Durch ihr Geschnatter sollen Gänse den Heiligen Martin verraten haben, als er sich vor seinem Amt als Bischof "drücken" wollte, so die Überlieferung. Sollte dies der Grund dafür sein, dass es ihnen besonders um Martini an den Kragen geht? Bereits der Herzogenauracher Pfarrer Johannes Wydhössel (im Amt 1503 - 1532) führt in seinem Pfarrbuch an, dass an Martini beim Mahl im Pfarrhaus die herkömmliche Martinsgans (auca Martiniana) gereicht werden solle.

Tatsache ist jedoch, dass die Gänse im November am fettesten sind und sich daher quasi von selbst als Braten empfehlen. Auch in Herzogenaurach war das Federvieh im November wichtig, ein Spruch besagt: "Ein Narr, der im Novembermond das Lebenslicht der Gans verschont!" Außerdem erhielten am 11. November Lehrer und Pfarrer, aber auch weltliche und geistliche Grundherren ihre Martinsgänse als Abgabe. Denn dieser Tag war ein wichtiger Zins- und Steuertermin.

Die Gans ist ein Schwimmvogel mit gewölbtem Schnabel, harten Zähnchen und einem Hornnagel an der Schnabelspitze sowie einem langen Hals. Sie ernährt sich überwiegend von Blättern und Gräsern. Die Hausgans ist von gedrungener Gestalt, anspruchslos, schwerfällig und nur wenig flugbegabt. Das Männchen wird als Gänserich oder Ganter bezeichnet, das Weibchen als Gans. Diese legt jährlich bis zu 50 Eier, kann aber höchstens 15 bebrüten.

Das Fleisch und das gelblich-weiße Gefiederfett waren früher besonders geschätzt. Durch Mästen können vier bis fünf Kilogramm schwere Frühmastgänse erzielt werden. Eine Gans kann außerdem jährlich bis zu 150 Gramm Daunen und 300 Gramm Deckfedern bei zweimaligem Rupfen liefern. Die Schwungfedern wurden früher als Schreibfedern genützt. Der "Flederwisch" diente zum Beispiel zum Ofenrohrausputzen. Die Haltung der Gänse erfolgte besonders in wasserreichen Gegenden, am Dorfteich und auf abgeernteten Feldern.

Alte Herzogenauracher erinnern sich noch an die Haltung von Gänsen in Herzogenaurach in den 1920er Jahren. Viele Familien hielten sich zwei Gänse und einen Ganter. Die Gänse legten gewöhnlich ab Sebastiani (20. Januar) jeden zweiten Tag ein Ei. Die Anzahl der gelegten Eier konnte je nach Veranlagung von fünf bis zu 30 Stück reichen. Wenn die Gans "ausgelegt" hatte, "hockte sie sich". Zum Brüten wurden üblicherweise 12 bis 13 Eier untergelegt. Die Brutdauer betrug durchschnittlich 30 Tage.

Da die Gänseküken zeitlich versetzt schlüpften, wurden sie in der Küche getrennt von der noch brütenden Gänsemutter warm gehalten. Meistens geschah dies in einer Kiste unter dem Herd. Es musste warm sein, sonst wurden diese "krämpfert" (= kältestarr), denn "des Ziefer brauchd a Wärm". Wenn alle ausgeschlüpft waren, wurden die Gänseküken wieder mit der Mutter zusammengeführt. Als erste Nahrung erhielten sie gehackte Brennnessel sowie gekochte und gehackte Hühnereier. Wenn die Jungen selbstständig Gras fressen konnten, wurden die jungen von den alten Gänsen getrennt.

Dies war wichtig, denn erst wenn die Jungen selbstständig waren, gingen die Alten mit dem Gänsehirten mit. In Herzogenaurach war es so geregelt, dass die alten Tiere vom Gänsehirten, die Jungvögel dagegen von den Kindern in der eigenen Familie gehütet wurden.

Zehn Pfennige pro Woche

Es existierte die Vorschrift, dass die Gänse nur durch den städtischen Gänsehirten gehütet werden durften. Dadurch sollte vor allem verhindert werden, dass das Federvieh unkontrolliert durch die Äcker streifte. Denn auch die Hüteplätze waren vorgegeben. Die alten Gänse wurden von Gänsehirt Georg Zollhöfer, dem "Baggers'n Gerch", in der Stadt zusammengetrieben und bis 17 Uhr gehütet. Der "Gänswoosn" lag dort, wo sich heute die Häuserblöcke an der Nutzung befinden. Später wurde dort auch zeitweise der Dreschplatz eingerichtet.

