Die Osterbotschaft könne dazu beitragen, "mit neuem Vertrauen in die Zukunft zu schauen. Ermutigung sei in diesen Tagen besonders wichtig", betonte im Jahre 2017 der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche und Bayerische Landesbischof Heinrich Bedford - Strohm. Dieses Jahr haben diese Worte eine neue Aktualität und Qualität.

Wir erleben, dass die Zahl der Infizierten aktuell wieder steigt, ebenso die Zahl der Toten. Die Betroffenen werden immer jünger.

Auf der anderen Seite nehmen die Ladenleerstände in den Städten zu, ebenso Insolvenzen. Mitarbeiter(Innen) müssen in Kurzarbeit, schlimmstenfalls verlieren sie ihren Arbeitsplatz. Künstler(innen) versuchen sich einigermaßen über Wasser zu halten.

Gastronomen und Geschäftsinhaber überlegen, ob sie nach dem Ende (?) der Pandemie überhaupt wieder öffnen, weil die Reserven aufgebraucht sind. Fast jedes dritte Kind zeigt einer Analyse zufolge ein knappes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland psychische Auffälligkeiten.

Soziale Kontakte, und wenn es nur der Stammtisch ist, gehen verloren. Besuchseinschränkungen in Alten- und Pflegeheimen wegen Corona führen zudem zu Vereinsamung. Ärzte, Pflegepersonal in Kliniken und in der ganzen Pflegelandschaft und viele andere robben auf dem Zahnfleisch.

Die Unzufriedenheit, Ermüdungen und die Verzweiflung wächst, nicht nur, weil dauerhaft Einschränkungen hingenommen werden müssen. Soziale Auffälligkeiten treten auf, es häufen sich Streitigkeiten, Trunkenheit, nervliche Zusammenbrüche, Unfälle. Die Disziplin sinkt. Manch(e)r stirbt einen anderen Tod als durch Corona.

Befeuert wird die Wut durch kriminelle Handlungen wie die Raffgier der Nüssleins, Sauters, Hauptmanns und anderen. Das sind Dolchstöße für die Demokratie. Wie erklärt man den vielen Menschen, die finanzielle Einbußen haben, wenn sich einige wenige mit 6stelligen Beträgen die Taschen vollmachen.

Vor diesen Extremen stehen die politisch Verantwortlichen als Entscheidungsträger. Sie versuchen, Maßnahmen zu ergreifen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen, die Folgen des Virus einzudämmen und die Anzahl der Toten zu reduzierten

Kaum sind aber nach Marathonsitzungen Entscheidungen getroffen, kommt es auf dem Fuße, manchmal schon vorher, zu massiver Kritik. Je nach Interessenlage weiß man alles besser. Differenziertes Vorgehen, mehr Transparenz, Flexibilität lauten die sicher gutgemeinten Vorschläge. So geht es jetzt den Entscheidungsträgern, sie befinden sich zwischen Baum und Borke. Wie schon Friedrich Rückert sagte: "Am Abend wird man klug für den vergangenen Tag, aber nicht klug genug, für den der kommen mag".

Lothar Wieler (Robert-Koch-Institut) warnt vor einer Eskalation der Lage. Schärfere Maßnahmen werden im ganzen Land gefordert, während die Verbände (Lehrer, Sport, Wirtschaft, Kultur, Einzelhandel, Dehoga und andere) - aus ihrer Sicht verständlich - nach Lockerungen rufen.

Was ist, wenn in den Wochen nach den Feiertagen - was nicht unwahrscheinlich sein wird - die Zahlen der Infizierten und Toten weiter steigen? Wenn sich herausstellt, dass die Osterruhe doch besser gewesen wäre?

Dann werden die Entschuldigungen wohl in eine andere Richtung gehen. Wer weiß, was ist richtig und was ist falsch? All das prasselt auf die Entscheidungsträger nieder, wohl wissend, dass es sicherlich Fehler gegeben hat und noch geben wird. Trotzdem, wer kann von sich aus behaupten, dass er/sie alles richtigmachen würden oder bis jetzt alles richtiggemacht haben.

Der Appell des Verfassers, der weit davon entfernt ist nun weise Ratschläge zu geben zu müssen, ist folgender: Lassen wir trotz allem Unmut, Ärger, Wut bis hin zur Verzweiflung Fairness und Respekt gegenüber den geprüften Entscheidungsträgern walten und fangen nicht an zu richten.

Für die Hoffnung in der Krise gibt es einen vorsichtigen Hinweis: Bei Hochaltrigen gehe die Zahl neuer Todesfälle zurück, erläuterte die Professorin für Epidemiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München Eva Grill. "Das deutet darauf hin, dass es zunehmend gelingt, die besonders verwundbaren Gruppen durch Impfung zu schützen".

Das ist doch eine hoffnungsvolle Entwicklung, die sich, so Impfstoff zur Verfügung steht, auch auf andere Alterskohorten auswirken wird. Schauen wir Ostern also hoffnungsvoll nach vorn. Dietrich Bonhoeffer, dem auch in schweren Stunden die tröstenden Worte nicht ausgingen, hat in dunklen Zeiten gesagt. "Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln"

Warum? Weil Ostern Hoffnung macht!

Norbert Tessmer war Oberbürgermeister der Stadt Coburg (2014 - 2020), ist Vorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion Coburg,

Vorsitzender der Coburger Landesstiftung und stellvertretender Vorsitzender des ASB-Landesverbandes Bayern.