Ein T-Shirt, das mit roter und weißer Ölfarbe übermalt ist, hängt an der Wand. Lediglich ein Hauch von Aufdruck lässt sich unter dem Öl erahnen. Bei genauerem "Hinschauen" wird jedoch ersichtlich, dass sich darunter eine rechtsradikale Aufschrift verbirgt, die übermalt und beinahe unkenntlich gemacht wurde. Dies und viele weitere Werke, die das Thema Rechtsextremismus behandeln, lockten Kunst- und Kulturinteressierte am Samstag zur Eröffnung der Ausstellung von Günter Rocznik. Bis 27. September sind die Arbeiten im Zeiler Hexenturm zu sehen. Und sie passen hierher: Der Ausstellungsort liefert gedämpfte Atmosphäre.

Hinschauen und Nachdenken

"Die Ausstellung will zum Hinschauen anregen und lebt damit den Gedanken von Anne Frank zu Vielfalt und Toleranz fort, den das jüdische Mädchen heute vor 70 Jahren in ihr Tagebuch schrieb." Zweiter Bürgermeister
Dieter Köpf fasste die Intention der Schau so auf. Birgit Geißler, die Leiterin des Dokumentationszentrums zur Hexenverfolgung in Franken und Zeil beschrieb Beweggründe: Der Zeiler Hexenturm sei immer auf der Suche nach Themen, die im Einklang mit dem Konzept des Zentrums stehen. Und "Hinschauen - Wegschauen. Gemeinsam gegen Rechtsextremismus" passe hervorragend. Toleranz und Akzeptanz statt Ausgrenzung und Hass.

Was gibt es zu sehen?

"Das rechte Propagandamaterial ist für mich Ausdruck der Menschenverachtung, der Intoleranz, der Dummheit, aber auch der Absurdität. Es wird von mir übermalt und verfremdet", schreibt der Künstler im Ausstellungsdossier. Und genau das bekommt der Betrachter zu sehen. Zum Beispiel in Form eines in der Luft hängenden Schiffes. Fast schon zynisch lautet der Titel des Objekts: "Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer". Es handelt sich um ein aus Holz, Metall, Plastik und Mullbinden gefertigtes Schiff, aus dem zahlreiche Kreuze ragen. Die ausdrucksstarke Skulptur wurde so im Raum platziert, dass sie einen bedrohlich wirkenden Schatten wirft und erst dadurch ihre volle Ausdruckskraft entfaltet.

Inhaltlich verweist sie auf die Flüchtlingsproblematik des letzten Jahres. "Es soll eine Mahnung sein, wie die Gesellschaft mit Problemen wie Flucht und Vertreibung umgeht", erläutert Rocznik. Sehenswert ist auch ein künstlerisch überarbeitetes Wahlplakat einer rechtsextremistischen Partei mit der Aufschrift "Gute Heimreise". Günter Rocznik fand es vor seiner Haustüre liegen und nutzte es, um sein Werk namens "Menschenverachtung" zu schaffen, bei dem die Farbe rot dominiert.

"Mein Vater hat viele Bilder der Ausstellung schon vor einigen Jahren entworfen", informiert Roczniks Tochter Eva Breunig. Jedoch befürchtete er, dass einige seiner Werke aufgrund des heiklen Themas falsch verstanden werden könnten und überarbeitete sie deshalb mehrmals.

Christus am Bahnhof

Das Lieblingswerk des Künstlers ist im wahrsten Sinne des Wortes die Nummer eins der Ausstellung: Das Bild "Christus am Bahnhof". Es liegt in der dritten Fassung vor. "Ich greife dieses Motiv immer wieder neu auf", erklärt der Maler. Das Exemplar ist bereits verkauft. Einige Besucherinnen rätselten, was das Bild mit dem Thema Rechtsextremismus zu tun habe.

Verschiedene Interpretationen seien nach Aussagen des Malers zulässig - und auch gewollt. Denn gerade die Mehrdeutigkeit der Werke rege zum Nachdenken an, wie es hieß. Das Kreuz wird von Rocznik hauptsächlich als Symbol jeglichen Leidens verwendet. Er löst es damit aus dem ursprünglich christlichen Rahmen und erweitert seine Bedeutung. "Das Kreuz stellt für mich die Fragilität des menschlichen Lebens dar", erklärt der Maler.

Die Inspiration für seine Arbeiten fand der Künstler auf seinen Reisen. Auf Bahnhöfen beispielsweise überbrückte er die Wartezeit auf den nächsten Zug häufig damit, Orte mit rechtsradikalen Vorkommnissen am Fahrkartenschalter einzugeben. Die Auskünfte druckt er aus und benutzt sie als Grundlage für seine Werke. Für den Betrachter sind die Städtenamen nicht mehr ersichtlich - und dennoch sind sie stets anwesend. Auf der Entdeckungsreise nach künstlerischem Material erlebt Rocznik viel, und diese Expedition ist - wie er schreibt - nicht zu Ende.