"Jahreszahlen kann ich mir eh nicht merken", sagt Getrud. "Aber essen und trinken ist nicht schlecht." Deshalb hat die Unterfränkin aus der Nähe von Würzburg sich und ihren Mann kurzerhand bei "Coburg kulinarisch" angemeldet, als sie den Trip in die Vestestadt plante. Denn eine Stadtführung sollte es bei dieser Städtereise schon sein.

So stehen die beiden also neben sieben weiteren Gästen am Mittwochvormittag in der Herrngasse vor der Touristinfo und lauschen Hedda Hanft, die die Premierenführung übernommen hat. Die erste Station, das Denkmal des Gurken-Alex, ist nur wenige Schritte weit weg. Da geht es zwar weniger um die Kulinarik (Gurke) als um das Coburger Original, dem da vor gut 40 Jahren ein Denkmal gesetzt wurde. Aber die Gurke gilt ja auch nicht unbedingt als Coburger Spezialität - zumindest nicht außerhalb von Coburg.

Vorbei an Zeughaus und Weinhandlung Oertel (ehemals Hoflieferant) geht es in die Spitalgasse, aber nicht bis zum Spitaltor. Im Zusammenhang mit dem Spital wurde erstmals die Coburger Bratwurst urkundlich erwähnt. Die ist nun freilich eine der bekannten Spezialitäten. Weil aber die gemeinsame Verkostung zu lange dauern würde, gibt es für die Führungsgäste nur je einen Gutschein und einen kleinen Rundgang über den Markt mit der Geschichte von Prinz Albert und Queen Victoria in Ultrakurzfassung.

Dann ist schon der nächste Hoflieferant an der Reihe: Feylers "Coburger Schmätzchen" dürfen nicht fehlen, und Hedda Hanft verteilt je zwei säuberlich in Tütchen verpackte Plätzchen an alle. "Die schmecken wie unsere Retzbacher Pfeffernüsse, nur nicht ganz so scharf", kommentiert Gertrud, während die Gruppe weiterzieht zum Albertsplatz vor die ehemalige Bonbonfabrik Weiß. Die produziert schon seit 1975 nicht mehr, aber dafür gibt es nur wenige Schritte weiter und ganz frisch Produkte von regionalen Landwirten und aus den Milchwerken Wiesenfeld. Im "Ei-Cube" direkt an der Goethestraße stehen Automaten mit Dosenwurst, Käse, Säften und mehr. "Mein Schwiegervater war 40 Jahre lang bei den Milchwerken", sagt Petra Vinzelberg, eine der drei Bad Rodacher Führungsgäste, und beäugt das Angebot in den Automaten. Dass es sich bei dem würfelförmigen Gebäude aus Betonelementen, die normalerweise als Spaltboden in Schweineställen verbaut werden, um eine Direktvermarkterstation handelt, hatten auch die einheimischen Gäste bislang nicht mitbekommen. "Da gehört ein größeres Schild dran", sagt Petra Vinzelberg kategorisch.

Die nächsten Schritte führen auf Wege, die nur wenige Coburger kennen dürften und die für eine Gästeführung eher ungewöhnlich sind: Der Georg-Hansen-Weg schlängelt sich von der Casimirstraße zur Kuhgasse durch das neue Quartier am Albertsplatz. Kulinarisches findet sich dort zwar nicht, wenn man davon absieht, dass sich hier früher die Coburger Schlachtereien befanden, bevor der Schlachthof an der Itz errichtet wurde. Doch davon erzählt Hedda Hanft nicht, sondern berichtet am Säumarkt, dass in der Ketschenvorstadt insgesamt 40 Millionen Euro in Sanierung, Neubauten und Straßenraumgestaltung investiert wurde. "Früher hat man zugesehen, dass man mit Besuchergruppen schnell vom Bus am Anger zum Marktplatz kommt", erzählt sie. "Aber nun gibt es hier was zu zeigen!"

Anfragen bis Oktober

Vorbei am Sturmsbrunnen und am Münzmeisterhaus zieht die Gruppe wieder zum Marktplatz: Die Hofapotheke mit ihrem Hoflikör ist die letzte Station, und Hedda Hanft zieht für jeden ein Likörfläschen aus ihrem Korb. Den Coburger Kloß behandelt sie aus praktischen Gründen nur in der Theorie: Besuche in Gasthausküchen sind - nicht nur wegen Corona - schwer zu machen. Aber sie kann ortsfremden Gästen Tipps geben, wo sie die Rutscher verkosten können. Wenn die Besucher sich daraufhin entschließen, ein paar Stunden länger in Coburg zu bleiben, ist das aus Sicht von Tourismus-Chefin Katrin Wortmann ein netter Nebeneffekt. Sie hatte den Anstoß für die Kulinarik-Führung gegeben und sie gemeinsam mit der Stadtführer-Gilde ausgearbeitet.

Sie habe in anderen Städten erlebt, dass das Thema Kulinarik gut ankommt, und Coburg habe mit der Hoflieferanten-Führung ja auch schon eine Grundlage, sagt Wortmann. Dass schon die erste Führung fast ausgebucht war, stimmt Karin Wortmann und Hedda Hanft zuversichtlich, dass auch die weiteren Termine angenommen werden. Bis Ende Oktober seien jedenfalls schon Anfragen da, sagt Karin Wortmann.

Gertrud aus Würzburg jedenfalls würde die Stadtführung weiterempfehlen. "Das ist genau die richtige Mischung", sagt sie. "Aber man sollte in der Ankündigung darauf hinweisen, dass man sich nicht durch Coburg isst." Immerhin: Die Bratwurst hat ihr geschmeckt.