Die verheerenden Luftangriffe auf deutsche Großstädte führten nach 1945 dazu, unter dem Eindruck der zerstörten Innenstädte von "Trümmerjahren" zu sprechen. Legendär wurden die "Trümmerfrauen", die die Ruinen abräumten und Ziegel für den Wiederaufbau zurechtklopften. Und Autoren wie Wolfgang Borchert und Heinrich Böll erfasste man mit ihren Werken unter "Trümmer-" oder auch "Kahlschlagliteratur". Die Nachkriegsjahre von 1945 bis zu den "Wirtschaftswunderjahren" in den späten fünfziger Jahren lassen sich für Forchheim und die Fränkische Schweiz nur schwer unter dieser Bezeichnung zusammenfassen.

Die Stadt hatte bis weit in die sechziger Jahre mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Außer Brücken waren hier keine weiteren Bauwerke zerstört worden. Dass trotzdem die Beschaffung von Wohnraum für zwei Jahrzehnte im Zentrum städtischer Politik stand, war durch den Zustrom von Flüchtlingen und die Zuweisung von Heimatvertriebenen bedingt.

17 Züge nach Forchheim

Innerhalb von zehn Jahren, von 1939 bis 1949, wuchs die Stadt um über 6000 Personen auf 17 029 Personen an. Der Zuwachs erfolgte aber nicht kontinuierlich, sondern entlud sich 1946 explosionsartig, als in 17 Transportzügen Forchheim von Januar bis November 5701 Personen zugewiesen wurden. Den 18. Zug konnte die Stadt dann nicht mehr verkraften, er wurde auf Ebermannstadt und Höchstadt umgeleitet.

Wo sollten die Menschen hin? 1600 von ihnen wurden provisorisch in sogenannten. "Massenlagern" untergebracht, im Waisenhaus und in der Klosterschule, in Baracken am Viktor-von-Scheffel-Platz und in der Weberei-Lehrlingswerkstatt; der Großteil aber in Privatquartieren, die in der Stadt und im Umland requiriert wurden.

Dass das nicht ohne Konflikte ablief, ist verständlich. In manchen Häusern mussten sich die Einheimischen mit den zugewiesenen Fremden Küche und Waschgelegenheiten teilen. Mehr noch als in der Stadt wurde das auf dem Land zum Problem. Ab den fünfziger Jahren aber zogen immer mehr Flüchtlinge vom Land weg in die Städte, sodass Forchheim immer weiter wuchs und bis 1963 die Wohnraumbewirtschaftung aufrechterhalten musste.

Nach Gründung der Bundesrepublik blieb das "Alliierte Kontrollratsgesetz Nr. 18" vom 8. März 1946 aus der Besatzungszeit in Kraft, das die Wohnraumbeschaffung regelte. In Forchheim überprüfte ab Oktober 1945 eine "Wohnungskommission" alle Gebäude auf "belegungsfähige Räume". Das Gesetz ermächtigte die Behörden, gegen den Willen des Eigentümers bedürftige Personen in sein Haus einzuweisen. 1949 teilte in Forchheim das Wohnungsamt insgesamt 2350 Wohnungen zu.

Bei der Behörde sprachen im Schnitt täglich zwischen 30 und 40 Personen vor. Dabei stand dem Amtsleiter nur ein Sachbearbeiter, zwei Prüfer oder Ermittler und eine Stenotypistin zur Verfügung. Die Vergabe der Wohnungen erfolgte nach Beratung im Wohnungsausschuss, der sich aus Mitgliedern der im Stadtrat vertretenen Parteien sowie des Hausbesitzer- und Mietervereins zusammensetzte.

Im Januar 1950 beklagte Landrat Karl Schönbach, dass seit einigen Monaten Wohnungszuteilungen nur noch im Wege der Zwangseinweisungen durchzuführen seien. Die Beamten des Wohnungsamtes seien am Ende ihrer Kräfte, sie seien ständig Drohungen ausgesetzt.

Nur mithilfe der Polizei konnte im Juni 1949 eine Wohnung in der Egloffsteiner Straße in Forchheim bezogen werden. Hier hatte der Hauseigentümer sogar Fußboden und Fenster herausgerissen und das Dach teilweise abgedeckt, nur um keine Flüchtlinge aufnehmen zu müssen. Der Zweite Bürgermeister der Stadt, Sebastian Meixner, in dessen Kompetenz das Sachgebiet lag, wollte schon nach drei Wochen im Oktober 1950 das Referat wieder abgeben, weil er - wie er sagte - "hier auf verlorenem Posten" stehe und ihm die "seelische Kraft" fehle, "gegen die erschütternde Notlage anzukämpfen".

