Die Freude in Küps ist groß: Die 8000 Einwohner große Marktgemeinde bekommt wieder eine Kinderärztin. Beatrix Wenzel zieht von Lichtenfels in den Kreis Kronach und eröffnet in der Ortsmitte eine Praxis. Keine andere Nachricht auf der gemeindeeigenen Facebook-Homepage hat so viel Zuspruch erfahren wie diese. "Ein Wahnsinns-Gewinn für Küps" und "Bin ich froh. Momentan fahren wir bis nach Rödental" sind nur zwei der begeisterten Kommentare.

Wie wichtig eine Kinderarzt-Praxis in der nahen Umgebung ist, weiß der Küpser Bürgermeister Bernd Rebhan: "Dass Fachkräfte nicht auf den Bäumen wachsen, wissen wir alle - und Ärzte sind ein wichtiger Standortfaktor. Das ist eine tolle Bereicherung für uns."

Dass es einen Mediziner von außerhalb in den beschaulichen Landkreis Kronach zieht, ist eher die Ausnahme. Doch es kommt vor. Dafür ist ausgerechnet einer der beiden Kronacher Kinderärzte ein lebendes Beispiel: Hans-Dieter Eisner hat vor fast 20 Jahren Kronach kennen und lieben gelernt. Damals erhielt der gebürtige Oberpfälzer das Angebot, die Praxis von einem Kollegen zu übernehmen, griff zu - und hat den Schritt bis heute nicht bereut. Ganz der Kinderarzt, berichtet er stolz: "Heuer wird meine Praxis volljährig. Kronach war eine sehr gute Entscheidung."

Zwei Ärzte für 10 000 Patienten

Gemeinsam mit seinem Kollegen ist Eisner für knapp 9500 Kinder und Jugendliche im Kreisgebiet zuständig. Laut Richtlinien der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) sollte ein Kinderarzt in einem sogenannten eigenversorgten Bereich wie Kronach maximal 2862 junge Patienten versorgen - rechnerisch kommt der 54-Jährige bislang noch auf die doppelte Anzahl. "Wir haben bei uns inzwischen einen begrenzten Aufnahmestopp." Das bedeutet, dass Eisner zwar Neugeborene und zugezogene Patienten aufnimmt, jedoch keine, deren Eltern lediglich den Arzt wechseln wollen. "Wer einen Kinderarzt hat, soll zufrieden sein."

Denn zu wenig zu tun hat Eisner keineswegs: Etwa 1500 Behandlungen führt er pro Quartal in seiner Praxis durch. Seine reine Praxiszeit beträgt 35 Stunden die Woche. Hinzu kommen in Einzelfällen Hausbesuche, Fortbildungen und Notdienste - etwa 90 Stunden im Jahr. "Früher waren das teilweise 24-Stunden-Schichten", erinnert sich Eisner. Inzwischen seien die Schichten - Sitzdienste in der Bereitschaftspraxis und Fahrdienste - nur noch zehn Stunden lang. "Außerdem haben wir jetzt Fahrer, was die Sache entspannt." Weiter kann er Schichten an Kollegen abgeben, die sich etwas dazuverdienen möchten.

Falls einmal ein Hausbesuch anstehen würde, bietet Eisner inzwischen auch virtuelle Sprechstunden an. Über eine App auf dem Tablet oder Smartphone können Eltern und ihre Kinder mit Eisner videochatten. "Eine Handvoll Patienten nutzt diese Möglichkeit bereits, falls es um kleine Beschwerden, wie einen Ausschlag, geht." Gerade zu Corona-Zeiten, wo manche den Besuch in der Praxis meiden, sei die Video-Sprechstunde eine sinnvolle Ergänzung.

Langweilig werde sein Beruf nie. Die Arbeit mit den Kindern halte jung und die Eltern seien allesamt freundlich. "Trotzdem nehme ich mir immer vor, die Praxis um 18 Uhr zuzumachen und nach Hause zu gehen - und das gelingt auch meistens", erzählt Eisner schmunzelnd. "Ich kann den Landkreis Kronach nur weiterempfehlen."

Zu wenig Studienplätze

Den fortschreitenden Ärztemangel auf dem Land betrachtet der erfahrene Mediziner mit Sorge. "Ich schätze, dass sich die Situation in den kommenden Jahren weiter zuspitzt." Nur, wenn mehr angehende Mediziner zum Studium zugelassen werden, so glaubt Eisner, würde es auch mehr Ärzte aufs Land ziehen. Bei vielen Universitäten finde bereits ein Umdenken statt. An der Uni in Göttingen ist es inzwischen möglich, unter bestimmten Voraussetzungen, wie einer fachverwandten Ausbildung und mehrjähriger Berufserfahrung, auch ohne Abitur Medizin zu studieren. Eisner selbst - er begann seine medizinische Karriere mit einer Ausbildung zum Chemielaborant - kam über den zweiten Bildungsweg zum Medizinstudium.

Auch die veralteten Bedarfszahlen der KVB stießen in der Vergangenheit immer wieder auf Kritik, weshalb die Richtlinien zur Berechnung im vergangenen Jahr geändert wurden (siehe unten). Vor allem im nördlichen Landkreis drückt nach wie vor der Schuh. Die Gemeinde Steinbach am Wald bemüht sich bereits seit Jahren um einen Kinderarzt - bislang vergebens. "Es sind einfach zu wenig Ärzte auf dem Markt." Bürgermeister Thomas Löffler lässt nichts unversucht und hat zuletzt sogar mit einer Gemeinschaftspraxis verhandelt, die bereits zwei Praxen in Hof und Naila hat. Die Idee war, dass so ein Mediziner zumindest an zwei Tagen pro Woche die Kinder aus Steinbach und Umgebung vor Ort behandeln könnte. "Steinbach und die umliegenden Gemeinden kommen zusammen auf 17 000 Einwohnern", rechnet Löffler vor. "Das entspricht einer Arztstelle. An Nachwuchs mangelt es uns definitiv nicht."

Doch diese Hoffnung hat sich inzwischen zerschlagen. "Die Praxis hat uns abgesagt, weil sie selbst nicht die Kapazitäten haben, jemanden nach Steinbach zu schicken." Dabei seien die Voraussetzungen vorhanden. "Es stehen zwei Immobilien zur Verfügung und wir würden auch sonst alle notwendigen Rahmenbedingungen schaffen, damit sich ein neuer Kinderarzt in Steinbach wohlfühlt", verspricht Löffler. "Eine gut gehende Apotheke haben wir auch."

Auch wenn die Absagen zermürbend sind: Aufgeben will Steinbachs Bürgermeister nicht und überlegt nun, einen "Headhunter" - eine Art Vermittler für Ärzte - einzuschalten. Eisner und seine Kollegin aus Lichtenfels beweisen: Wunder gibt es immer wieder.