Ein langjähriger Leerstand gleich gegenüber vom Rathaus, das wurmt jede Kommune. In Untermerzbach ist solch einen "Schandfleck" jetzt verschwunden, denn am Samstag wurde die neue Bürgerwerkstatt am Marktplatz 7 eingeweiht. "Im Mittelpunkt der Gemeinde ist ein Funktionsgebäude für alle entstanden, zu dem jeder kommen und an dem jeder teilnehmen kann", sagte Bürgermeister Helmut Dietz (SPD) mit sichtlichem Stolz.
Lange war die seit den 70er Jahren leerstehende Brache einer ehemaligen Metzgerei der Verwaltung ein Dorn im Auge. Hoffnungen, der neue Eigentümer könne hier Wohnungen errichten, zerschlugen sich ebenso wie Überlegungen, hier eine Zahnarztpraxis einzurichten oder den neuen Dorfladen unterzubringen an den Kosten scheiterten.


"Ein Paradebeispiel"

Erst Überlegungen, das Rathaus mit Fördermitteln aus dem Städtebau zu sanieren, brachten 2014 den Stein ins Rollen. Dass das Rathaus wegen seiner Nicht-Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit nicht infrage kam, erwies sich als Glücksfall: Manfred Grüner, Sachgebietsleiter Städtebau bei der Regierung von Unterfranken, sah stattdessen das gegenüberliegende Anwesen als förderfähig an, als "Paradebeispiel für Innenentwicklung". Dietz: "Mit dem Vorzeigeprojekt konnten wir die Notwendigkeiten, die für unser Gemeindeleben anstanden, umsetzen und die Beseitigung von Leerständen anstoßen."
Mit der Aussage "Jeder Neubau auf der grünen Wiese ist ein Leerstand im Ort", plädierte Grüner für die Innenentwicklung. Der Gast aus Würzburg lobte die Anstrengungen Untermerzbachs und nannte den Dorfladen sowie den "gestalterisch schönen Ortskern". Nicht von ungefähr würden der Gemeinde in einer "Schrumpfregion" zumindest gleichbleibende Bevölkerungszahlen prognostiziert; die Bürger würden jedoch immer älter. "Der demografische Wandel darf nicht tabuisiert werden, man muss sich ihm stellen", riet Grüner. Erfolgreich werde die Gemeinde sein, der eine Aktivierung der Bürgerschaft gelinge. "Wenn nicht jetzt, wo der Bauwille da ist und die Fördertöpfe gefüllt sind, wann dann?", fragte der Leitende Baudirektor. Die Bürgerwerkstatt sei als Einzelvorhaben gefördert worden. "Hier sind Steuergelder sinnvoll eingesetzt", betonte Grüner.
930 000 Euro kostete das Großprojekt insgesamt. 60 Prozent der förderfähigen Kosten (rund 475.000 Euro) wurden durch die Bayerische Städtebauförderung beigesteuert. Für die Gemeinde verblieb ein Eigenanteil von rund 455 000 Euro. Gemeindeoberhaupt Helmut Dietz lobte seinen Gemeinderat: "Das Gremium hat sich bei all seinen Entscheidungen zu diesem Projekt der Innenentwicklung unseres Ortes wie immer mutig gezeigt, zum Wohle des Gemeinwesens."