Im Juni 1951 heißt es in einem Bericht über die Wohnungsnot in Forchheim, mussten "202 sogenannte Wohnungen als Elendsquartiere bezeichnet werden. Das sind gefährlich überbelegte Wohnungen mit allem Drum und Dran menschlichen Elends. Das Wohnungsamt kann jederzeit den Nachweis erbringen, daß mehr als 200 Familien mit drei bis neun Köpfen in einem einzigen Raum wohnen. Das sind ungefähr 1500 Menschen in Elendsquartieren. Sie wohnen, kochen, essen, waschen, schlafen, lieben und hassen in diesen Gefängniszellen."

Not an Lebensmitteln

Aber nicht nur die Unterbringung der Flüchtlinge machte Probleme. Not war auch an Lebensmitteln, Kleidung und Schuhen. Im Juni 1946 mussten nach einem Bericht von Fritz Hoffmann, dem Leiter des städtischen Wohlfahrtsamts, "1023 Personen" aus größter Not geholfen werden. Man habe zwar "aus den Beständen der Nazikleiderabgabe" 690 Familien versorgen können, "aber mit dem immer stärker werdenden Strom der Flüchtlinge und mit dem immer stärker werdenden Notzustand, in dem diese heimatlosen Menschen hier ankommen, steigert sich auch das Bedürfnis an Kleidung und Schuhwerk". Das sei aber Voraussetzung, um überhaupt Arbeit aufnehmen zu können.

Auf Antrag erteilte der "Staatskommissar für das Flüchtlingswesen" amtliche "Flüchtlingsausweise". In ihm wurden ausgezahlte Unterstützungen, zugeteilte Sachspenden und Bezugsscheine eingetragen, aber ebenso Vermerke des Gesundheitsamts über ansteckende Krankheiten. Heute dokumentieren die Einträge das, was alles fehlte, von der Unterhose über Hosenträger, vom Strohsack über den "Schmortopf" bis hin zum Ofen alles, was zum Überleben notwendig war.

Im September 1946 entlud sich nach einem Zeitungsbericht in einer "stürmischen Flüchtlingsversammlung" die Verbitterung über die existenzielle Notlage. "Wir Alteingesessenen", appellierte eingangs Bürgermeister Konrad Karnbaum, "dürfen nie vergessen, daß wir verpflichtet sind, die Not mit allen Deutschen gemeinsam zu tragen." Das aber war nach Meinung eines Teilnehmers ganz und gar nicht der Fall. Er kritisierte, man würde sie zwar als "Neubürger" ansprechen, "in Wirklichkeit aber ehrlos behandeln".

Mehrheitlich wurde seiner Resolution zugestimmt, in der es hieß, "weil wir alle Deutsche sind", müssten auch alle "gemeinsam die Lasten des Krieges tragen". Man würde jetzt nicht mehr bitten, sondern fordern: "Wir wollen, daß ein Existenzminimum für uns Flüchtlinge und ein Existenzmaximum für die Einheimischen festgesetzt wird. Wir fordern die entschädigungslose Enteignung aller Aktivisten." Letzteres entsprach der politischen Situation, wenn auch erheblich überzogen. Ab Mai 1946 wurden nämlich in den Gerichtsverfahren gegen die Beteiligten am Novemberpogrom von 1938 und bei der Entnazifizierung in den Spruchkammerverhandlungen nicht nur Freiheits- und Geldstrafen verhängt, sondern auch der Einzug von Vermögen verfügt. Die Forderung nach einem "Existenzmaximum für Einheimische" überging aber, dass auch sie bis 1950 nur mit Lebensmittelkarten und Bezugsscheinen einkaufen konnten. Allerdings verfügten sie im Gegensatz zu den Flüchtlingen über Sachwerte, die es manchem ermöglichten, sich am Schwarzmarkt zu versorgen. Und den zu kontrollieren, machte große Schwierigkeiten. Er verschwand erst nach der Währungsreform im Juni 1948, als die Läden von heute auf morgen wieder voll waren.

Gegen die politische Forderung nach Entschädigung durch Enteignungen setzte sich relativ früh die optimistische Einsicht durch, im Vertrauen auf die eigene Kraft wieder Fuß zu fassen. Am 19. Februar 1946 wurde in Forchheim das "Flüchtlingswerk" gegründet. Ziel war, aus "Unterstützungsempfängern" wieder Menschen zu machen, die sich aktiv um die "Wiedererringung einer Existenz" bemühten. Dazu wollte der Verein "alle die Unternehmen fördern, die Heimarbeit zu vergeben haben und überwiegend Flüchtlinge beschäftigen. Er wird diese Betriebe mit Rohstoffen versorgen, Sorge für den Absatz ihrer Erzeugnisse tragen und die Preisgestaltung überwachen".

