Immer mehr rote Bremslichter sammeln sich auf der Autobahn vor dem blauen Reisebus. Die Autos schieben sich langsam vorwärts. Fabian Schmitt schaltet rauf und wieder runter. Der 28-Jährige blickt auf den Tacho und auf die Uhr. Die Zeit läuft. Der Verkehr stockt. Dann geht gar nichts mehr. "Das ist genau das, was wir nicht wollten", sagt sein Busfahrerkollege Thomas Arnert. Er sei schon oft dort gefahren, aber so etwas habe er noch nicht erlebt. Ein Kilometer vor dem Gotthardtunnel in der Schweiz rutschen die Reisenden auf den Sitzen herum, recken die Köpfe, um durch die große Frontscheibe zu sehen: Der "größte Feind", der Stau, passt nicht in ihren Zeitplan. Der ist getaktet, schließlich steht ein Weltrekord auf dem Spiel.
Innerhalb von 24 Stunden will die fränkische Reisegruppe durch neun Länder fahren.

Ins Guinnessbuch der Rekorde?
Fabian Schmitt vom Großlangheimer Busunternehmen Schmitt ist auf die Idee gekommen und hat diese Tour organisiert. Sogar beim Guinnessbuch der Rekorde hat er die Fahrt angemeldet. Vor eineinhalb Jahren fragte er sich, wie viele Länder man wohl in kürzester Zeit durchfahren kann. Nach Berechnungen und Vergleichen stand der Plan: neun Länder in 24 Stunden; Endpunkt Maastricht und als kleine Belohnung dann ein Tag in Amsterdam.
Klaus Laubenden war noch nie in Amsterdam. Ein Grund für den 68-jährigen Marktbreiter, bei der Reise dabei zu sein. Für ihn ist sofort klar: "So was Verrücktes mach' ich auch mit." Am Wochenende war es soweit.


Freitagmorgen startet das Schmitt-Team um sieben Uhr von Großlangheim mit drei Busfahrern und einem Reisebus voller Abenteurer. Die erste Etappe lenkt Vater Rolf Schmitt. Auf der A7 vorbei an Ulm, bis zur ersten Grenze nach Österreich und durch Bregenz am Bodensee. Kurz vorher, gegen 11 Uhr, fiel in Lindau der Startschuss für den Rekordversuch. Direkt weiter geht es ins zweite Land, in die Schweiz, und über die Grenze nach Liechtenstein gegen 12.30 Uhr. Nach einem kurzen Abstecher in das Fürstentum wieder zurück in die Schweiz und weiter gen Süden: durch das "Heidiland" und vorbei an der Viamala-Schlucht, über die Pass-Straßen des San Bernadino entlang der Südseite der Alpen. Zwar können die Reiselustigen die Berge nur durch die Busfenster beobachten, dafür haben sie bestes Wetter für den Ausblick in die Ferne. Am Nachmittag um 15 Uhr ist die Grenze erreicht. Kurz bleibt Zeit, um die Füße auf italienischem Boden zu vertreten, dann direkt wieder über die gleiche Grenze zurück in die Schweiz.

Quer durch das Land, an Zürich und Basel vorbei, durch zahllose Tunnel bis über die deutsche Grenze. Von Freiburg bis nach Straßburg in Frankreich. Die Stadt passiert der Bus gegen 23 Uhr - wie geplant. Die meisten kommen spätestens jetzt zur Ruhe und gönnen sich etwas Schlaf, während der Busfahrer sie über die französischen Straßen bis nach Luxemburg fährt. Nachts ist dort wenig los, der Weg für den Weltrekord frei. Weiter zum nächsten Beneluxstaat, dem vorletzten Land auf der Liste: Belgien. Bei der Stadt Liége macht die Truppe einen Zwischenstopp. 3.30 Uhr.

Weltrekord vor Ablauf der Zeit
Vollgas in Richtung Maastricht in den Niederlanden, dem Ziel auf der Rekordroute. Um 4.23 Uhr greift Rolf Schmitt zum Mikrofon und weckt mit der Durchsage: "Wir haben den Rekord geschafft! Nach 21 Stunden und 23 Minuten!" Der Busunternehmer rechnet großzügig inklusive der Abfahrtszeit in Großlangheim.

Gertrud Grebner und Arthur Schmitt sind sich einig, dass man die Reise richtig genießen konnte. Noch nie hat der 77-Jährige die Strecken so ausgekostet, erzählt der Busfahrer im Ruhestand. "Wir haben mitgefiebert, dass der Rekord auch klappt." Für die 73-jährige Gertrud Grebner ist der Ausflug "wie ein Kinofilm". Ihr gefällt die Rundumsicht im Bus. "Ob ich jetzt zu Hause sitze oder im Bus, ist doch egal." Und auf der Reise erlebe man noch etwas und lerne nette Leute kennen.

"Mit den Staus hab ich schon gedacht, das wird knapp", sagt Hans Fleischmann aus Kitzingen. Er hat sich spontan für die Reise angemeldet, nachdem er über den Rekordversuch des Busunternehmens in der Zeitung gelesen hat. Der Kitzinger Gästeführer hat schon etliche Busreisen gemacht, aber die Idee, mit dieser in das Guinnessbuch der Rekorde zu kommen, fasziniert den 64-Jährigen. "Über den kurzen Zeitraum durch so viele Länder, da bin ich dabei", sagt er lächelnd. "Da sind Länder dabei, in die ich eigentlich nicht gefahren wäre, weil sie für mich keine typischen Urlaubsländer sind. Wie Liechtenstein oder die Schweiz."

Fabian Schmitt, der die Tour geplant hat, ist erleichtert, dass sie die Fahrt in der Zeit geschafft haben: "Die Anspannung war schon extrem in den letzten Wochen mit der Vorbereitung und der Planung." Mit der Fahrtzeit ist er zufrieden. "Wir hätten bestimmt auch noch ein Land mehr geschafft." Vielleicht beim nächsten Rekordversuch.