Markus Häggberg

Wir schreiben das Jahr 2016. Uns stehen eine Fußball-EM und Olympische Spiele ins Haus. Und wenn schon. Das sind nur Großereignisse, zu deren Besonderheit das Licht der Welt gehört.
Viel zu oft bleibt bei all dem Mordsgedöns aber ungesagt, was die Menschen aus den Kreis- oder Bezirksklassen so an Sportlichem leisten. Neulich, es war in der Prager U-Bahn, da erinnerte mich ein Mitreisender aus Lichtenfels an ein lokales Highlight aus den 80er Jahren, das in Lichtenfels an zwei Orten zugleich sozusagen damals stattgefunden hat. Also:
Ein junger Mann ist Mitglied im Schachverein. An diesem Tag muss er mit seinem Team zu einem Ligaspiel antreten. Aber ach, da ist noch das Tennismatch, welches er für seinen Club ja auch noch zu bestreiten hat.
Irgendwie ist da wohl was mit der Terminplanung durcheinander geraten. Blöde Sache, denn wie die meisten Lichtenfelser, verfügt auch dieser junge Mann nicht über die Gabe der Bilokation.
Bredouille, Bredouille. Jetzt ist es Samstag geworden, der Tag der Ligaspiele ist da. Ein vollgepackter Tag, denn es stehen im Tennis ein Einzel und ein Doppel an, im Schach hingegen das Derby mit einem Nachbarverein. Es geht um den Aufstieg.
Eine weniger optimistische Natur als die des jungen Lichtenfelsers hätte da ein unlösbares Problem vermutet. Aber nicht so unser Held. Denn pünktlich zum Spielbeginn des Schachkampfes setzte er sich ans Brett, gab seinem Gegner die Hand, führt als Erster den Eröffnungszug aus, setzte die Schachuhr in Gang und ... er ging wieder. Zweieinhalb Stunden pro Nase sah das Reglement damals für 50 Züge vor.
Wer also am Zug ist und nicht am Brett sitzt, dem tickt die Zeit unerbittlich davon. Je weniger Zeit, desto weniger gute Züge also, desto mehr Probleme, desto höher der Druck, desto nervöser der Spieler, desto, desto, desto ... Schach zeigt hier seine gnadenlose Seite und der Begriff Zeitnot rührt schließlich auch aus diesem Sport.
Wohin der junge Mann nach seinem ersten Zug ging, war klar. Er ging zum Tennisclub und schlug zum 15:0 auf. Vor Ablauf von zweieinhalb Stunden musste er hier auf diesem Sandplatz fertig sein, wollte er am Schachbrett noch Aussicht auf die Fortführung einer dann wohl sicher ungewöhnlich schwierigen Partie haben.
Es kam, wie es kommen musste: Der junge Mann gewann sein Tennismatch souverän, machte sich kurz frisch, fuhr zum Schachkampf und zersägte mit nur noch 20 Minuten Restbedenkzeit seinen ratlosen Gegner trotz Zeitnot nach allen Regeln der Kunst.
Dann verabschiedete er sich brav und fuhr zurück. Keinesfalls wollte er zum Doppel unpünktlich sein.