Zuerst mag man es nicht glauben: Ausgerechnet Arbeitnehmer, die mit viel Idealismus an ihre Aufgaben heran gehen, leiden am häufigsten unter den Symptomen des "Ausgebrannt Seins" - dem Burnout. Menschen in Führungspositionen dagegen sind weit seltener betroffen.

Michael Schnitzer, Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes Haßberge, hat für dieses Phänomen eine einleuchtende Erklärung: "Wer die Freiheit hat, seine Arbeitszeit selbst zu gestalten, kann sich auch einmal nachmittags eine Auszeit gönnen." Berufsgruppen in Sandwich-Positionen dagegen, die von oben und unten Druck erhalten und wenig Freiheiten haben, fühlten sich ausgeliefert, ergänzt er.

Heilen und lehren

Idealisten findet man häufig in Heil- und Pflegeberufen. Krankenschwestern, Altenpflegerinnen, aber auch Alleinerziehende und Lehrer arbeiten oft bis zur körperlichen und emotionalen Belastungsgrenze - ohne dafür Anerkennung zu bekommen.

In den 30 Jahren, in denen Michael Schnitzer den Sozialpsychiatrischen Dienst leitet, hat die Zahl der Betroffenen stark zugenommen. Von den 165 Männern und Frauen, die dort 2012 wegen Depressionen Hilfe suchten, hatten 89 Probleme im Arbeits- und Berufsleben.

Gründe dafür gibt es genug: Zeit- und Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit oder ein geringes Gehalt, von dem man nicht gut leben kann. Die Angst um den Arbeitsplatz wird durch Betriebspleiten und Zeitverträge befeuert. "Wie sollen junge Familien ihre Zukunft planen, wenn sie mit einem Fuß in der Arbeitslosigkeit stehen, weil sie nicht wissen, ob ihr Zeitvertrag verlängert wird?", fragt der Psychologe.

Die innere Einstellung zählt

Die Negativität dieser Umstände kann man laut Schnitzer nicht beschönigen: "Es gibt leider keine Therapie gegen Zeitverträge", sagt der 60-Jährige. Wenn die äußeren Faktoren zu belastend seien, bleibe manchmal nur die Kündigung.
In den anderen Fällen versucht der Psychologe gemeinsam mit den Betroffenen deren Einstellung zur Arbeit zu ändern und die sogenannten "inneren Antreiber" zu benennen: Perfektionismus, zu hohe Erwartungen an sich selbst, unrealistische Ziele, das Gefühl, unentbehrlich zu sein. "Letztlich ist die Persönlichkeit des Einzelnen entscheidend", sagt Schnitzer.

Denn bei jedem sei die "Resilienz" anders ausgeprägt. Dieser Begriff steht für die Fähigkeit eines Menschen, die Stresssituationen und Krisen durch den Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern.
Arbeitnehmer, die mit den Belastungen der Arbeitswelt in angemessener Weise umgehen und so ihre psychische Gesundheit erhalten, bezeichnet man als "resilient". In der Psychologie ist Burnout keine eigene Diagnose, sondern gehört zu den Depressionen. "Burnout und Depression sind für mich zwei Seiten einer Medaille", sagt Michael Schnitzer. Allerdings klinge Burnout nicht so schlimm. "Außerdem suggeriert der Begriff, dass man Leistung bringen will." Auch wenn Michael Schnitzer findet, dass Burnout als Modebegriff fast schon inflationär verwendet werde, sieht er daran sein Gutes. "Durch diese Hintertür wird die Depression salonfähig. Sportler und Prominente, die von einem Burnout berichten, verstärken die Akzeptanz noch."

Beratungsgespräche helfen

Betroffene können sich in Haßfurt an den Sozialpsychiatrischen Dienst Haßberge wenden. Momentan gibt es kaum Wartezeiten. Michael Schnitzer und die drei Sozialpädagogen Nadja Hertel, Thomas Kim und Katja Leonhart helfen mit psychotherapeutisch orientierten Beratungsgesprächen. "Wir sind kein Ersatz für eine Therapie. Aber wir helfen, die Zeit zu überbrücken, bis ein Platz gefunden ist." Manchmal reichten fünf bis Beratungsgespräche auch aus, um bei dem Betroffenen die Weichen neu zu stellen und eine Therapie überflüssig zu machen, erklärt der Experte.