Ein Turmknopf ist eine Art Zeitkapsel. Auch Königsberg scheint so etwas wie eine Zeitkapsel zu sein. Wer etwa von oben, das heißt, aus dem nahe gelegenen Wald kommt, der gelangt zunächst auf die Kopfsteinpflasterstraße zum mittelalterlichen Stadtkern. Fachwerk, Efeu und eine Reihe von Bäumen mit üppigen Kronen bestimmen das Stadtbild.

Königsberg scheint nach dem Vorbild idyllischer Postkartenmotive gebaut worden zu sein. Die einen bleiben, weil es so schön ist, die anderen kommen nur deswegen.

Nein, der Philosoph Immanuel Kant war nie da. Er hat jenes andere Königsberg, das im damaligen Preußen liegt und heute Kaliningrad heißt, nie verlassen und es so auch nie nach Königsberg in Bayern geschafft, wie der heutige offizielle Titel der Stadt am Rande der Haßberge lautet. Denn, um genau zu sein, hätte Kant auch nur nach Königsberg in Franken reisen können - der bayerische Zusatz kam erst 1920 hinzu, als auch Coburg zu Bayern kam.

Luther hingegen, der berühmte Reformator, Bauernbekämpfer und Antisemit, war mal da. Trotz der Umbenennung titelt eine 2004 erstellte und in der evangelischen Kirche im idyllischen Herzen der Stadt für wenig Geld zu erwerbende Broschüre "Die Urkunden aus dem Turmknopf der Marienkirche zu Königsberg in Franken."

Aus dem Wald sind auch der Reporter und seine Fotografin gekommen, weil der vermaledeite Pfeil genau dorthin, in das geruchsstarke und geräuscharme Grün geflogen ist. So gingen die beiden also vorbei am Geburtshaus von Regiomontanus - der Name des Mathematikers bedeutet so viel wie "der Königsberger" - zur Linken und dem Haus, in dem der katholische Kriegsherr Tilly aus dem Dreißigjährigen Krieg mal gewohnt hat.

Dokumente aus der Vergangenheit

Wer als Wanderer oder Radfahrer, der sich zur Erholung nicht nur in den Biergarten setzt, sondern auch etwas Abkühlung und Belehrung in der kühlen Kirche sucht, kann mehr über den Inhalt des Turmknopfes erfahren. Dokumente aus den vorangegangen Jahrhunderten wurden dort für die Nachwelt hineingelegt, damit man in Zukunft etwas aus früheren Zeiten erfahren kann. Wer hingegen ein Bier trinken will, sollte zur Herrenschenke gehen und sich am besten in den Biergarten von Anja Beyersdörfer setzen. Denn von da aus hat man einen wunderschönen Blick auf den 2004 renovierten Kirchturm.

"Ich möchte nicht irgendwo anders leben", sagt Anja Beyersdörfer, Betreiberin der Herrenschänke in dritter Generation. Sie war mal drei Jahre am Chiemsee. Sie habe aber nie an eine andere Option gedacht, als das Geschäft ihrer Eltern zu übernehmen. Auch ihre Tochter soll die Herrenschänke einmal übernehmen. So folgen die Generationen aufeinander. Wie lebt es sich in Königsberg? "Man kennt so gut wie jeden", sagt Beyersdörfer, "es ist wie ein kleines Dorf." Das ist sehr gut nachzuvollziehen, auch, weil an einem Montagmittag höchstens Mal ein alter Mann auf einer Bank sitzt und in die Welt schaut. Idylle eben.

Kein Urlaub ohne E-Bike

Und wer kommt nach Königsberg? "Radfahrer kommen jetzt wesentlich mehr", hat Beyersdörfer beobachtet. Wegen der elektrischen Motoren seien die Berge kein Hindernis mehr. Deswegen sind auch Carla und Uwe Günzel aus Brandenburg mit dem Fahrrad auf den königlichen Berg gekommen. Ohne E-Bike wäre es für mich kein Urlaub, sondern Arbeit, meint Carla Günzel, "so geht das wie Butter". Das heißt, eigentlich sind die beiden zuerst nach Bamberg gefahren - deren Fahrradfreundlichkeit sie ausdrücklich betonen -, um von dort sternförmig mit dem Rad das Frankenland zu erkunden.

Uwe Günzel erzählt dann von Luther, der mal da war, und dass Königsberg früher mal eine sächsische Enklave war. Die beiden waren offensichtlich in der großen, dunklen und, ja, schönen Marienkirche.

Die Zeitung ist nicht nur zum Lesen da

Der Broschüre, in der die Dokumente aus dem Turmknopf abgedruckt sind, lag auch eine nachgedruckte Ausgabe der Coburger Zeitung vom 16. Juli 1902 bei. Themen des Tages: Ministerwechsel in England, eine polnische Beschimpfung des Deutschen Kaisers und das Inkrafttreten des Fleischbeschaugesetzes. Ein Thema, das auch der Fränkische Tag vom 16. Juli 2020 aufgenommen hat.

Der FT lag aber nicht leserfreundlich am Ende der Kirchenbänke aus, sondern wurde benutzt, um ein Schaufenster blickdicht abzukleben. Das ist so eine erstaunliche Verbindung, die Kommissar Zufall zu Tage gefördert hat.

So laufen in Königsberg eben die Zeiten zusammen, die Vergangenheit und die Gegenwart, die Menschen, die dort lebten und leben und jene, die kommen, um sich ein Bier zu holen, von der Schönheit beeindruckt zu sein und etwas über die Geschichte zu lernen. So wird auch der königliche Berg zu einer Art Tor zur Welt und der Zeiten.

Am Donnerstag berichtet Matthias Litzlfelder über seinen Besuch in Steinbach am Wald.