Seit gut 35 Jahren verwandelt sich die Altstadt von Zeil am ersten Augustwochenende in ein Mekka der fränkischen Gemütlichkeit. Dann feiert Zeil sein Altstadt-Weinfest. Nicht so in diesem Jahr! Corona macht auch vor Traditionsfesten keinen Halt und hat den Winzern, Brauereien, Bäckern, Metzgern, Vereinen, den Organisatoren und Veranstaltern das Geschäft verhagelt. Welche Gefühle und Gedanken begleiten die Macher, als sie das vergangene Wochenende Zeil ohne Weinfest erlebt haben?

Es war jedenfalls ruhig in der Stadt. Keine Abendserenade des Gesangvereins "Liederkranz", keine Trauben, Weingeister oder Weinbergschnecken, die durch die Straßen zogen, und keine Stände mit Wein oder anderen Köstlichkeiten.

Möglich, dass sich einige Anwohner über die ungewohnte Ruhe freuten. Aber ganz sicher tat das ausgefallene Weinfest nicht nur vielen Besuchern weh, sondern auch den Winzern, denn das Fest dient dem Image des Frankenweins und nicht zuletzt der Stadt Zeil, die das Motto "Fachwerk, Frohsinn, Frankenwein" gerne für ihre Tourismus-Werbung einsetzt.

Mehr als ein Weinfest

Bürgermeister Thomas Stadelmann fand es schade, dass das Weinfest wegen der Corona-Pandemie ausfallen musste. "Es ist ja für uns Zeiler nicht nur so ein Weinfest, sondern oft auch ein Grund, dass ehemalige Zeiler mit ihren Familien zurück in ihre Heimat kommen und sich hier mit ihren Verwandten und Freunden treffen."

Stadelmann gibt aber zu bedenken, dass das Weinfest viele Helfer erfordert, die bei einem so großen Betrieb der Gefahr einer Ansteckung ausgesetzt gewesen wären. Man müsse dieser Verantwortung gerecht werden, erklärt er. Im Moment seien die Infektionszahlen auf einem geringen Niveau, und das sollte man nicht durch ein solches Fest verspielen, hat er Verständnis für die gesetzlichen Vorgaben.

Er versucht, der Absage eine positive Seite abzugewinnen. "Das Weinfest hat sich in all den Jahren sehr bewährt, und so glaube ich, dass es nächstes Jahr noch einen größeren Reiz auf Besucher ausübt und besondere Wertschätzung erfährt. Das Fest ist auf jeden Fall eine Bereicherung für unsere Stadt."

Verträge unter Vorbehalt

Der Geschäftsführer des veranstaltenden Fördervereins, Thomas Fensel, ist froh darüber, dass es kein Gejammer unter den Vereinen gegeben habe. Anfragen habe es mehr für kleinere Feste gegeben und ob die stattfinden könnten. Aber man habe nicht über Ersatzveranstaltungen nachgedacht, da das zu viele Ungerechtigkeiten gebracht hätte: "Entweder das richtige Weinfest oder gar nicht!"

In kluger Voraussicht haben die Veranstalter laut Fensel bereits im Januar Verträge nur mit Vorbehalt abgeschlossen. Deswegen gebe es kein Risiko. "Dies galt für die Bands, Beschaller und andere Zulieferer, die wir schon für das nächste Jahr wieder auf den Schirm genommen haben. Das fanden die eine schöne Geste. Bei all dem war es auf jeden Fall gut so, dass die staatlichen Stellen vieles geregelt haben und damit nicht der örtliche Bürgermeister ,Nein‘ sagen muss - und dann vor Problemen steht."

Weinfreunde mögen sich aktuell fragen, was in so einer Zeit die "Markenbotschafter des Weins" machen. "Ich bin im Ruhestand und harre der Dinge, die da kommen", sagt Richard Schlegelmilch, der als Abt Degen die Symbolfigur des Weinfests verkörpert. Aber schon in seinem nächsten Satz bringt er sein Bedauern zum Ausdruck. "Uns fehlt heuer etwas im Jahreslauf in Zeil. Wir müssen ja auch für den Fremdenverkehr in unserer Stadt etwas tun und das hätte wieder Tausende von Gästen in unsere schöne Stadt gelockt. Ich hätte gerne wieder meinen Anteil als Abt Degen dazu beigetragen."

Und er schaut in die Zukunft: Mit Blick auf das Käppele, zu dem er immer gerne hinaufwallt, meint er, dass es trotz der eisigen Witterung im Frühjahr um den Wein und die Reben um Zeil gut stehe, und liefert dazu auch gleich die Erklärung: "Wir haben die Mutter Gottes und den Abt Degen, das bringt uns Segen."

