Um "Sucht im Alter" ging es in der gestrigen Sitzung des Suchtarbeitskreises Kulmbach im Landratsamts. Fachkundiger Referent war Michael Schüler, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Bezirkskrankenhauses Bayreuth.
"Ganz offensichtlich ist das Alter immer noch etwas, was wir gerne vor uns herschieben und viel eher an anderen beobachten, für uns selbst aber erst mal noch nicht wünschen. Alt sind immer die anderen, niemals wir selbst", sagte Schüler. Ähnlich sei die Denkweise vieler suchtkranker Menschen: "So schlimm ist das mit mir doch gar nicht, die anderen trinken genauso, wahrscheinlich noch viel mehr." Das Älterwerden werde häufig mit Verlust, Defizit, Regression, Leid und Schmerz gleichgesetzt.
Auf seine Art habe das auch der verstorbene Kabarettist Dieter Hildebrandt festgestellt, als er sagte: "Im Prinzip ist das Altwerden bei uns erlaubt, aber es wird nicht gern gesehen." Diese negative Besetzung fand nach den Worten des Referenten sogar Eingang in Lehrbücher der Altersmedizin.
Michael Schüler stellte fest, dass sich Sucht schleichend entwickelt und der Übergang von chronischem Missbrauch zur Abhängigkeit fließend ist. Der Beginn sei kaum festzumachen ist. Es wäre deshalb von Vorteil, wenn man für den Beginn des Alters eine feste Grenze wüsste: "Aber wann beginnt denn das Alter? Mit den ersten grauen Haaren? Wenn die Kinder das Haus verlassen? Wenn die ersten Zipperlein beginnen oder gar dann, wenn mir zum ersten Mal ein Jüngerer im Bus den Platz anbietet?"


Diagnose schwierig

Die Diagnose von Suchtkrankheiten im höheren Lebensalter gilt laut Mediziner als schwierig. Werde bei jüngeren Patienten vom Hausarzt in etwa 60 Prozent der Fälle eine Alkoholabhängigkeit richtig erkannt, so sind dies bei älteren Patienten gerade einmal 37 Prozent. Im Allgemeinkrankenhaus sei eine richtige Diagnose noch seltener.
Klar sei aber auch, dass mit zunehmendem Alter generell eine Abnahme des Alkoholkonsums beobachtet wird. So konsumieren 84 Prozent der 20- bis 40-jährigen Männer, aber nur 45 Prozent der über 60-Jährigen regelmäßig Alkohol. Regelmäßigen Missbrauch treiben etwa acht Prozent der 60- bis 70-Jährigen, aber nur drei Prozent der über 80 Jährigen. Damit werde deutlich, dass im Alter eine signifikant negativere Einstellung zum Alkoholkonsum vorliegt. So gelten 63 Prozent der über 75-Jährigen als völlig abstinent.
Zur Suchtprävention im Alter stellte Michael Schüler abschließend fest: "Wir müssen weg von der ausgesprochen negativen Besetzung eines Lebensabschnittes, auf den wir alle zusteuern. Durch Aktivierung müssen wir versuchen, Verdüsterungen zu beseitigen und alten Menschen das Gefühl zu geben, ihr Leben sei lebenswert, gerade auch durch die Befriedigung sozialer Bedürfnisse." Und: "Wertschätzung zu erleben und sich selbstsicherer zu fühlen, sind protektive Faktoren gegen Suchtentwicklung im Alter."


Seminar "Schulterschluss"

Im Anschluss berichtete Jugendamtsleiter Klaus Schröder über das Kooperationsseminar "Schulterschluss", das die Kinder- und Jugendhilfe in suchtbelasteten Familien aufzeigt.
Hans Buchmeier, zugleich Sprecher des Suchtarbeitskreises, dankte Dieter Weiss für seine engagierte Arbeit als Leiter des Gremiums. Er überreichte eine kleine Aufmerksamkeit.
Weiss, der für den Herbst eine Sondersitzung aus Anlass des 30-jährigen Bestehens des Suchtarbeitskreises angekündigte, hatte seine letzte Sitzung mit einem Kopstand eröffnet.