"Missbrauch" "Spiel mit der Angst" und "Skandal". Solche Worte ziehen, ebenso wie die Titulierung der Arbeitgeber als "Falschspieler". Auch, dass ihr Gebaren fatal an die Zocker an der Börse erinnere. Zeitweise versteht Thilo Kemmerer sein eigenes Wort nicht, so schrill und laut ist der Zuspruch. Etwas von dem Pfeifkonzert, so ist man sich sicher, dringt vom Werkstor bis zur Führungsetage bei der Firma FTE in Ebern empor. Rund 450 Beschäftigte, die meisten davon Metaller, schwingen rote Fahnen oder applaudieren dem IG Metall-Sekretär aus Bamberg: Jetzt wollen sie ihren gerechten Anteil vom Kuchen, denn die Gewinne in der Metallindustrie liegen auf Rekordniveau. FTE beispielsweise hat 2011 die höchsten Umsätze der Werksgeschichte geschrieben.

Insgesamt werden in Ebern in den drei Arbeitsschichten an diesem Tag rund 700 der 950 Anwesenden (viele Beschäftigte haben zurzeit Urlaub) für jeweils eine Stunde die Maschinen abstellen, um für mehr Lohn und Mitbestimmung zu demonstrieren. Säbelrasseln ist angesagt, verbales Messerwetzen. Denn auch wenn die Geschäftsführung in Ebern grundsätzlich Bereitschaft zu Kompromissen zeigt, deutet überregional vieles auf einen harten Tarifkonflikt hin. "Plus ist ein Muss", lautet der Minimalkonsens, doch darüber hinaus klaffen die Positionen weit auseinander
Das Arbeitgeberangebot von etwa drei Prozent mehr Lohn ist nicht mal die Hälfte dessen, was die Gewerkschaft fordert. Sie will 6,5 Prozent. Dazu die unbefristete Übernahme der Auszubildenden und Mitbestimmung beim Ersatz von Leiharbeit.

Gemäßigte Erwartungen


"Eine vier vor dem Komma wär schon gut," sagt einer der Männer, die sich im Schatten etwas Abseits vom Getöse eine Zigarette gönnen. "Du glaubst wohl ans Christkind?," widersetzt sein Kollege, der höchstens eine Drei erwartet, "und dann darfste noch ein paar Stunden mehr arbeiten." "Nehmen tät' mer's aber schon", winkt der Dritte ab und schnippt seine Kippe davon als wäre es die Hoffnung auf nennenswerte Lohnzuwächse.
Frank Meixner vom kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt weiß, wie man die Reizwörter setzt. Im Tarifkonflikt darf man schon mal von "störrischen Eseln" im Management sprechen und FDP-Politiker als "Pausenclowns und Schiffschaukelbremser" bezeichnen.
Der Betriebsseelsorger aus Coburg hat vor allem die Situation der Leiharbeiter im Auge. Für die gleiche Leistung wie die Stammbeschäftigten erhalten aber nur die Hälfte an Einkommen, hieß es . Die Metaller wollen erreichen, dass im Tarifvertrag gleicher Lohn für gleiche Arbeit festgeschrieben wird, was in Ebern übrigens schon Standard ist.
Betriebsratsvorsitzender Jürgen Hennemann, die Jugendvertreter Bianca Schineller , Fabian Michel und Stefan Goldschmidt machen sich dafür stark, dass die Auszubildenden künftig grundsätzlich unbefristete Übernahmeverträge erhalten. Die Azubis seien das Kapital einer Firma, das man nicht achtlos wegwerfen dürfe.
Einerseits werde über Facharbeitermangel geklagt, andererseits entlasse man qualifizierte junge Leute in eine ungewisse Zukunft. Eberns größter Arbeitnehmer bildet derzeit 90 junge Kräfte aus.
Hennemann, zugleich Ortsvorstandsmitglied der IG Metall, fordert: "Es darf nicht bei einem Dankeschön der Geschäftsleitung und Bonuszahlungen für leitende Angestellte bleiben. Die Menschen haben verdient, an dem Erfolg der Firma angemessen beteiligt zu werden, denn sie haben diesen Erfolg auch erarbeitet." Geschäftsführer Andreas Thumm habe signalisiert, dass die Eberner Firma bereit wäre, auf die Arbeitnehmer zuzugehen. Hennemann fordert ihn unter Beifall dazu auf, diese Einstellung auch an andere Firmenchefs weiterzugeben, denn der Boom der deutschen Wirtschaft müsse sich auch im Geldbeutel des kleinen Mannes widerspiegeln.
Die Metaller in Ebern wissen sich mit ihrem Streik in guter Gesellschaft, denn gleichzeitig haben auch die Beschäftigten bei Bosch in Bamberg die Maschinen für eine Stunde stillgelegt. Bayernweit hat die Gewerkschaft nach eigenen Angaben an diesem Tag 70 000 Mitglieder zum Streik aufgefordert, bundesweit Hunderttausende.