"Aggressive Worte lösen in unserem Gehirn die gleiche neurobiologische Reaktion aus wie körperliche Bedrohungen und physische Gewalt, um zu verletzen. Mit Sprache kann man genauso schlagen wie mit der Hand." Dies betonte Diakon Jürgen Kricke beim Workshop der Volkshochschule Haßberge zum Thema "Hetzen leicht gemacht - Hatespeech begegnen".

Der Diplom-Sozialpädagoge und interkulturelle Trainer bezog dabei seine Kursteilnehmer mit ein und fragte sie gleich: "Was sehen Sie, wenn Sie jemanden sehen, der so aussieht wie ich?" Die Teilnehmer waren damit gefordert, zu seiner Person etwas zu sagen, was sehr unterschiedlich ausfiel.

Erster Eindruck wiegt schwer

Kricke wiederum überraschte seine Kursteilnehmer, als er ihnen versicherte, dass Beobachter innerhalb von zwei bis drei Sekunden einen Menschen zu 80 Prozent einschätzen, "und zwar nicht nur optisch, sondern sie ordnen sie auch ein, ob sie sympathisch sind oder sie ihm einen solchen Vortrag zutrauen oder nicht". In Social Media sei das nicht anders, und genauso sei es bei Bewerbungsfotos, bei denen die Bewerber zu 80 Prozent eingeordnet würden, ohne dass der Personalchef etwas vom Lebenslauf gesehen hat.

Ziel des Workshops sollte es sein, besser mit Anfeindungen und Beleidigungen umzugehen. Hier tauchte der englische Begriff "Hatespeech" auf, der übersetzt "Hassrede" bedeutet. In menschenverachtenden Aussagen würden dabei Einzelne oder auch Gruppen abgewertet. Die sprachlichen Angriffe könnten auf Merkmale wie Hautfarbe, Herkunft, Sexualität, Geschlecht, Alter, Behinderung oder die Religion von Menschen zielen. "Hatespeech" ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die ihren Ausdruck in gewalttätiger Sprache findet. Sie verletzt dabei die Würde und die Rechte von Menschen.

"Perspektivwechsel nötig"

Dozent Kricke lenkte den Blick zuerst auf die Wahrnehmung, die ressourcengesteuert sei: "Jeder sieht die Welt aus einem ganz eigenen Blickwinkel. Dabei wäre dringend einmal ein Perspektivwechsel nötig. Versuchen sie dabei auch einmal, wie andere zu sehen!"

"Hatespeech" bezeichnet Kricke als "digitale Gewalt, die über Sprache, Worte oder Bild verbreitet wird und oft mit Hass auf ganze Gruppen verbunden ist. Hatespeech ist, wenn man Sprache als Waffe einsetzt, um zu verletzen, wenn man andere runtermacht und auch Gruppen von Menschen treffen will". Mit Sprache könne man genauso schlagen wie mit der Hand.

Nach Studien der Uni Leipzig seien 35 Prozent der Deutschen ausländerfeindlich. 50 Prozent würden Sinti und Roma aus ihren Städten verbannen, und fünf Prozent wollten sogar einen "Führer".

Verschwörungstheorien

Eine "Hassrede" sei immer gleichartig aufgebaut: Das beginne mit der Beschwörung einer Naturkatastrophe oder der Flüchtlingswelle und führe dann zu einer Kriegsmetapher - "sie werden uns überrennen". Die Hassredner drohten den Untergang an und gaukelten vor, dass man den "Retter" in ihnen selbst finde. "Verschwörungstheorien befinden sich genügend im Netz", stellte Jürgen Kricke fest.

Die entscheidende Frage sei nun aber, was man dagegen tun und wie man "Hatespeech" begegnen kann. Dabei sollte man die Instrumentalisierung von Opfern im Sinne von "Opferperspektive vor Täterfokus" und "Das Opfer soll im Fokus stehen" vermeiden.

Dozent Jürgen Kricke spielte sodann mit den Teilnehmern eine Situation durch mit der Analyse "Wer hat es geschrieben?", "Was wurde geschrieben?" und "Warum könnte es geschrieben worden sein?" Sachwissen, die Reichweite von Sachargumenten und auch eine Quellenkritik könnten hier sehr helfen. Vor allem könnten aber auch Nachfragen dienlich sein. Kricke: "Kritisches Nachfragen ist eine starke Waffe im Netz!" Ebenso sollte man Sachargumente anbringen, auf Gefühle eingehen und dabei auch eine Wertehaltung vertreten. "Sachlichkeit im Netz gewinnt und macht auch nicht angreifbar", stellte der Dozent fest und gab dazu ein einfaches Beispiel zur Überprüfung der eigenen Reaktion: "Bevor man einen Kommentar postet, stelle man sich vor sein Kind, die Frau oder Eltern und lese ihn vor. Würde man sich dafür vor ihnen schämen, dann sollte man ihn auch nicht posten.

"Überheblichkeit schadet"

"Am schwierigsten ist jedoch das bewusste Ignorieren der Provokation. Bitte auch keine Überheblichkeit! Die schadet!", betonte Kricke und bedauerte, dass es zu wenige Regeln, auch gesetzliche, für das Netz gebe.

In seinem resümierenden Ausblick sagte er: ",Nein‘ ist ein vollständiger Satz. Du brauchst es nicht mit einer Begründung oder einer Entschuldigung zu ergänzen. Nein ist ein starkes Wort! Sage nein!" Unsachliches sollte man aber auch nicht stehen lassen, und Nichtstun wäre das Verkehrteste, stellte Kricke klar.

Der Workshop wurde wegen seiner Bedeutung auch im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben" vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Drei Männer und elf Frauen nutzten dieses Angebot und gingen sicher in dem Bewusstsein nach Hause, jetzt Anfeindungen besser und bewusster begegnen zu können.