Auf der Anklagebank des Haßfurter Amtsgerichts saßen gleich vier junge Männer im Alter zwischen 19 und 23 Jahren. Beschuldigt wurden sie der gefährlichen Körperverletzung, begangen an drei in Eltmann wohnenden syrischen Jugendlichen.


Freiheitsstrafen für drei der Angeklagten

Nach fast fünfstündiger Verhandlung mit zahlreichen Zeugen sprach das Jugend-Schöffengericht einen 20-Jährigen frei, verurteilte die drei anderen Angeklagten aber wegen teils gefährlicher Körperverletzung zu Freiheitsstrafen: Der Älteste des Quartetts (23) kam mit einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten davon, sein um ein Jahr jüngerer Kumpan kassierte acht Monate, ebenfalls auf Bewährung. Am härtesten traf es den Jüngsten, der zur Tatzeit gerade mal 18 Jahre alt war. Da er mehrfach vorbestraft ist, unter laufender Bewährung stand und weil eine Verurteilung vom Juni 2016 miteinbezogen wurde, verknackte ihn das Gericht zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und vier Monaten - ohne erneute letzte Bewährungschance.

Bei der aufwendigen Verhandlung ging es um das, was sich am Sommerabend des 10. Juli 2016 am Mainufer in Eltmann ereignet hat. Da das Schöffengericht den ganzen Ablauf anhand teilweise widersprüchlicher Zeugenaussagen rekonstruieren musste, war es gar nicht so einfach, sich ein Bild vom Ablauf der Prügelei zu machen. Zwar blieben etliche Fragen offen, aber "nicht alles war nebulös und einige Tatsachen stehen für das Gericht zweifelsfrei fest", resümierte der Vorsitzende Richter Martin Kober.


Alkohol war im Spiel

Offenbar trafen sich an dem besagten Tag in den lauen Abendstunden die vier jungen Männer - zwei von ihnen hatten ihre damaligen Freundinnen dabei -, um sich, wie es einer von ihnen ausdrückte, zu amüsieren. Dass dazu eine ordentliche Portion Alkohol gehörte, war für alle Beteiligten offenbar selbstverständlich. Deshalb schleppte man neben einem vollen Bierkasten auch mehrere Flaschen Wodka mit ans Mainufer.

Erst mal verlief das Treffen in normalen Bahnen. Erst als ein syrischer Jugendlicher (14) mit seinem Fahrrad mehrmals an der Gruppe vorbeifuhr, fing der Stunk an. Angeblich, so die Angeklagten, habe der junge Asylbewerber einen der Deutschen - eventuell, weil dieser schon ziemlich besoffen war, mutmaßte Verteidiger Helmut Gebhardt - als "Hurensohn" beschimpft. Ob das wirklich so war oder nicht, war nicht klärbar.

Selbst unter der Annahme, dass der junge Syrer diese beleidigende Äußerung gemacht hat, war die darauf folgende Reaktion des 22-jährigen Angeklagten völlig unverhältnismäßig und damit strafbar: Er rannte nämlich dem jungen, schmächtigen Radfahrer hinterher, packte ihn an der Jacke und riss ihn vom Rad. Mehrmals, sagte der im Eltmanner Kinderheim wohnende Schüler, sei er dann am Boden liegend von dem Betrunkenen getreten worden.


Mit Scherben gefuchtelt

Kurz darauf mischte sich der Jüngste der Beschuldigten, also der damals 18-Jährige, in die ganze Sache ein. Das Schöffengericht hielt es für erwiesen, dass er dabei eine Bierflasche durch einen gezielten Schlag am Boden zerbrach und mit den scharfen Glasscherben nach dem Asylbewerber stechen wollte. Dies gelang aber nicht, weil zwei junge Landsleute (beide 16) des Geschlagenen, die den Sturz vom Rad mitgekriegt hatten, herbeieilten und den Aggressor zu Boden warfen.
Wie unbeteiligte Zeugenaussagen belegten, gab es dabei lautstarke ausländerfeindliche Verbalattacken wie "Verpisst euch aus Deutschland!", und bei der anschließenden Keilerei flogen aus der Gruppe der Deutschen mehrere Bierflaschen.
Allerdings hielt sich einer der Angeklagten, ein 20-jähriger Schichtarbeiter, raus - und wurde deshalb auch freigesprochen.


Mehrfach vorbestraft

Rechtsanwalt Gebhardt betonte mit Blick auf die Latte an Vorstrafen seines 19-jährigen Mandanten, dass auch "ein mehrfach Vorbestrafter nicht zwingend der Schuldige" sein müsse. Insbesondere wies er darauf hin, dass sein Schützling als einziger eine sehr ernsthafte Verletzung davongetragen hat. Durch die Scherben wurden dem Beschuldigen die Sehnen zweier Finger der rechten Hand durchtrennt, was eine langwierige ärztliche Behandlung erforderlich machte. Da es sich um eine "gegenseitige Schlägerei" gehandelt habe, forderte er einen Freispruch.
Alle drei Verurteilten sind keine Unbekannten bei Justitia. Sie haben jeweils sechs bis sieben Vorstrafen auf dem Kerbholz und der Jüngste wurde erst zwei Wochen vor dem geschilderten Vorfall wegen Handel-Treibens mit Betäubungsmitteln zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt - auf Bewährung.
Da diese Verurteilung aufgrund des zeitlichen Zusammenhangs mit einzubeziehen war, plädierte Staatsanwalt Arno Ponnath auf eine Jugendstrafe von zwei Jahren und vier Monaten. Das Schöffengericht übernahm dieses Strafmaß - wobei eine Bewährung nicht mehr drin ist, wenn die Freiheitsstrafe über zwei Jahre hinausgeht.
Einer der Verurteilten, nämlich der 22-Jährige, der den syrischen Schüler vom Rad gerissen hatte und zu einer achtmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde, verzichtete noch im Gerichtssaal darauf, Rechtsmittel einzulegen. Deshalb sind dieses Urteil und der Freispruch bereits rechtskräftig.
Die beiden übrigen Verurteilten haben eine Woche Zeit, wenn sie Berufung oder Revision einlegen und in die nächste Instanz gehen wollen.