Eine Tablette hier, eine Pille da. Etwa 30 Prozent der Deutschen schlucken Vitaminpräparate und Nahrungsergänzungsmittel, wie eine Umfrage der Verbraucherzentralen von 2016 zeigte. Doch was bringen sie wirklich?

"Ein gesunder Erwachsener oder ein gesundes Kind mit einer ausgewogenen Mischkost braucht in der Regel keine Nahrungsergänzungsmittel", meint die Diätassistentin Sabine Dück aus Ebelsbach. Trotzdem greifen viele danach. Eine große Rolle spielt die Werbung. Vitamin B soll das Wohlbefinden steigern, Vitamin D ein Multitalent für die Gesundheit sein und Vitamin C ist gut gegen Erkältungen: Mit solchen Werbesprüchen werden Verbraucher zum Kauf von Vitaminpräparaten animiert.

Gerade jetzt nutzen die Unternehmen die Angst vor dem Covid-19-Virus und machen Werbung für Nahrungsergänzungsmittel, die angeblich vor dem Virus schützen. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft warnte in einer Pressemitteilung ausdrücklich vor solchen Werbeversprechen: "Es gibt kein Nahrungsergänzungsmittel, das eine Infektion mit dem Virus verhindern kann."

Smoothies bringen nichts

Dück ist generell kein Fan von Werbung für Nahrungsergänzungsmittel: "Die Präparate sind meist synthetisch und können vom Körper nur sehr schwer aufgenommen werden. Wenn Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden, dann am besten natürlichen Ursprungs, zum Beispiel in Form von Spirulina-Algenpulver." Der Grund: "Wir verarbeiten unsere Nahrung durch das Kauen und die Magensäure, so werden die Inhaltsstoffe, die wir brauchen, gelöst. Viele Vitamine können nur durch Fett aufgenommen werde. Deshalb gehört an den Salat auch etwas Öl. Gemüse braucht diese Komponente, sonst können wir die Inhaltsstoffe nicht aufnehmen. Viele Menschen trinken Smoothies, aber ohne eine Milchsäure- oder Fett-Komponente bringen die gar nichts. Eine Pille schlucken reicht nicht."

Die meisten Menschen in Deutschland sind gut mit Vitaminen versorgt, wie die Nationale Verzehrstudie zeigt. Deshalb empfehlen Stiftung Warentest und die Verbraucherzentrale Bayern einstimmig: "Lassen Sie sich nicht durch die Werbung verunsichern." Wer einen Vitaminmangel vermutet, solle das von einem Arzt bestätigen lassen, meint auch Dück. Vor allem, weil es durchaus zu einer Überdosierung kommen kann.

Stiftung Warentest: Grenzwerte überschritten

Die Stiftung Warentest hat zuletzt 2017 Vitaminpräparate getestet. Gesetzliche Grenzen für die Vitamindosierung von Nahrungsergänzungsmitteln gibt es in Deutschland nicht. Deshalb verglichen die Tester die Tagesdosierungen auf den Packungen mit den sicheren Höchstmengen, die das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt.

Gefahren einer Überdosis

Exemplarisch wurden 35 Präparate gekauft, von denen 26 laut Packungsangaben die empfohlenen Höchstdosierungen überschritten, zehn davon drastisch. Dies betraf vor allem Präparate, die im Internet bestellt wurden und meist aus dem Ausland kommen. Selbstdiagnostik und Selbstmedikation seien keine Lösung, meint Dück. "Eine Überdosis äußert sich unterschiedlich. Bei manchen Stoffen passiert nichts und der Körper transportiert den Überschuss über die Leber ab. Es kann aber auch zu Durchfall, Hautproblemen und anderen Beschwerden kommen", erläutert Dück. Die meisten Menschen brauchen nämlich keine Nahrungsergänzungsmittel.

Vitaminmangel und dadurch bedingte Krankheiten kommen den Experten zufolge in Deutschland äußerst selten vor. Es gebe keine Studien, die belegen würden, dass eine "Extraportion Vitamine" in Form von Nahrungsergänzungsmitteln die Folgen eines ungünstigen Ernährungsverhaltens ausgleichen und vor Krankheiten schützen kann. Eine unnatürlich hohe Gabe isolierter Vitamine ist den Verbraucherschützern zufolge meist nicht nötig und kann zu Gesundheitsschäden führen.

Doch es gebe Ausnahmen, erklärt Dück: "In der Schwangerschaft kann es eventuell zu einem Vitaminmangel kommen, bei Krebspatienten oder besonderen Ernährung-Formen wie Veganismus." Aber auch in solchen Fällen ist eine fachkundige Meinung wichtig.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen Mangel an Nährstoffen festzustellen: "Neben der Blutuntersuchung ist auch die bioelektrische Impedanzanalyse eine Möglichkeit. Dabei können die Körperzusammensetzung und der Zustand der Ernährungs untersucht werden. Unter anderem können so auch Folgeschäden erkannt werden. Wie zum Beispiel eine Reizung des Darmgewebes."

Wer weiß, in welchen Nahrungsmitteln besonders viele Vitamine stecken, kann sein Essverhalten ganz leicht danach ausrichten. Folgender Überblick zeigt, wofür welche Vitamine gut sind - und wann sie schaden.

