"Ich fand immer ganz schön, dass uns die Senioren vorgelesen haben. Sie haben das sehr gut gemacht, weil sie nicht nur ins Buch gesehen, sondern uns auch dabei angeschaut haben", sagte der neun Jahre alte Marco Terhar bei der letzten Vorlesestunde im Bibliotheks- und Informationszentrum (Biz) am Marktplatz in Haßfurt. Erneut waren 17 Kinder gekommen, um den Vorlesepaten Ursula Röder-Geiberger, Karin Beck und Wilhelm Schönherr zu lauschen und zu singen.


Seit elf Jahren aktiv

Vor elf Jahren etablierte sich am Biz ein Vorlesekreis aus der städtischen Agenda-Gruppe für Senioren und Behinderte heraus, deren Leiterin Ursula Röder-Geiberger lange Zeit war. Sein Ziel war es zunächst, eine Verbindung zwischen Kindern und Senioren zu schaffen. So sagte Ursula Röder-Geiberger auch bei der letzten Vorlesestunde: "Der Kontakt zu den Kindern, die für mich einfach mal ein Enkelkinderersatz waren, war mir sehr wichtig." Dies bestätigte Karin Beck, die selbst keine Enkelkinder hat, aber gerne mit Kindern arbeitet. "Wir hatten schon kleine Zuhörer, die sich uns auf den Schoß gesetzt haben und ich fand das ganz toll. Es ist heute noch eine Freude, ehemalige Zuhörer zu treffen, die sich gerne an die Zeit erinnern", schilderte sie.

Dass das Vorlesen den Kindern gefiel, bezeugte auch die zehnjährige Celine Mahr. "Ich fand es immer schön, dass die Senioren sich Zeit für uns genommen haben und dass wir anschließend erzählen konnten, wie uns die Märchen und Geschichten gefallen haben. Ich lese auch zuhause, meist vor dem Einschlafen, oder setze mich mit meinem Papa auf den Balkon und wir lesen uns abwechselnd vor."


Die Märchen neu entdeckt

Neben den Kontakten zu den Kindern war es den Senioren auch ein Anliegen, das Vorlesen von Märchen neu zu entdecken. So wurden ab Oktober 2006 bei den monatlichen Treffen zunächst nur die Märchen der Gebrüder Grimm vorgelesen. Später kamen auch Volksmärchen aus aller Welt, Fabeln, Tiergeschichten, Parabeln, Geschichten zu Ostern und Weihnachten sowie Sagen aus Haßfurt und dem Umkreis hinzu. Seit Beginn an waren Ursula Röder-Geiberger, Karin Beck und Wilhelm Schönherr die Vorlesepaten; ein paar Mal lasen auch Liane Deusel und Heidrun Wagner vor. Von Anfang an unterstützte die Grundschullehrerin Hedwig Krumscheid die Aktion, indem sie ihre Schüler der dritten und vierten Jahrgangsstufen zur Teilnahme aufrief und begleitete. Daher wurden teils auch Texte gewählt, die den Unterricht ergänzten und illustrierten.

Gerade Hedwig Krumscheid lag die Hinführung der Kinder an die Literatur sehr am Herzen und sie animierte die Schüler immer wieder, im Biz auch Bücher auszuleihen. "Viele ehemalige Schüler haben mir mitgeteilt, dass sie sich noch intensiv an diese Nachmittage und Geschichten erinnern", erzählte sie.


Kreis wird eingestellt

Da die Senioren beschlossen haben, den Vorlesekreis einzustellen, verabschiedete sie die Leiterin des Biz, Annelie Ebert. "In all den Jahren, in denen die Senioren vorgelesen haben, haben sie rund 2000 Zuhörer erreicht. Dafür gilt ihnen unser herzlicher Dank", sagte sie. "Sie haben nicht nur Märchen, sondern auch Erzählungen klassischer und neuerer Autoren vorgelesen und uns, den Kindern und den erwachsenen Zuhörern in der Fülle viel Neues zu Gehör gebracht, uns angerührt, lustig oder nachdenklich gestimmt."

Mit kleinen Präsenten verabschiedete Annelie Ebert die Senioren, die an diesem Tag nochmals die Märchen vortrugen, die sie in der ersten Stunde vorgelesen hatten: "Schneeweißen und Rosenrot", "Der Froschkönig" und "Frau Holle". Dazwischen sangen die Kinder, am Klavier begleitet von der Grundschullehrerin Andrea Netter-Eder, im Rahmen der Schulaktion "Schule singt" des Bayerischen Kultusministeriums Lieder. ul