"Lügen haben kurze Beine", weiß der Volksmund. Dieses Sprichwort sollten unbedingt all jene beherzigen, die vor Gericht als Zeuge geladen sind. Wer da - aus welchen Gründen auch immer - falsch aussagt, begibt sich auf ganz dünnes Eis. Bei der jüngsten Verhandlung vor dem Amtsgericht Haßfurt ging es um eine Beleidigung im Straßenverkehr.
Als "Entlastungszeugin" des Angeklagten (23 Jahre) trat seine 18-jährige Freundin in den Zeugenstand. Da am Ende Aussage gegen Aussage stand, setzte das Gericht einen Fortsetzungstermin an. Wenn sich dann herausstellt, dass die junge Frau gelogen hat, ist sie wegen Falschaussage dran.
Der Anlass des ganzen Streites war "lächerlich", meinte Strafrichterin Ilona Conver. Am 9. August dieses Jahres, es war ein Samstag, fuhr der Kfz-Mechatroniker in seinem Audi auf der B 26 von Bamberg Richtung Eltmann.
Zwischen Roßstadt und Dippach, so Staatsanwalt Markus Englich, habe der junge Mann einen anderen Autofahrer (44) "in provokanter Weise" überholt. Er sei rasant gefahren und kurz vor ihm eingeschert, beschrieb der Fahrer des überholten Wagens diesen Vorgang im Zeugenstand.

Faust oder Stinkefinger?

Über diese rüpelhafte Fahrweise offensichtlich verärgert, hupte daraufhin der 44-Jährige mehrmals. Auf der Höhe von Eschenbach reckte er dem jungen Burschen, der - wie er mutmaßte - seiner langhaarigen Freundin imponieren wollte, die geballte Faust entgegen. Der Angeklagte dagegen will bei dem Älteren den ausgestreckten Mittelfinger, landläufig als Stinkefinger bezeichnet, gesehen haben. Was anschließend geschah, darüber gab es zwei völlig widersprüchliche Zeugenaussagen.

Einspruch gegen Strafbefehl

Die Freundin des 23-Jährigen behauptete, ihre Fahrt habe in Eschenbach geendet, wo sie sich eine geschlagene Stunde bei Verwandten aufgehalten hätten. Der ältere Fahrzeuglenker dagegen sagte, dass es in Eltmann sozusagen zum "Showdown" gekommen sei.
Der ein ganzes Stück vorausgefahrene Audi sei von dem Mechatroniker quer zur Fahrbahn gestellt worden, wodurch er abbremsen musste. Als die beiden Autos dann langsam aneinander vorbei rollten, habe der junge Angeklagte die Fensterscheibe heruntergelassen und auf den Kotflügel seines Wagens gespuckt.
Daraufhin prägte sich der Beleidigte das Nummernschild des Audi ein und fuhr sofort zum Haßfurter Polizeipräsidium, wo er Anzeige erstattete. Der Staatsanwalt reagierte am 6. Oktober mit einem Strafbefehl über eine Geldstrafe von 25 Tagessätzen á 40 Euro. Weil der "Bleifuß" damit nicht einverstanden war und Einspruch einlegte, kam es zu der Hauptverhandlung.
Obwohl die Gerichtsvorsitzende eine direkte Gegenüberstellung der Zeugen vornahm, blieben beide bei ihrer jeweiligen "Wahrheit." Da im Auto des Anzeigers auch dessen 14-jährige Tochter saß, wird das Mädchen beim Fortsetzungstermin am 17. Dezember um 11 Uhr als Zeugin geladen.