Aus Wehrmachtsgut wurden "Strickarbeiten, Hocker, Tische und Hausgeräte" produziert, aus "Kartuschbeuteln" Taschen, aus Metallen der Nachrichtentruppen Bettgestelle und aus dem "Gehäuse von Flakentfernungsmessern Lampenständer". Anfang April zeigte im Rathaus eine Ausstellung Beispiele dieser Wiederverwertung. Nach einem Bericht in der Presse hatten Ende des Jahres 1946 "bereits über 4000 Neubürger auf diese Weise Arbeit und Brot erhalten".

Die Behebung der Wohnungsnot dagegen machte mehr Probleme. Erst nach der Währungsreform kam ab 1950 der soziale Wohnungsbau voran. Träger waren vor allem die bereits 1921 und 1927 gegründeten Wohnungsbaugenossenschaften: die "Gemeinnützige Wohnungsbaugenossenschaft" (Gewog) und der "Verein für gemeinnütziges Wohnungswesen" (ehemals "Siedlungsverein") sowie kirchliche Wohnungsunternehmen wie die katholische Joseph-Stiftung oder das Evangelische Siedlungswerk. Der soziale Wohnungsbau war CSU und SPD so wichtig, das sie 1956 für die Stadtratswahl eine Listenverbindung eingingen und in ihr Bündnis auch die Gruppierung "Heimatvertriebene und Sowjetzonenflüchtlinge" einschlossen.

Sie beendeten damit die zwei Jahre zuvor entstandene Auseinandersetzung über die Frage, was vorrangig zu bauen sei: 40 Einzimmerwohnungen, wie mehrheitlich der Bauausschuss beschlossen hatte, oder 28 Zwei- und Dreizimmerwohnungen, wie es Oberbürgermeister Steinmetz und sein Kämmerer befürworteten. Möglich wurden die Bauvorhaben nur durch die gemeinsame Finanzierung von Staat, Stadt und gemeinnützigen Bauträgern.

Im Forchheimer Norden entstand von der Bammersdorfer Straße bis hin zur Bamberger und der Bügstraße ein neuer Stadtteil, der wie kein anderer den Neuaufbau der fünfziger und sechziger Jahre dokumentiert. Als kennzeichnend für dieses Quartier könnte das Sgraffit von Michael Biebl auf der Fassade des Hauses an der Einmündung der Kant- in die Bammersdorfer Straße stehen: Es zeigt ein Ehepaar, sie mit Baby im Arm, er mit Rucksack, das gebeugt auf der Flucht ins Ungewisse geht und dazu die Aufschrift "Gemeinnützige Tat schuf neue Heimat".

Alte und neue Heimat

Die Eingliederung von Millionen Heimatvertriebener gelang in der Bundesrepublik. Ende 1946 hatte Landrat Schoenbach vor einer Versammlung von Flüchtlingsvertretern noch gemeint, dass das "Problem nur durch Rückführung der Neubürger in die alte Heimat oder Auswanderung" gelöst werden könne. Zu dieser Zeit sehnten sich noch viele Flüchtlinge zurück in ihre "alte Heimat".

Um ihre kulturelle Identität, aber auch ihre Interessen zu wahren, schlossen sie sich landsmannschaftlich in Vertriebenenorganisationen zusammen. Die größte von ihnen, die Sudetendeutsche Landsmannschaft, forderte über Jahrzehnte die Durchsetzung des "Rechtsanspruchs auf die Heimat" und auch "deren Wiedergewinnung". Auf der Internetseite der Landesgruppe Bayern findet sich in deren Satzung noch immer diese Formulierung, aber nicht mehr in der Grundsatzerklärung der Bundesversammlung.

Die Stadt Forchheim darf für sich in Anspruch nehmen, rechtzeitig die Weichen gestellt zu haben sowohl für Integration der Vertriebenen als auch die Aussöhnung mit denen, die heute in deren Heimat leben. Beispielhaft lässt sich das an den "Braunauern" zeigen, von denen viele 1946 aus Böhmen ohne Hab und Gut hier ankamen. Schon 1952 übernahm die Stadt die Patenschaft für die "Braunauer Heimatgruppe", ermöglichte ihr 1959 die Einrichtung eines Museums und begründete 1995 eine Städtepartnerschaft mit Broumov, die 2001 offiziell abgeschlossen wurde. Aktuell beschäftigen sich jetzt auch junge Tschechen mit der deutschen Vorgeschichte. Für den Frieden in Europa kann das nur gut sein.