V or nicht allzu langer Zeit begegnete ich am Reundorfer See einem alten Bekannten. Als Kinder waren wir nicht besonders dicke miteinander, aber wenn sich nur genügend Zeit zwischen die Kindheit und Jetzt legt, kann sich das in Herzlichkeit verkehren, einfach darum, weil man sich als zwei Seiten einer gemeinsamen Vergangenheit erkennt, oder das Gegensätzliche dieser beiden Seiten vergessen hat.

Und dann kommt man über ein freundliches Hallo ins Gespräch und bleibt beim Du. So also ging es René und mir und wir kamen dort miteinander ins Gespräch, wo der See voraus und Kloster Banz im Rücken liegt: am Fußweg entlang des Ufers. Dort also stand René auf den See blickend, während ich mit dem Fahrrad von Bad Staffelstein kommend den Weg entlang des Ufers befuhr. Wir grüßten einander und die darin erlebte unerwartete Freundlichkeit ließ mich anhalten und absteigen. "Mensch, wie geht es dir und was machst du denn so?", fragte ich René und bekam zur Antwort, dass er nach dem Abitur Werbetexter geworden war und im Nürnbergischen lebt. Nun aber sei er wieder hier, wenn auch nur für ein paar Wochen und so zwischendurch. "Aha, ja enorm", sagte ich, eine lapidare Bemerkung von Gerhard Polt zu uns entführend. Das Private streiften wir nur kurz, das Finanzielle gar nicht, blieb also noch das Berufliche. Jetzt sagte mir René, dass er derzeit an einem Werbetext für eine Möbelfirma arbeitet.

Im Grunde ist er mit der Arbeit fertig, aber sein Auftraggeber sieht das anders. Als René ihm die ersten Textentwürfe für die Webseite und die neuen Broschüren vorlegte, habe der Auftraggeber ziemlich stutzig geschaut und um eine Rücksprache gebeten. Die geschah dann auch und der Auftraggeber rief René noch einmal eindringlich ins Gewissen, was der Text dem Leser über seine Möbel aussagen soll.

René schilderte mir das so: "Also, wir haben das ja besprochen, der Text soll mehr so in Richtung Aaaaah gehen, so den gewissen Pfiff haben und so ein Hmmhmmhmm mitteilen." Dabei ahmte René seinen Auftraggeber nach, indem er lächelte, den Arm halbhoch hob und die Fingerspitzen so aneinander rieb, als wollte er die Beschaffenheit eines Tuches prüfen.

Er war so ganz das Bild eines Mannes, der zwar seiner Sprache nicht mächtig war, aber eine Vorstellung von ihrer Auswirkung besaß. Sie sollte "mehr Aha haben und weniger so dieses ... hm, naja, Sie wissen schon, also zwar informativ sein, aber mehr so stimmungsvoll." Als René ihm einen seiner Meinung nach entsprechenden Text vorlegte, habe der Auftraggeber diesen durchgelesen, wurde dann aber bald stutzig. "Nö, das ist nicht das, was ich wollte. Wissen Sie, ich möchte den Text eher so in Richtung Klarheit, aber nicht zu sehr, der Text soll sofort fesseln, aber auch sachlich bleiben."

Dabei ahmte René seinen Auftraggeber nach, indem er eine gewichtige Miene aufsetzte, die Hand hob und die Fingerspitzen schnell aneinander rieb. So formulierte René wieder um, das von seinem Auftraggeber Gesagte beherzigend. Eine Woche später legte er das Ergebnis vor. Nun war der Auftraggeber erzürnt. "Ich habe Ihnen doch gesagt, was ich mir vorstelle. Ich möchte, dass Sie mehr dieses Aaaaaah herausarbeiten, bzw. mehr so ein Hui, wir haben ja schließlich ein gutes Produkt. Klar soll auch das ein oder andere Technische dazu erwähnt werden, aber im Grunde geht es doch um diese ganz besondere ...ganz besondere ...drücke ich mich denn so undeutlich aus? Ich möchte eine Kombination aus Informationen zur Technik und Augenzwinkern, aber mit atmosphärischer Dichte und durchstrahlt von Begeisterung - aber dezent. Mann, Mann, Mann, ist denn das so schwer?"

René und ich mussten über diese Angelegenheit lachen. Im Übrigen fehlten uns die Worte.