Noch bis zum 22. November vertritt herman de vries sein Heimatland, die Niederlande, bei der Biennale in Venedig. Doch zeitgleich macht er seinen Freunden Egon Stumpf und Eleonore Schmidts-Stumpf in seiner zweiten Heimat Eschenau ein Geschenk: Denn er zeigt noch bis zum 8. November in ihrer "Galerie im Saal" in Eschenau 17 seiner Zeichnungen. Entsprechend groß und positiv war die Resonanz bei der gut besuchten Vernissage am Samstag.

Dass der 84-jährige Niederländer, der Wert auf die Kleinschreibung seines Namens legt, seine Arbeiten der "Galerie im Saal" zur Verfügung stellte, liegt an der engen Freundschaft des Künstlers und seiner Frau Susanne mit den Galeristen. "Damit fügt sich unsere kleine Galerie in die Reihe berühmter Ausstellungsorte wie Venedig, Paris, Amsterdam, Hamburg oder Jakarta, in denen herman de vries dieses Jahr mit Ausstellungen vertreten ist", sagte Egon Stumpf stolz.
"Er hat gesagt, ,meine Eschenauer vergesse ich nicht', und dass er bei uns erstmals Zeichnungen präsentiert, die so noch nie zu sehen waren, ist für uns eine ganz besondere Ehre."

Vielleicht, so die Galeristin Eleonore Schmidts-Stumpf , sei mancher darüber verwundert, dass herman de vries auch zeichne. "Man kennt seine Erdausreibungen, seine Pflanzenbilder, Installationen und Journale mit artefacten. Doch er widmet sich seit einigen Jahren auch den Zeichnungen", erklärte sie.

So werden Buntstift-Zeichnungen, aber auch Zeichnungen mit verbranntem Holz von Eschenauer Sonnwendfeuern gezeigt. "Die Buntstift-Zeichnungen sind verbunden mit meinen Naturerfahrungen", sagte der Künstler, der den Steigerwald zu seinem Atelier erklärt hat. "Aber ein besonderes Vergnügen habe ich beim Zeichnen mit verbranntem Holz."


Ein Blatt Papier

Die Laudatio auf den Künstler hielt Katharina Winterhalter, eine Freundin von herman und susanne de vries und Redakteurin der "Mainpost". Sie ist oft bei dem Ehepaar zu Gast und führte die Besucher im Geiste durch deren Anwesen. Der Weg führte zunächst ins Schlafzimmer, wo die Buntstift-Zeichnungen von herman de vries entstehen und fast immer ein Blatt Papier hängt: leer, in Arbeit oder fertig. "Viele Jahre hat herman hier an seinen kleinen Schriftbildern gearbeitet. Hat sich tagelang einem Wort hingegeben - joy, all, this oder yes. Hat gefühlt, was er geschrieben hat. Losgelöst", erklärte die Laudatorin, die dann auf das große Atelier in der Scheune im Garten zu sprechen kam. Dort fertigt herman de vries seine Kohlezeichnungen an. "Diese großen Zeichnungen entstehen oft in einem Zustand der Erschöpfung, wenn herman zu müde ist, um irgendetwas anderes zu tun. Wenn seine Gedanken ausruhen wollen. Manchmal setzt er sich in diesen Momenten auch in den Garten und plötzlich formt sich ein kurzes Gedicht, das er sogleich niederschreibt", so Katharina Winterhalter. Zudem liebe er es, mit verbrannten Holzstücken zu arbeiten, die er auf Feuerstellen in den Dörfern gesammelt habe. "Er nimmt ein Stück, das gut in der Hand liegt. Dann setzt er sich und schließt die Augen. Ein paar Augenblicke der Stille und Konzentration. Nicht denken. Er öffnet die Augen, steht auf, greift das Stück verbranntes Holz und schwingt in zwei oder drei schnellen Bewegungen eine Spur auf das Papier. Schnell, elegant, kräftig, mutig. In diesem Moment gibt es kein Zögern, kein Reflektieren, kein Denken. herman ist ganz frei. Die Zeichnung ist nie Abbild von etwas Sichtbarem, sondern spontaner Ausdruck einer Empfindung. Sie ist Bewegung, Tanz, sie entsteht mit Lust an dieser Handlung. Unmittelbar. Sie ist eine Momentaufnahme. Ausdruck des So-seins in diesem Augenblick."

Aus den Schriftbildern hätten sich die Buntstift-Zeichnungen entwickelt: farbige Spuren auf dem Papier, in schnellen kleinen Bewegungen gesetzt. Aber was herman de vries zeige, seien keine Abbildungen, nicht einmal Reflektionen des Erlebten und Gesehenen, sondern spontaner Ausdruck eines Jetzt-Gefühls.


de vries in Venedig

herman de vries vertritt in diesem Jahr sein Geburtsland, die Niederlande, bei der 56. Internationalen Kunstausstellung Biennale Venedig. Die Berufung bezeichnete er als Höhepunkt in seinem öffentlichen Leben. "Ich habe mich sehr gefreut, mein Heimatland dort vertreten zu dürfen", sagte der 84-jährige Künstler, der seit 1970 mit seiner Frau susanne in Eschenau lebt. "Die Ausstellung war aber auch sehr anstrengend. Immerhin habe ich 22 Interviews in nur einer Woche gegeben. Doch die Reaktionen waren ausschließlich positiv. So hat man mir erzählt, dass der japanische und der holländische Pavillon am meisten geschätzt worden seien", berichtete er.

Andererseits sei die Präsentation seiner Werke im holländischen Pavillon nur ein Geschehnis von vielen, aber mit wichtigen positiven Effekten. "Denn es geht weiter", sagte er und verwies auf die kommenden Ausstellungen. So begann am selben Tag, an dem seine Ausstellung in Eschenau eröffnet wurde, seine Ausstellung in Friedberg bei Wiesbaden. Zudem werden im November drei Ausstellungen in Holland und eine in Jakarta eröffnet, während die Ausstellung im "Kröller Müller-Museum" bei Otterloo noch läuft. Im Januar 2016 zeigt herman de vries unter dem Titel "sculptures trouvées" im Barlach-Museum in Hamburg Steine, verwitterte Holzteile und ein größeres Stück von einem 200 Jahre alten Maulbeerbaum von der Isola Lazzaretto Nuovo in der Lagune von Venedig sowie "Erden" im Museum für konkrete Kunst in Ingolstadt.