Die Abt-Degen-Weinprinzessin Anna-Lena Werb findet es ebenfalls schade, dass das Zeiler Weinfest ausfallen musste, denn da präsentiere sich das Abt-Degen-Weintal mit allem, was es zu bieten hat. Für sie persönlich ist es eine besondere Ehre, das Abt-Degen-Weintal repräsentieren zu dürfen und damit auch für das Weinbaugebiet Werbung zu machen. Zeil ist nach ihrer Ansicht einfach ein fröhliches Fest, bei dem man alte Schulkollegen treffe und die Vereine sehr aktiv seien.

Natürlich ist sie traurig, dass sich mit der Krise alles verändert hat und viele Termine ausfallen. Aber die Gesundheit für die Bürger gehe vor, sagt die Steinbacherin. "Ich konnte in dieser Zeit fast gar nichts machen, außer zu posten oder mit Winzern Kontakt zu pflegen."

Nach ihrer Beobachtung haben Winzer für die Vermarktung kreative Ideen entwickelt wie etwa einen Weinsommer mit offenem Hoffest, Grillabende, Verkauf am Weinberg mit "wein to go", Online-Verkauf oder Präsentation ihrer Produkte über regionale Märkte.

Jetzt füllen langsam wieder Veranstaltungen und Aktivitäten ihren Terminkalender, beschreibt Prinzessin Anna-Lena. So war sie einbezogen bei einem Gespräch für einen "terroir-f-Punkt" zwischen Steinbach und Ziegelanger, einem Aussichtspunkt mit herrlichem Blick auf die faszinierende Landschaft des Weinbaugebietes. Sie war auch dabei, als dem Weingut Berninger in Ziegelanger vor kurzem der besondere Müller-Thurgau-Preis durch Bodensee-Weinprinzessin Lea Saible verliehen wurde. Am Montag, 10. August, steigt die Preisverleihung beim "Best of Gold" auf der Steinburg in Würzburg, bei der die zehn besten Weine aus der Silvaner-Heimat ihre Auszeichnung erhalten. Als Höhepunkt bezeichnet sie eine Fahrt auf einem Kreuzfahrtschiff bei Travemünde, auf dem sie einen von fünf fränkischen Weinen vorstellt.

Persönlich waren die letzten Wochen für die Weinprinzessin eine bewegte Zeit. Mit großem Erfolg absolvierte sie ihre Ausbildung zur Industrie-Kauffrau und erhielt dafür sogar einen Staatsehrenpreis. Damit nicht genug, orientiert sie sich beruflich noch einmal in eine andere Richtung und beginnt in einem Großbetrieb eine Lehre zur Elektronikerin. Die Mathematik mochte sie schon immer. Sie interessiert sich für Automatisierung und Maschinen-Programmierung, wie sie schildert.

Ihre Hobbies sollen dennoch nicht zu kurz kommen. Nach dem Motto "Zu einem guten Wein gehört ein gutes Essen" schmeckte sie in die Küche von Erec Jacobson in Zeil hinein. Zeit blieb auch für ihren Gesang beim Jugendchor "Cantarella" in Eltmann, für den sie online mitsang und zuletzt im Freien auf der Wallburg probte.

Apropos Gesangverein! Als einen der Vereine, die den Ausfall des Zeiler Weinfests wohl am meisten bedauern, darf man den Zeiler "Liederkranz" nennen. "Solange es das Weinfest gibt, gibt es auch den Serenaden- oder Konzertabend am Freitag vor dem Fest", betont die langjährige Vorsitzende Christa Schlegelmilch. Ihre Nachfolgerin Birgit Pottler-Calabria hätte sich ganz sicher einen anderen Start in ihre Amtszeit gewünscht.

Das Konzert ist für den "Liederkranz" der musikalische sowie emotionelle Höhepunkt des Vereinsjahres, und dazu kommt die finanzielle Bedeutung. Für das Konzert hatte der Verein schon Noten gekauft und eine Violinistin engagiert. Das Konzert stand und sollte unter dem Motto "Musik und Wein" über die Bühne gehen.

Mittlerweile treffen sich die Aktiven "coronakonform" jeden Freitag im Freien, um nicht ganz auf das Singen verzichten zu müssen. Über E-Mail und Postwurf wurden die Sänger und Mitglieder jeden Freitag mit Informationen versorgt. "Ich möchte, dass unser Verein nicht in Vergessenheit gerät. Am letzten Freitag, wo das Weinfest mit unserem Konzert seinen Auftakt nehmen sollte, haben wir sogar ein kleines Weinfest im privaten Kreis veranstaltet", gesteht Vorsitzende Birgit Pottler-Calabria.