Am "Gänswoosn" waren zwischen Pflocken Seile gespannt, damit die Gänse sich nicht verliefen. Sie gründelten und ästen dort herum. Das Hüten kostete die Besitzer in den Jahren nach der Inflation zehn Pfennige in der Woche. Um 17 Uhr durften sie wieder heim, wo das Fressen auf sie wartete. Bereits davor taten sie durch Auffliegen ihrem Drang nach dem heimischen Stall kund. Wenn sie freigelassen wurden, stürmten sie zuerst auf den Wiwaweiher zu, um sich im Wasser zu erfrischen. Der Heimweg führte sie dann anschließend durch die Adlerstraße. Diese besaß lediglich links und rechts Wasserablaufrinnen, die Straße war nicht befestigt, beim Durchmarsch der Gänse staubte es daher gewaltig, da sie ja auch mit den Flügeln schlugen.

Gänse finden alleine ihren Stall

Auf dem Weg durch die Stadt fand jede Gans ihren Bestimmungsort selber, klinkte sich aus der Herde aus und ging in ihren Stall. Der "Baggers'n Gerch" hatte stets eine Umhängetasche bei sich, in der er abgeworfene Federn einsammelte. Diese wurden für die Füllung von Federbetten "gschlosst", d. h. die fiederartigen Äste wurden vom Federkiel abgelöst. Bei diesen aufgesammelten Federn handelte es sich aber nicht um die erste Qualität. Eine bessere war durch das Rupfen der Gänse zu erzielen.

Das Hüten der jungen Gänse war eine Aufgabe der Kinder, die sich mit diesen bei den ersten Nutzungsweihern aufhielten. Die Kinder vertrieben sich die Zeit mit den verschiedensten Spielen. Daher konnte es durchaus vorkommen, dass die Gänslein in Vergessenheit gerieten. Beim Heimgehen schlossen sich diese dann automatisch den alten Gänsen an und trotteten mit, kamen aber nie an ihrem Bestimmungsort an. Meist wussten sie dann in der Stadt nicht mehr weiter und konnten dann wieder aufgelesen werden.

In den Ferien trieben die Kinder ihre jungen Gänse sogar bis an die Nützelsweiher oder Schwarzweiher bei Haundorf. Bei derartigen weiten Exkursionen musste ihnen natürlich das Essen nachgebracht werden.

Die jungen Gänse wurden alle sechs Wochen am Bauch gerupft. Die Federn dienten als Füllungen für Betten. Diese wurden verkauft und dienten als Bettfüllungen für die "vornehmen Leute", der Durchschnittsbürger begnügte sich dagegen mit einem Strohsack. Wenn die Felder abgeerntet waren, wurden die Gänse auch über die "Draadstupfl" getrieben, damit sie die ausgefallenen Körner, die verbliebenen Ähren und sonstiges Grünzeug, das dort wuchs, aufnehmen konnten.

In einer alten Dorfordnung aus unserer Gegend findet sich die Vorschrift: "Schafe und Gänse dürfen erst nach Laurentii (10. August) in die Kornstupfel, nach Bartholomäi (24. August) in die Haberstupfel getrieben werden." Die Kinder als junge Gänsehirten hatten einen besonderen Stolz, wenn ihre Gänse ein richtiges "Segel" aufwiesen, also einen vollen Kropf hatten.

Die Gänse wurden aber nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern auch zum Verkauf aufgezogen. Die meisten wurden im Herbst nach Beutelsdorf getrieben und an Kunigunde Gumbrecht, die "Gäns Kund'l", verkauft. Die Kinder bekamen für jede ihrer Gänse zehn Pfennig "Schwanzgeld", was für viele eine enorme Einnahme darstellte. In Beutelsdorf wurden die Gänse noch weiter gemästet und dann weiter verhandelt.

Erster Schwung nach Fürth

Schließlich gehörte zur Martinikirchweih in Herzogenaurach ein Gänsebraten mit Klößen und Sauerkraut ganz einfach dazu. Bis zum Zweiten Weltkrieg hielt Kunigunde Gumbrecht zeitweise bis zu 100 Gänse. Das erste Kontingent Gänse wurde von ihr selber aufgezogen und dann bereits auf die Fürther Kärwa (um den 29. September) verkauft. Dazu wurden die geschlachteten Tiere mit dem Fahrrad nach Fürth transportiert. Der "Gänspfeffer" und das Blut wurden in Gläsern mitgeführt. Der Erlös wurde für den Ankauf von weiteren Gänsen verwendet.

Denn der nächste Schwung wurde für die Martinikirchweih in Herzogenaurach benötigt, ein weiterer für Weihnachten. Die Gänse für Martini waren meist von den Wirtshäusern schon vorbestellt worden. Die letzten vier Wochen vor dem Verkauf wurden die Tiere in Beutelsdorf mit "weißen Dorsch'n" und mit Hafer gefüttert, um sie zu mästen. Schließlich sollten sie nicht gerade mager sein, wenn sie in den Wirtshäusern auf den Tisch kamen.

Dass überall in unserer Gegend Gänse aufgezogen wurden, ist an einem Spottgedicht zu ersehen: "Etzelskergn und Nankendorf, lieg'n so sehr am Teich, wenns a Herdla Gäns verkaf'n, maanen's, sie senn scho reich."