Vitamin A Der Körper kann Vitamin A aus manchen Pflanzeninhaltsstoffen wie Betakarotin selbst bilden. Es ist wichtig für den Sehvorgang, Haut- und Schleimhäute, Immunsystem, Fortpflanzung und schützt vor aggressiven Sauerstoffmolekülen (freien Radikalen). Die Deutschen sind ausreichend mit Vitamin A versorgt.

Vitamin A kommt in Fleisch- und Wurstwaren vor, in Leber, Milchprodukten und Eiern. Aber auch in Möhren, Kirschen und Grünkohl ist viel enthalten. Durch zu vielVitamin A kann sich die Haut verändern, können Haarausfall, Kopfschmerzen und Leberprobleme auftreten. Studien zufolge kann ein Übermaß an Vitamin A Lungenkrebs hervorrufen. Mittel mit den Vitaminen A und E könnten die Lebenserwartung verkürzen.

Vitamin B B-Vitamine sind an diversen Stoffwechselprozessen beteiligt und wichtig für die Zellteilung. Die Deutschen sind ausreichend mit B-Vitaminen versorgt. B-Vitamine kommen in Hülsenfrüchten, Fleisch, Fisch und Vollkornprodukten vor. B-Vitamine gelten als harmlos, da sie wasserlöslich sind und sich nicht im Körper anreichern. Bei sehr hohen Dosen von B6 in Kombination mit Fol- und Nikotinsäure können Nervenschäden auftreten. Vitamin C Dieses Vitamin ist wichtig für den Halt von Zähnen, die Bildung von Bindegewebe und wirkt gegen freie Radikale. Natürliche Quellen sind Brokkoli, grüne Paprika, Zitrusfrüchte, Sanddorn und schwarze Johannisbeeren. Vitamin C nimmt man ausreichend über die Nahrung auf. Studien liefern keinen Beleg für die Schutzwirkungen von Vitamin C durch Zusatzpräparate. Überdosiert kann Vitamin C die Verdauung stören und fördert vor allem bei Männern das Risiko für Nierensteine. Vitamin D Es wird als einziges vom Körper selbst gebildet - durch Sonnenlicht. Bei Kindern ist Vitamin D wichtig für den Aufbau der Knochen, bei Erwachsenen hält es die Knochen hart und dient zur Vorbeugung gegen Stürze. Die Zufuhr aus der Nahrung - fetter Seefisch, Eigelb, Margarine - ist eher gering. Vitamin D bildet sich im Tageslicht selbst.

Eine Überdosisan Vitamin D kann laut Verbraucherzentrale Bayern zu Vergiftungserscheinungen führen oder die Verkalkung von Herz oder Lunge fördern. Die Stiftung Warentest führt als Nebenwirkungen Nierensteine und -schäden an. Vitamin E ist gut für den Zellschutz. Die meisten Menschen sind gut mit Vitamin E versorgt. Natürliche Quellen sind pflanzliche Öle. In zu hohen Dosen kann Vitamin E die Blutgerinnung stören. Studien zufolge erhöht die künstliche Zufuhr möglicherweise die Sterberate und begünstigt bei Männern Prostatakrebs. Vitamin K Dieses Vitamin ist wichtig für die Blutgerinnung und trägt zur Festigung der Knochen bei. In der Nahrung kommt Vitamin K vor allem in grünem Gemüse vor, sowie in Milchprodukten, Fleisch und Eiern. Vitamin K gilt als gut verträglich, kann aber die Wirkung von gerinnungshemmenden Medikamenten stören.

Das Wichtigste im Überblick:

Empfehlung

So sollte eine ausgewogene Ernährung aussehen, damit es auch mit den Vitaminen klappt: Möglichst vielfältig und bunt essen, täglich drei Portionen Gemüse (etwa 400 Gramm für Erwachsene) und zwei Portionen Obst (250 Gramm) sowie Milch-, Vollkornprodukte, Speiseöl und in Maßen Fisch und Fleisch berücksichtigen.

Frauen und Babys

In wenigen Fällen empfehlen die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und ärztliche Fachgesellschaften routinemäßig Vitaminpräparate: Vitamin K für Neugeborene und Vitamin D für Babys im ersten Lebensjahr. Frauen, die schwanger werden möchten oder sind, sollten Folsäure zuführen, lautet ein weiterer Ratschlag.

Ältere und Kranke

Für ältere Menschen mit wenig Sonnenkontakt, Veganer, Menschen mit bestimmten Krankheiten oder einer gestörten Verdauung könnten Zusatzpräparate sinnvoll sein. Das bespricht man am besten mit dem Arzt. Von einer Eigentherapie ohne festgestellten Mangel und regelmäßiger Kontrolle der Blutwerte wird abgeraten.

Dosierung

Auf Verpackungen muss angegeben sein, wie viel Prozent der Nährstoffbezugswerte für die Vitamine durch das Produkt pro Tag gedeckt werden. Immer 100 Prozent oder mehr erreichen zu wollen, ist nicht sinnvoll, zumal man noch Vitamine aus Lebensmitteln aufnimmt. Die Dosierung sollte keinesfalls überschritten werden.

Internet

Auf der Seite www.verbraucher-zentrale-bayern.de finden sich Informationen zur Vitaminversorgung sowie zu Nahrungsergänzungsmitteln. Unter www. test.de gibt es Tests zu Vitaminpräparaten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat unter www.dge.de viel Wissenswertes zu dem Thema zusammengestellt.