"Wie a Gummibombom"

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Rettl Motschenbacher
Rettl Motschenbacher

Rettl Motschenbacher erinnert sich ans Zeltlager von Sohn Uli.

S chon lange hatte mein jüngerer Sohn Uli darauf gewartet, es seinem älteren Bruder gleichzutun und ein Zeltlager mitzumachen. Was hatte er nicht alles von Freunden darüber gehört! Jetzt endlich, als frisch gebackener neunjähriger Ministrant durfte er als Jüngster für acht Tage mit in den Frankenwald.

Der Zeltplatz lag auf einer Waldwiese in der Nähe einer Baumschule. Der Besitzer hatte sich bereiterklärt, den Ober-Pfarr-Ministranten die Lichtung zu überlassen. Als Gegenleistung sollten sie in der Baumschule Unkraut jäten.

Der Robert brachte es fertig, gleich beim ersten Mal zehn junge Bäumchen mit herauszuziehen, weil er sie für Unkraut hielt. Darauf wurde ihm das "Privileg" des Jätens ein für allemal entzogen. Hot ers välleicht drauf oogälecht?

Gleich am zweiten Tag erhielten wir einen Anruf, dass man die Marmelade vergessen hatte. Das war damals in den 1960er Jahren ein Hauptnahrungsmittel im Zeltlager: Marmeladenbrote zu jeder Tageszeit, Grießbrei mit Marmelade usw. Also packte ich einen großen Korb voll mit Erdbeer-, Pfirsich- und Zwetschgenmarmelade, die allerdings - ich geb's ja zu! - noch vom Jahr vorher stammte und schon ein bisschen eingetrocknet war. Dann luden wir die beiden Omas zu einer Tagesfahrt in den Frankenwald ein und fuhren los. Mühsam fragten wir uns zum Lager durch und hatten es kaum betreten, als schon unser Sohn vor uns stand und mit finsterer Miene fragte: "Wos wolltn ihä do? Heut is fei ka Elternbesuchdooch!" Unser Kommen war ihm scheinbar arg peinlich.

"Miä wolltn doch bloß die Marmälad bringa", sagte ich entschuldigend, "und wolln übähaupt net störn. Miä fohrn gleich weitä!" "Och so!" "Välleicht konnst den Korb ausleern und gleich widdä bringa!"

Danach suchten wir schleunigst das Weite. Die beiden Omas wunderten sich über ihren Enkel: "Ja, wos hotä denn? Er is doch sunst net so!" Viel später erzählte uns der Uli, dass er die ganze Woche unter schrecklichem Heimweh gelitten habe und am liebsten mit uns heimgefahren wäre - aber das sollte auf keinen Fall jemand merken!

Nach dem Zeltlager äußerten sich übrigens alle Ministranten begeistert über die Marmelade - mit einem Lob, das für eine Hausfrau eher vernichtend war: "Wal unsä Süßichkeitn vo däham so schnell gessn worn, hommä immä a Bätzla vo dera Marmälad gänumma und drauf rumgekaut. Des woä fast wie a Gummibombom!"

Es war damals üblich, dass ein Alumnus, der aus der Pfarrei stammte, das Zeltlager leitete. Die großen Ministranten hatten ihre eigenen Vorstellungen vom Lagerleben, und so schloss sich der Uli in seinem Heimweh an den diesjährigen Priesteramtskandidaten Winfried an.

Der war sich für keine Arbeit zu schade, aber merkwürdig: Immer wenn er Hilfe brauchte, war "zufällig" von den Großen niemand da. Entweder sie mussten dringend auf den "Donnerbalken" oder sie waren weit weg zum Holzsammeln. Und dann gab es ja noch das Alibi "Baumschule".

Nur der Kleine war in der Nähe, und es lief jeden Tag gleich ab. Winfried spornte ihn an: "Uli, wir müssen Brote schmieren!" "Bitte, trockne ab!""Uli, heut haben wir viele Kartoffeln zu schälen!" Uli schälte und schälte, zum Trost schnitzte er Männla aus den Kartoffeln, die er selber essen wollte.

Doch irgendwann war auch diese Woche zu Ende. Uli saß schmutzig, aber glücklich zu Hause in der Badewanne, und die Mutter schrubbte seinen Rücken. "Du, Mamma", fragte er, "wenn dä Winfried gäweiht is, geht eä donn wirklich zu die Nechä nooch Afrika?" "Ja, nadürlich." "Zu die Heidn?" "No freilich.""Und do bleibtä donn füä immä?"

"Ja, ich denk scho!" Da seufzt der Uli tief: "Och Gott, die arma Heidn."