Die Leidenschaft für Birnen wurde Franz Hümmer quasi in die Wiege gelegt. Schon sein Vater und Großvater heizten auf dem Hümmerhof in Fatschenbrunn die Därre an, um Birnen zu gesundem Trockenobst zu verarbeiten.

Jahrzehntelang war das Hutzelmachen in dem kleinen Dorf im Steigerwald eine Familientradition. "Wer Trockenfrüchte daheim hatte, ist nicht verhungert. So einfach war das", erklärt Hümmer. Erst Industrialisierung und billige Importe aus Übersee machten die arbeitsintensive, traditionelle Produktion der Hutzeln überflüssig. Anderswo wird das Trockenobst übrigens Dörrbirnen oder Kletzen genannt.

Alte Sorten schmecken besser

Gut 300 Birnbäume aus extensiv bewirtschafteten, naturbelassenen Baumfeldern und Streuobstbeständen befinden sich in Hümmers Obhut. Sie stehen nicht auf Wiesen, sondern auf Äckern. Dieses uralte Agroforst-System heißt Baumfeldkultur und kombiniert den Acker- mit dem Obstbau. Unter Hümmers Bäumen befinden sich 30 seltene Birnensorten, die nur noch in Fatschenbrunn zu finden sind. "Diese uralten Birnbäume sind ein wertvoller Gen-Pool für die Zukunft der Birnen", erklärt Hümmer stolz. Um die Sorten zu erhalten, hat er sie veredeln lassen und anschließend 100 neue - alte - Birnbäume gepflanzt.

Während der Erntezeit von Ende August bis Ende Oktober steigt Franz Hümmer jeden Morgen in seinen "MB trac 800" - ein beeindruckendes, hellgrünes Ungetüm Jahrgang 1978 - und fährt mit dröhnendem Motor auf die Felder. Auf der Ladefläche hüpfen mehrere Obstkörbe und eine neun Meter lange, hölzerne Schüttelstange im Takt der Schlaglöcher.

Die reifen Birnen erkennt der Obstbauer schon von weitem. Trotzdem macht er vor der Ernte die Probe aufs Exempel. Nur, wenn beim ersten kräftigen Schütteln die reifen Früchte fallen, greift der 66-Jährige sich die Schüttelstange und holt mit geübten Wippbewegungen die übrigen Birnen vom Baum. Das Einsammeln ist übrigens nur die erste von vier Auslesen. Denn nur die gesunden und unbeschädigten Früchte kommen in die Därre. Die Därre ist ein eigenes Gebäude mit einem Holzofen, in dem die Birnen getrocknet, also gedörrt, werden.

Zurück auf dem Hümmerhof trägt Hümmer die Früchte in das kleine, weiß getünchte Nebengebäude und wäscht die Birnen unter fließendem Wasser. Dabei wird das Obst noch einmal kontrolliert und aussortiert. Anschließend schüttet er die Birnen auf spezielle Gitter, die "Därrhärrli", auf.

Maximal 60 Grad Celsius

Dann werden die "Därrhärrli" mit den Birnen in die Därre geschoben und bei maximal 60 Grad Celsius über drei bis fünf Tage in der Holzofendärre getrocknet. Es beginnt ein Kreislauf, der viel Fingerspitzengefühl vom Hutzelmacher erfordert. Er muss den richtigen Moment erkennen, die Birnen zu verschieben. Dabei wandern die fast fertigen Hutzeln nach unten. Dort ist es weniger warm. Die frischen Früchte schiebt er nach oben in die Hitze. Und dann muss er den richtigen Moment erwischen, sie aus der Därre zu nehmen.

"Innerhalb von ein, zwei Stunden werden sie zu hart", verrät Franz Hümmer. Das ist aber gar nicht so leicht zu erkennen. Denn wenn die Birnen aus der Därre kommen, sind sie eine wabernde braune Masse, die nur von der Schale zusammengehalten wird. Um ein Kilogramm Hutzeln herzustellen, braucht man fünf Kilo frische Birnen. Die Inhaltsstoffe konzentrieren sich also in der Hutzel im Verhältnis 5:1.

Augen zu und genießen

Es sind die inneren Werte, die die Dörrbirnen so besonders machen. Denn Hutzeln sind alles andere als ein Augenschmaus. Beim Dörren (also Trocknen) der Früchte im Holzofen wird das Beste der Birne auf wenige Zentimeter braunes Fruchtfleisch reduziert.

Der Anblick ist vielleicht gewöhnungsbedürftig, der Geschmack dafür einzigartig. Denn Hutzeln schmecken nach Kindheit. Und nach Birne. Sogar viel mehr nach Birne, als jede Birnenfrucht aus dem Supermarkt. Unwillkürlich entfährt einem beim Probieren ein überraschtes "mmh - gut!".

Franz Hümmer lächelt. Der Obstbauer kennt diese Reaktion. Die meisten Gäste, die er auf dem Hümmerhof begrüßt, zögern vor dem ersten Bissen. Doch bislang konnte der 66-Jährige noch jeden von seiner Passion überzeugen.

Sein Ziel ist es, Hutzeln als regionale Spezialität zu etablieren und die Fatschenbrunner Kulturlandschaft nicht nur zu erhalten, sondern weiter zu fördern.

Das ganze Dorf hilft mit

Dank Hümmers unermüdlichen Einsatzes für die Trockenfrüchte werden die Fatschenbrunner Hutzeln wieder mehr und mehr von Kennern und Feinschmeckern als Delikatesse und gesunde Alternative für Süßigkeiten geschätzt. Das Dorf ist stolz auf seine Hutzeln. "Auch die jungen Leute ziehen mit", erzählt Hümmer und freut sich sichtlich. Zu "den Jungen" gehören auch seine drei erwachsenen Kinder und seine Schwiegertochter - eine geborene Hutzel.

Tolle Pläne für Infozentrum

Familie Hümmer arbeitet gerade an einem zweiten Rezeptbuch und will - sobald die Baugenehmigung vorliegt - auf dem Familienhof ein "Hutzel-Kultur-Zentrum" mit Hofladen und Hofcafé bauen. Franz Hümmers Traum ist es, auf dem Hutzelhof viele Menschen von den tollen Eigenschaften der Hutzeln zu überzeugen. Bis dahin kann man die Fatschenbrunner Hutzeln nach Anmeldung auf dem Hutzelhof kaufen. (Telefon 09529/373 oder franz_huemmer@web.de. Mehr Infos unter www.hutzeln.net)