Baukosten unterschritten

Durch die Reaktivierung des ortsbildprägenden Gebäudes gewinnt das gesamte Ensemble rund um das Rathaus. Die historische Straßenfassade mit Jugendstil-Elementen wurde dank Holzsprossenfenstern und Fenstersimsen wieder hergestellt. Freigelegt wurde der schöne Sandstein-Torbogen und auch innen, etwa als Wand in der Tourist-Info und im offenen Treppenhaus, sorgen Sandsteine aus dem Bestand für gestalterische Elemente.
Dietz lobte die Projektgemeinschaft aus Diplom-Ingenieur. Martin Burgsmüller (Seßlach) und Architekt Thomas Peetz (Coburg) für ihr "Händchen für Altbauten": "Sie haben ebenso Auge und Geschick für das Historische in Verbindung mit dem Modernen wie für Farbgebung." Auch das gewünschte Raumprogramm sei "zur vollen Zufriedenheit umgesetzt" worden.
"Grundidee war es, die alte Schönheit des straßenseitigen Hauptgebäudes wieder herauszuarbeiten und im Innenhof wie in den rückwärtigen Gebäuden mit modernen Materialien Interesse zu wecken", schilderte Burgsmüller. Erhalten blieben auch "die historischen Baustrukturen mit der fast vollständigen Grenzbebauung". Innen hätten sich leider "immer größere Schäden" offenbart, besonders im Holztragwerk von Dach und Decke. Trotz dadurch bedingter Mehrkosten freute sich der Bauingenieur mitteilen zu können, dass noch Mittel für Einrichtung und Ausstattung des Bürgerhauses übrigbleiben.
Dieses erstreckt sich über zwei Ebenen. Die eigentliche Bürgerwerkstatt befindet sich im Obergeschoss des Neubaus, der anstelle der baufälligen Scheune errichtet wurde. Auf dieser Multifunktionsfläche in einem hellen, schallgedämpften Raum sollen Bürger aller Altersstufen vielfältige kulturelle und soziale Angebote wahrnehmen.
"Die Entscheidung zum Abbruch und Neuaufbau des Nebengebäudes war die richtige und verschaffte uns ein herausragendes Raumklima", so der Bürgermeister.
80 Personen fasst der Raum. Nebenan kann - nach Voranmeldung im KOMM - die Waagensammlung des verstorbenen Lehrers Peter Ulrich mit ihren über 200 Exponaten besichtigt werden. Auch an die Wünsche der Ortsvereine wurde gedacht. Für sie wurden im Erdgeschoss Lagerflächen (unter anderem für die Weihnachtsmarktbuden) und ein Versammlungsraum mit angrenzender Teeküche geschaffen.
Ein dank großer Fensterfront heller Raum dient als Tourist-Info. Selbst ein mobiler Hotspot wurde eingerichtet. Das Archiv aller Gemeindeteile ist hier ebenfalls untergebracht. Die öffentlichen Räume des Bürgerhauses können Interessenten über das KOMM buchen. Erste Anfragen liegen laut Dietz bereits vor.


Treffpunkt für alle

"Alle sollen hier zusammenkommen, miteinander ihre Vereinsinteressen leben und diskutieren, sich kreativ betätigen, mit Kindern und Jugendlichen basteln oder mit Senioren sich bewegen oder im Verein oder in der Familie feiern", umriss der Bürgermeister die Funktionen. Gleichzeitig könnten sich hier sich alle treffen, "denen durch den Wegfall der Gastronomie in unserer Gemeinde keine Räumlichkeiten mehr zur Verfügung stehen". Damit auch wirklich jeder, der in der Gemeinde lebt oder sich hier aufhält, etwas von der "Werkstatt" hat, sind sowohl das Erd- als auch das Obergeschoss (mittels Treppenlifter) barrierefrei zugänglich. Im Hof befinden sich behindertengerechte Toiletten.
Altbürgermeister Walter Eichhorn zeigte sich angetan von dem Ergebnis. "Viele Bürger verbinden Kindheitserlebnisse mit der ehemaligen Metzgerei", freute sich Eichhorn über den Erhalt des Gebäudes. Rolf Ospel wird sich mit seinen Mitstreitern von "Bürger helfen Bürger" hier treffen. Der Bucher ist begeistert von der Akustik: "Selbst bei so vielen Leute kann man sich gut unterhalten."
Die Waagenausstellung möchte Grundschullehrerin Anja Schmidt demnächst mit Schülern besuchen. Sie begrüßt die Präsentation, die Kindern auch ein Gefühl für Gewichte vermittelt. "Was weiß die Jugend denn noch von einer alten Waage?", meint Ute Schulze, die sich ehrenamtlich um das Erbe Peter Ulrichs kümmert.
Der jetzt offene Hofbogen wird noch ein schmiedeeisernes Tor bekommen, das laut Peetz Einblicke in den Hof zulassen soll. Im Winter kann so der Zugang zur Bürgerwerkstatt geschlossen werden, meist soll sie aber für Besucher frei zugänglich sein. "Jetzt liegt es an den Bürgern mit allen Vereinen, dieses Haus mit Leben zu erfüllen und es kreativ zu nutzen", appellierte Dietz an die Gäste der Eröffnung.
Bildunterschriften:
Schlüsselübergabe
Bürgermeister Helmut Dietz konnte aus der Hand von Architekt Thomas Peetz und Ingenieur Martin Burgsmüller (von links) den Schlüssel für die Bürgerwerkstatt entgegennehmen. Dabei hatten alle Drei gut lachen: Trotz vieler Widrigkeiten und ungeahnter Makel des Gebäudes war die Projektgemeinschaft unter den kalkulierten Baukosten von 930.000 Euro geblieben.
Blick in Raum

