Ekkehard Roepert

Forchheim — Vor neun Monaten entdeckten Bauforscher Lindan und PCP-Rückstände im Rathaus. Dass Oberbürgermeister Uwe Kirschstein (SPD) die Öffentlichkeit erst vergangene Woche darüber informierte, sorgt für anhaltenden Ärger unter den Stadträten. Immer mehr Fragen zur Vorgehensweise bei der Sanierung des historischen Gebäudes werden laut.
FW-Stadtrat Manfred Hümmer spricht von einem "Vertrauensbruch", weil es das Wissen um Schadstoffe schon seit August 2016 gebe: Der Stadtrat sei systematisch nicht informiert worden. Vor allem auch nicht darüber, warum die Planungen seit Dezember 2016 gestoppt wurden. Hümmer befürchtet, der Stadt könnte finanzieller Schaden entstanden sein, weil Fördermittel abrufbar gewesen wären, die nun in andere bayerische Sanierungsprojekte flössen.
Dass so viele Räte so viele kritische Fragen stellen, hängt auch mit einem offenen Brief von Restaurator Peter Turek zusammen. Wie berichtet, hat Turek seine Zusammenarbeit mit der Stadt bereits im Februar aufgekündigt. Ende der vergangenen Woche schickte er dem Stadträten eine Chronologie der Ereignisse aus seiner Sicht.


Ergebnisse seit Juni

Wie Turek gestern erläuterte, sei die Schadstoff-Untersuchung im Rathaus eine "Standardübung" gewesen. Neben Lindan und PCP seien noch andere Schadstoffe (etwa Glaswolldämmung) gefunden worden. "Daher bin ich a bissl erstaunt, dass man jetzt in die Öffentlichkeit geht und so tut, als stünden wir vor einem großen Problem", wundert sich Turek.
Der Schadstoff-Bericht liege seit Juni 2016 vor. "Daher wurde der Dachraum isoliert." Schon beim Tag des offenen Denkmals hätten Besucher gefragt, warum sie nicht den Dachstuhl sehen können, erinnert sich der Restaurator. Und schon damals habe die Begründung gelautet: Wegen der Belastung mit Stäuben.
Peter Turek meint, der verspätete "Giftalarm" lenke vom Eigentlichen ab. Nämlich davon, dass das Planerteam am 16. Dezember aufgefordert worden sei, die Arbeiten für sechs Wochen einzustellen. Als sich acht Wochen später noch immer nichts bewegte, habe er OB Kirschstein am 6. Februar vorgeschlagen, "mit den Stadträten zu diskutieren, doch das ist nicht angenommen worden", erinnert sich Turek: "Wir saßen zweieinhalb Stunden beim Oberbürgermeister. Dann kam der Kommentar, das Projekt bleibt auf Stopp." An diesem Punkt sei er "ausgestiegen", erzählt der Restaurator: "Schließlich lebe ich in der Stadt und möchte mich hier noch sehen lassen. An so einem nebulösen Verfahren wollte ich nicht weiter beteiligt werden. Das ist alles andere als transparent."


Sondersitzung gefordert

Turek hat den Eindruck, dass OB Kirschstein "Nutzungsfragen über den Denkmalschutz stellt" und dabei Zeit verliere. "Ich sagte dem OB auch, in anderen Städten läuft das flotter." Der Architekt hätte sich in diesem Zusammenhang ebenfalls "mahnend" geäußert.
Die Stadträte Manfred Hümmer (FW), Udo Schönfelder (CSU), Heinz Endres (FBF) Sebastian Körber (FDP) und Ulrich Schürr (JB) haben mittlerweile eine Sondersitzung des Stadtrates beantragt: Sie wollen Klarheit über den Ist-Zustand der Bausubstanz, über das "Gefährdungspotential" und über die Sanierungskosten.
Annette Prechtel (FGL) drängt ebenfalls auf diese Sitzung und hat dem OB vorab einen Fragenkatalog geschickt. Unter anderem will sie wissen, wer nun für die Kontrolle und die Aufsicht des leer stehenden Rathauses zuständig sei? Wie waren die beiden Wasserschäden überhaupt möglich? Welche Maßnahmen wurden ergriffen, um die PCP-/Lindan-Belastung im Dachstuhl des Magistratsbaus bei der Sanierung des Wasserschadens nicht zu aktivieren?
Wesentlich sei jetzt, dass der Stadt "keine Fördergelder flöten gehen", betonte Prechtel gestern. Sie ist der Auffassung, dass die Schadstoffe im Rathaus die Planungen nicht hätten unterbrechen dürfen.
Auch Udo Schönfelder drängt darauf, "die vielen Widersprüche aufzudecken". Es gebe "viele relevante Schriftstücke, die dem Rat vorenthalten wurden". Schönfelder wirft dem OB vor, die Stadträte "mit Sachverhalten nachrangiger Bedeutung zu bespaßen" und die wichtigen Themen zu verschweigen: "Der Frust darüber steigt und mit Transparenz hat es gar nix zu tun."


Thema im Planungsausschuss

OB Kirschstein rückt dagegen beharrlich die Nutzungsfrage in den Vordergrund. Durch verfrühte Förderanträge würden "Tatsachen geschaffen", über die der Stadtrat noch nicht entschieden habe. Am 4. April im Planungsausschuss werde das Rathaus auf der Tagesordnung stehen, sagte gestern die städtische Pressesprecherin Britta Kaiser. Gleichzeitig betont Heinz Endres (FBF), dass kein Weg an einer Sondersitzung des Stadtrates vorbeiführe. "Alle, die bisher am Projekt beteiligt waren, müssen gehört werden. Wir müssen auch die Turek-Geschichte aufarbeiten und uns fragen: Warum geht nix voran?"