichtiges Ziel. Da gibt es keine Diskussion!"

Die Rücktrittsforderungen kämen "nur von zwei Leuten". Beide legten es darauf an, den FW zu schaden, meint Felbinger. Der Noch-Landesvorsitzende des Saarlands sei "ein notorischer Nörgler", gegen den ein Parteiausschlussverfahren laufe, der andere lautstarke Kritiker sei ein enttäuschtes Mitglied aus Mittelfranken, das nicht als Bundestagskandidat nominiert wurde. In der Presse würden die Rücktrittsappelle "sehr übertrieben und aufgebauscht".

Sicher müsse man jedoch über Aiwangers Ämtervielfalt - Bundes-, Landes- und Fraktionsvorsitz - nachdenken. "Vielleicht wäre eine Aufteilung auf mehrere Personen sinnvoll." Am Ziel Bundestagwahl dürfe aber keinesfalls gerüttelt werden. "Es wäre verrückt, jetzt auf halber Wegstrecke umzukehren."

Werhahn-Rückzug als "Erlösung"

Nur weil der Vielleicht-Spitzenkandidat Werhahn die FW verlassen hat, gebe es keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. "Im Gegenteil. Ich halte Wehrhahn ohnehin nicht für einen geeigneten Kandidaten." Persönlich wolle er, Felbinger, den Abgang des Adenauer-Enkels, der nach einem Streit mit Aiwanger zur CSU zurückkehrte, "eher als Erlösung bezeichnen".

Sollte es beim ersten Mal nicht gelingen, in den Bundestag zu kommen, sei das "kein Weltuntergang". Die Grünen hätten es auch nicht beim ersten Versuch geschafft.

Auf Josef Mends Meinung angesprochen, sagt Felbinger: "Dass man nur Kommunalpolitik betreiben will, ist für mich ein echtes Nullargument." Viele wichtigen Entscheidungen fielen nun einmal auf Bundesebene. Die Gesellschaft habe sich ernorm verändert, seit die FW in den 50er, 60er Jahren entstanden und gewachsen sind. Die Globalisierung erfordere ein anderes Agieren.

Keine Angst vor großen Zahlen

Und was sagt der designierte hiesige Direktkandidat für den Bundestag selbst? Jochen Keßler-Rosa war zwar nie ein "Parteisoldat", aber immer gesellschaftspolitisch aktiv - bis er mit der Sozialpolitik der CSU ganz und gar nicht mehr zufrieden war. Er verließ die Partei und "fand dann gute Gesprächspartner bei den FW, die nicht in ein Korsett einbetoniert waren". Seine Bezirks- und Bundestagskandidatur für die FW habe sich schließlich "einfach ergeben".

Und die Chancen? "Die Aussichten sind vielleicht begrenzt", meint Keßler-Rosa, "aber ich mag mitreden". Zumidest im Stimmkreis ist der Vorsitzende der Schweinfurter Diakonie, die unter anderem den Kitzinger Kinderhort und Seniorenheime trägt, gut bekannt. "Ich sehe das basisdemokratisch, will eine Alternative sein." Gerade Kirchenleute müssten sich auch in der Gesellschaft aktiv beteiligen. Von der Seelsorge am Sterbebett bis zum Bau von großen Häusern war und ist er vielfältig gefordert. Und er weiß, was es heißt, Verantwortung für über 1000 Mitarbeiter zu haben.

Die Macht an sich, sagt er, locke ihn nicht. Nur die Macht, etwas Gutes zu bewirken.


Info


Politik geht jeden an - sagt Günther Felbinger, Bezirksvorsitzender der Freien Wähler (FW), und lädt nicht nur Delegierte, sondern "alle Bürger" am Dienstag, 9. April, ab 19.30 Uhr zur Aufstellungsversammlung der FW-Bundestags-Kandidaten in die Gerolzhöfer Stadthalle ein.

Für den Direktkandidaten gibt es bisher einen Wahlvorschlag: Jochen Keßler-Rosa, Geschäftsführer und Vorsitzender des Diakonischen Werkes Schweinfurt e.V. und beurlaubter evangelischer Pfarrer. Weitere Vorschläge sind am Dienstag theoretisch möglich.