Dietz mit "Tätern"
Hatten bei der Eröffnung gut lachen: Bürgermeister Helmut Dietz, Bauingenieur Martin Burgsmüller und Architekt Thomas Peetz (von rechts). Trotz vieler Widrigkeiten und ungeahnter Makel des Gebäudes war die Projektgemeinschaft unter den kalkulierten Baukosten von 930.000 Euro geblieben.

Reubel und von Aschen
Ortspfarrerin Sonja von Aschen und Michael Reubel (Kaltenbrunn, links) nahmen die Segnung des Gebäudes vor. Von Aschen freute sich darüber, "was Menschen hier mit Händen, Köpfen und Herzen" geschaffen haben. Nun müsse die Bürgerwerkstatt nur noch mit Leben gefüllt werden, meinte Reubel.

Grüner im Gespräch
Leitender Baudirektor Manfred Grüner (Mitte) hatte den Anstoß zu Ankauf und Sanierung des verfallenden Anwesens gegeben. Nun freute er sich gemeinsam mit seiner Frau Petra (links) über die positive Resonanz auf die neue Bürgerwerkstatt.
Grüner mit Kirchner und Eichhorn

Treppenlifter
Den Treppenlift, mit dem Menschen mit Einschränkungen oder Behinderungen barrierefrei den Versammlungsraum im Obergeschoss erreichen können, testete 2. Bürgermeister Siegfried Kirchner (links) gleich einmal aus.
Imbiss
Helle, angenehme Farben und interessante Lampen zeichnen die eigentliche Bürgerwerkstatt im Obergeschoss ebenso aus wie eine gute Akustik. Hier passen 60 bis 80 Personen rein.
Fassade

Ensemble mit Rathaus
Mit der Sanierung des Anwesens Marktplatz 7 und Umbau zur Bürgerwerkstatt ist mitten in Untermerzbach, gleich gegenüber des Rathauses, ein Schmuckstück entstanden. Am Samstag wurde der neue Treffpunkt eingeweiht. An der Fassade fallen der schöne, freigelegte Sandsteinboden und Jugendstilelemente ins Auge.
Karin Ulrich mit Schlumpf
Karin Ulrich, Witwe von Peter Ulrich, der die umfangreiche Waagensammlung zusammengestellt hatte, freute sich über die neue Heimat des Erbe ihres Mannes. Als Präsent hatte sie Bürgermeister Helmut Dietz den Waagenschlumpf von Ulrichs Schreibtisch mitgebracht.
Tourist-Info
Die einladende Tourist-Info in der neuen Bürgerwerkstatt ist frei zugänglich. Hier können sich Einheimische und Gäste mit Prospekten und Informationen versorgen. Eine Gelegenheit, die Gäste der Einweihung sogleich nutzten.
Foto: Bettina Knauth